Nico - Desertshore

 

Desertshore

 

Nico

Veröffentlichungsdatum: ??.12.1970

 

Rating: 9.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 21.03.2018


Die unerbittlichste vorstellbare Mischung aus emotionaler Offenbarung und eisiger Endzeitstimmung.

 

Es gibt Momente, da sieht man das Ende nahen. Angeblich sehen viele Leute in diesen Momenten auch ihr ganzes Leben an sich vorbeiziehen, vorzugsweise wahrscheinlich die guten Szenen - weil wann Selbstbetrug, wenn nicht wenigstens dann... -, als eine Art sich selbst verschriebenen Trost im Lichte des oft nicht gerade großen Finales. Um vom tödlichen Hauch wegzukommen, enden können auch ganz andere Dinge: Jobs, Beziehungen, Bands, die Haltbarkeit von Edamer. Nicht alles dramatisch, nicht einmal zwingend negative Ereignisse, aber nachdem Nico im Zentrum des Reviews steht, bleibt wenig Platz für die Wiederauferstehung, die ein solcher Abschluss mit sich bringen kann. Und trotzdem hat die Dame, die von mir dank Vorgänger "The Marble Index" zur Eisprinzessin gekürt wurde, mit ihrer dritten Solo-LP eine Brücke geschlagen zu dieser positiven Seite, ohne ihr auch nur annähernd nahe zu kommen. Das Ergebnis ist der Gipfel des Bitteren, dessen beeindruckender künstlerischer Aspekt im düsteren Schatten erkälteter Gefühlsanwandlungen sein Dasein fristet.

 

Aus dieser Kombination kann nichts weniger als ein Meisterwerk entstehen. "Desertshore", eher nebenbei und wertungstechnisch komplett unbedeutend Teilsoundtrack zu "La cicatrice interieure", ist ein solches Meisterwerk, ohne gleichzeitig das Gefühl eines Triumphs zu vermitteln. Wenn denn doch, dann einzig in der Hinsicht, dass all das, was auf dem Vorgänger in abenteuerlich avantgardistischer Manier an musikalischen Territorien erschlossen wurde, diesmal in kanalisierter und perfektionierter Form präsentiert wird. Doch die frostige Aura, die noch zwei Jahre zuvor eine ganze LP dominiert hat, ist diesmal einem ambivalenteren Ganzen gewichen, dessen emotionaler Kern ein finaleres, gleichzeitig aber melancholischeres Wesen annimmt. Um nichts weniger majestätisch, eher sogar das Gegenteil, kreieren Nicos geliebtes Harmonium und John Cales allgegenwärtige, klassizistische Streicher-Passagen zumindest den Anschein von Wärme, wo effektiv trotzdem nur Ernüchterung, Einsamkeit, Wahnsinn und Tod zu finden sind.

 

Vielleicht ist es am ehesten der Wahnsinn, repräsentiert durch Opener Janitor Of Lunacy, dessen ummantelnde Harmonium-Dissonanzen noch Erinnerungen an eisige musikalische Landschaften wecken. Der Song kennt ohne Begleitung durch Celli oder Violinen keine warme klangliche Komponente, lebt von der kongenialen Paarung aus Nicos abgehacktem, vom charakteristischen harten Akzent geprägten Gesang und den schweren, orgelgleichen Tönen, die sich träge ausbreiten. Simple Mixtur, allerdings wirksam und dementsprechend stimmungsmäßig vernichtend genug, um als perfektes Exempel der einzigartigen, bei Zeiten überwältigenden Qualitäten der Deutschen dazustehen.

Während die LP vor solchen beeindruckenden Momenten strotzt, ist in der Folge die Aura, die von den bedeutendsten Minuten ausgeht, eine eher wehmütige, berührend und tiefgreifend emotional. Diesmal allerdings auch mit deutlichen Spuren in der Stimme, anstatt diese zum Instrument beinahe apathisch wirkender Rezitationen zu machen. Anders gesagt, die Nico, die mit Abschied ein fesselndes, zwischen klassischer Romantik und mittelalterlicher Tonalität steckendes Requiem präsentiert, wirkt involviert und höchstselbst vom Verlust ummantelt. Ob das der Realität entspricht, kann angezweifelt werden, rein textlich wirkt der Song nämlich genauso erdrückend wie dem Nahbaren fern, beinahe entrückt in märchenhafte Sphären. Eben Nicos Terrain.

