Pendulum - Immersion

 

Immersion

 

Pendulum

Veröffentlichungsdatum: 21.05.2010

 

Rating: 6 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 28.05.2015


Der poppige Elektronik-Rock ist am Laufen, nur der Blick zurück verhindert einen wirklichen Sieg.

 

Grundsätzlich kann man Meinung haben, welche man will. Man darf nur nie durchblicken lassen, dass man keine Ahnung hat, wovon man da eigentlich redet. Dann geht alles vom Eintreten für die Diktatur bis zu der absoluten Hirnrissigkeit Pfefferminzeis als geschmacklich ansprechend zu empfinden. Insofern ein missglückter Köpfler mit Anlauf, wenn die Ausgangslage für diesen Review ist, dass ich keinen Dunst hab, was im Drum 'n' Bass so abgeht. Von Expertise darf also schon gar keine Rede mehr sein, viel mehr ist es eine..... Was ist nochmal das Gegenteil von Expertise? Naja, auch egal. Einen großen Vorteil hat die Sache nämlich: Man muss Pendulum nicht gleich an ihrem Genre-Ethos und dem offensichtlichen musikalischen Ausverkauf messen, sondern kann die Karriere der Band mal abseits solcher Animositäten beurteilen. Und das macht "Immersion" zum besten Stück der Australier, ob sie es wollen oder nicht.

 

Was ganz einfache und so gar nicht noble Gründe hat. Denn aus Pendulum, der innovativen Drum 'n' Bass-Schmiede, wurde über die Jahre Pendulum, das Muse der Elektronik. Also irgendwie pompös, großspurig und mit viel mehr Rock als in den erfinderischen Anfangstagen. Na, kommt schon Vorfreude auf? Wenn dem nicht so ist, dann passiert das vielleicht mit dem Hinweis auf die gute Verdaulichkeit, ja, sogar wirkliche Genießbarkeit der neuen in Synth-Pop getränkten Tracks. Denn früher war das mitunter herrlich anstrengend, wenn einem diese Songs zwischen aggressiver Penetranz und einschläfender Gleichförimgkeit entgegen geflogen sind. Jetzt ist das anders, die eindrucksvolle Leadsingle Watercolour ist dafür zu sehr darauf bedacht einen mit ihrer Größe zu beeindrucken. Ob es letztlich die Größe macht, bleibt dahingestellt, doch der Track weiß vom anschwellenden Synth-Intro mit Top-Beat weg zu gefallen. Auf den vor Pathos triefenden Keyboard-Part mit Rob Swires gesanglichem Einstieg, der sich trotz allem nicht emotionslos gibt, folgt nämlich präzise gezimmerter Elektronik-Rock, der mit dem treibenden Beat, der erfrischenden Synthie-Ladung und der starken Performance von Swire fast alle Stückl'n spielt.

 

Die Geschichte eines Albums, möchte man fast glauben. Den Australiern ist es nämlich wirklich gelungen, das missratene Rock-Experiment des Vorgängers diesmal richtig umzusetzen und mit ordentlichen Vocals und stark ausbalancierten Bauteilen aus der Synthetik-Abteilung zu versehen. Die sphärischen Klangwände und unaufdringlichen Klavier-Sounds von The Fountain schlagen da ebenso zu wie das aggressivere Crush, das sich mit ansprechendem Riff präsentiert. Auf Stadiongröße getrimmt sind sie beide, doch den auf den ersten Blick kühl wirkenden Arrangements wohnt mehr Charakter inne, als die berechenbaren Strukturen einen glauben lassen würden. Dafür allen voran verantwortlich, ist die Tatsache, dass die verschiedenen Gesichter der Band, vom Dubstep bis zum trockenen Rock und catchy Pop, viel reibungsloser ineinander fließen, als man das von früher kennt. Die dynamischen Drums vertragen sich gut mit den spärlichen Klavier-Einsätzen und den dezenten Gitarrenpassagen, allen voran dem großartigen Outro von Crush. Und so geht dann auch der banal vor sich hin stampfende Beat von The Island Pt. 1 (Dawn) mit seinen Retro-Synthies auf, genauso wie der abschließende Romantik-Pop von Encoder, der sich auch von glatt produzierter Süßlichkeit nicht vernichten lässt.

 

Wo doch alles so super scheint, sollte die Geschichte von "Immersion" doch noch zu Ende erzählt werden. In einem Versuch auch die alten Tage und neuen Dubstep-Vergnügungen unterzubringen, hinterlässt die Band nämlich auf fast 70 Minuten ein zerrissenes Album. So etwas wie Flow erlaubt man sich nicht, werden die starken Mainstream-Momente doch immer wieder postwendend von schwierigen Elektronik-Hämmern abgelöst. So einem begegnet man ohnehin schon gleich zu Anfang in Form von Salt In The Wounds. Und der macht einem das Leben ziemlich schwer, ergießt sich doch in zäher Überlänge ein lauter, aggressiver Instrumental-Brei vor einem, der mit schrillen Computer-Spielereien negativ im Gedächtnis bleibt. Ähnlich wenig kann Comprachicos, ein zwischen Brachial-Beat, Industrial-Schick und hyperaktiver Härte gefangenes, unrühmliches Erinnerungsstück an "In Silico". Der Boden des Fasses ist aber erst mit dem schmerzhaften Techno von The Island Pt. 2 (Dusk) erreicht. Zugegeben, der eklektische Misch-Masch aus ohrenbetäubender Elektronik-Dampframme und dem hymnisch inszenierten Mittelteil hat etwas, den Beat überleben aber dann doch nur die Härteren.

 

Dabei geht offensives Vorpreschen ohnehin viel besser. Zum einen hätten wir das verspielte The Vulture, das sich stilistisch an The Prodigy anhält, helle Elektronik-Sounds gut mit den harten Riffs kombiniert. Streichelweich sind die Riffs aber im Vergleich zur starken Vorstellung der Metal-Gäste von In Flames, die sich in Self Vs. Self lautstark verewigen. Ein schwer einzubauender Stilbruch, den sich die Australier mit dieser deftigen Vorstellung hier zumuten. Die Rechnung geht aber auf, weil die Arbeit an der Gitarre sitzt, die Drums ein nettes Schäuferl Energie abbekommen haben und die Schweden rund um Sänger Anders Fridén den Song quasi fehlerfrei dirigieren. Vielleicht darf es dann doch ein klein wenig ruhiger oder zumindest gewohnter zugehen. Dafür gibt's aber ohnehin Witchcraft, das sich wieder im Elektronik-Rock ansiedelt. Mit atmosphärischen Gitarreneinsätzen und starker Performance von Swire am Mikro geht ja auch einiges.

 

Was, die Band will es offenbar so, auf der dritten Pendulum-LP nicht immer herauszuhören ist. Es ist ein elendigliches Auf und Ab, das sich zwar nur selten ins Bodenlose verirrt, aber von Konstanz dann auch wirklich weit entfernt ist. Vor allem die Blicke in den Rückspiegel, die die Band wieder in vertraute, fast komplett elektronische Gefilde führen, zerstören öfter mal das kurz vorher Gebotene. Die gelingen zumeist nicht besser als früher, eher sogar noch höhepunktsloser. Umso wichtiger, dass in der neuen Spielwiese des Elektronik-Rock eine wirklich respektable Konsolidierung stattgefunden hat. Dort wird viel rausgerissen, denn auch aufgeblasene Stadiongröße kann in Form dieser Songs für Unterhaltung und in wenigen Momenten sogar für Emotion sorgen. Nur das ganze Album sollte eben partout nicht so sein, warum auch immer.

 

Anspiel-Tipps:

- Watercolour

- Crush

- Witchcraft