 

Dort und nirgendwo sonst entfalten sich ihre Stärken ohnehin am besten. Die bleierne Schwere von The Falconer mitsamt beinahe Industrial-Züge annehmender steriler Kälte kommt genauso aus dieser Richtung wie das schwer fassbare Mütterlein, dessen Klang absolut keinen Rückschluss darüber zulässt, ob die spärlichen Klavier-Akkorde und die schwelenden Harmonium-Töne jetzt Unterboden für positive oder negative Emotionen sein sollen. Was auch damit zu tun hat, dass Nicos starrer Gesang eine morbide Atmosphäre mit sich bringt, die die Interpretation der Liedzeilen unweigerlich in eine Richtung treiben:

 

"Liebes kleines Mütterlein

Nun darf ich endlich bei dir sein

Die Sehnsucht und die Einsamkeit

Erlösen sich in Seligkeit"

 

Jetzt ist das mit der potenziellen Todessehnsucht so eine Sache. Man darf sich da in der Interpretation nicht zu weit hinauslehnen, es könnte auch einfach ein Song aus der Perspektive ihres Sohnes sein. Aber trotzdem, Nico eben. 

 

Nico eben ist auch ein passendes Motto, nähert man sich den zumindest verhältnismäßig exzentrischen Vorstellungen des Albums. Das finale All That Is My Own markiert den musikalisch abenteuerlichsten Beitrag, der nicht nur von einem hymnischen Gemisch aus Trommeln, Bläsern und hohen Harmonium-Akkorden eingeläutet wird, sondern sich mit Cembalo-Klängen und prägnanten Violin-Passagen zum abstrakten Chamber Pop entwickelt. Den gespenstischen Touch nimmt dem Closer aber auch diese Beschreibung nicht, es bleibt ein bizarres Schauspiel. Was immer noch leichter zu verarbeiten ist als beispielsweise das beinahe komplett a cappella gesungene My Only Child, dessen Harmoniegesang irgendwo zwischen Schlaflied und Totengesang liegt, was dem harmonischen Ton des Textes den gewohnt unwirklichen Charakter verleiht. Ein Mal, ein einziges Mal entflieht Nico dieser Wirkung, nämlich mit dem bittersüßen Afraid, dem autobiografische Züge anhaften. Auf ungewohnte Art fangen da Musik und Text gleichermaßen die ambivalente Mischung aus jugendlicher Hoffnung und Angst ein. Das ist ein Eindruck, der inmitten der aufzehrenden, komplett vereinnahmenden dunklen Atmosphäre nicht lange besteht. Selbst das kurze Cembalo-Stück Le Petit Chevalier wirkt, von ihrem Sohn gesungen, unwirklich und beklemmend, trägt einen kleinen Teil zur vernichtenden Aura des Albums bei.

 

Und ist somit, obwohl an sich musikalisch relativ wertlos, ein winziger Beitrag zum großen Meisterwerk, das "Desertshore" zweifellos darstellt. Man kann relativ rasch zu dem Schluss kommen, dass die LP, obwohl keine 30 Minuten lang, das Magnum Opus der deutschen Singer-Songwriterin ist. Diese Tatsache erscheint allerdings komplett nebensächlich im Lichte der Wirkung, die diese acht Lieder entfalten können. In Wirklichkeit vereinen sie dabei zu viele Adjektive, um vollständig eingefangen zu werden, die majestätische, vermeintlich träge und beinahe melodiefreie Schwere in Kombination mit Nicos ureigener Mischung poetischer Lyrik und ihres - diesmal nur fast - gefühllos erscheinenden Gesangs ist gleichermaßen eindrucksvoll wie potenziell zerstörerisch. Zu der arktischen Kälte, die den Vorgänger ausgemacht hat, gesellt sich eine bittersüße Note, die "Desertshore" wieder etwas mehr in der Realität verankert. Das macht den emotionalen Effekt aber umso gravierender.