Nick Drake - Pink Moon

 

Pink Moon

 

Nick Drake

Veröffentlichungsdatum: 25.02.1972

 

Rating: 9 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 07.03.2020


Der Endpunkt einer tragisch verlaufenen Karriere, an dem Tristesse und Schönheit zueinander finden.

 

Nick Drake hat nicht viel gebraucht, um zum primus inter pares der einsamen Singer-Songwriter mit nichts als einer Gitarre in der Hand zu werden. Na gut, er musste dafür erst einmal sein Leben auf eher tragische Art verleben und beenden und selbst dann hat es noch ein paar Jahre gebraucht, bis dann mal die allermeisten draufgekommen sind, wen sie da die ganze Zeit übersehen haben. Aber letztlich ist er aufgestiegen in den musikalischen Olymp, wo er mittlerweile nicht mehr wegzubringen ist. Und gebraucht hat es dafür gerade einmal drei Alben, nicht einmal zwei Stunden an Material. Wobei ja das fast schon zu viel ist, in Wirklichkeit braucht es nämlich kaum eine ganze LP, um Drakes Musik komplett zu verfallen. Dann wiederum gäbe es aber diese genüsslichen Diskussionen darüber nicht, wann der Brite seinen künstlerischen Höhepunkt, seine Vollendung erreicht hat. Hier scheiden sich die geschmacklichen Geister, was sicher auch damit zusammenhängt, dass Drake selbst mit dem seinem Mythos nicht unbedingt entgegenarbeitenden "Bryter Layter" nicht wahnsinnig geschwächelt hat. Insofern hat man drei Alben und findet für alle das eine oder andere Pro, genauso wie vereinzelte Contras. Bei "Pink Moon" ist das nicht anders, auch wenn der finale Akt des Nick Drake vielleicht sogar sein abweisendster ist.

 

Dass das so ziemlich gar nichts ausmacht, liegt hauptsächlich darin begründet, dass Drake höchstens insofern abweisend agieren kann, als dass sich seine immerwährende Zurückgezogenheit und Kryptik hier noch einmal verstärkt hat. Dadurch regiert ein musikalischer Minimalismus, der selbst "Five Leaves Left" lebhaft erscheinen lässt. Daraus ergibt sich das Paradoxon, dass Drakes dritte LP zwar nicht minder schön ist als seine beiden anderen, diese aber gleichzeitig von einer grundsätzlichen Tristesse durchzogen ist, die man einfach nicht überhören kann. Folgerichtig hört man diesmal auch nicht mehr als samtweichen, teils nur gehauchten Gesang und das übliche, kristallklare und zerbrechliche Gitarrespiel. Lediglich am eröffnenden Titeltrack hat sich dazu noch ein Klavier eingeschlichen, das auch gleich mithilft, Pink Moon zu einem der Höhepunkte des Albums zu machen. Dominant ist aber auch da das minimalistisch angelegte Werken an der Gitarre. Und natürlich diese Stimme, die hier noch vollkommene Friedfertigkeit ausstrahlt, die aber im Albumverlauf immer mehr eine verlorene Einsamkeit zu verkörpern scheint.

 

"Pink Moon" verzichtet in der Folge auf große Wandlungen oder musikalische Verrenkungen, die mit der spärlichen Instrumentierung ohnehin nicht möglich wären. Stattdessen versinkt man in einer knappen halben Stunde großartiger, sanfter Melodien, die sich trotz moderater Tempounterschiede kaum unterscheiden, ob sie nun im eindringlichen Road oder im nicht minder starken Parasite vorkommen. Wenn diese LP in diesem Sinne etwas ist, dann ein imposantes Lehrbeispiel dafür, welch eindringliche Szenerie man mit nicht mehr als einer akustischen Gitarre kreieren kann, wenn man denn die nötige Stimme und insbesondere das erforderliche Gefühl für beides mitbringt. Nachweislich hat Drake dieses in exorbitantem Ausmaß und es bringt mich ein bisschen in die Bredouille, dass ich selbiges bereits ausführlich zu seinem Debüt anmerken durfte. Nun ist dieses Album hier lediglich ein weniger lebendiges, eines, das nach Einigelung und ein bisschen nach Resignation riecht und deswegen folgerichtig kaum etwas mit den Streichern anzufangen wüsste, die auf seiner ersten LP noch so oft zu hören waren. Ansonsten hat man es mit denselben Charakteristika zu tun, die bereits ein paar Jahre davor den Sound dominiert haben. Und nichts könnte besser klingen. Vielleicht ist es dabei insgesamt ein winziger Makel, dass man Drakes Lyrik nicht so ganz folgen kann. Sie scheint nur noch uneindeutiger und undurchsichtiger geworden zu sein, sodass der Brite als ein eindrucksvoller Zeichner von Stimmungsbildern verbleibt, die direkte Eindringlichkeit eines Liedes wie Day Is Done hier jedoch vergeblich gesucht wird.

 

Was wiederum "Pink Moon" für sich beanspruchen kann, ist eine Zerbrechlichkeit, die ihresgleichen sucht. Kaum besser ließe sich das verdeutlichen als durch das atmosphärische Zupfen im Instrumental von Horn, dessen im Nichts verhallende Töne einen unerwarteten, weil ohne Drakes Gesang auskommenden Höhepunkt des Albums bilden. Abseits davon ist man wiederum primär stimmlich vereinnahmt, am ehesten wohl im abschließenden From The Morning, dessen luftiger Klang einen fast positiven und damit erst recht irritierenden Schlusspunkt setzt:

 

"A day once dawned, and it was beautiful

A day once dawned from the ground

Then the night she fell

And the air was beautiful

The night she fell all around

 

So look see the days

The endless coloured ways

And go play the game that you learnt

From the morning"

 

Damit ist auch in puncto Beschreibung beinahe am Ende angelangt, weil es kaum lohnt, über Minuten wie jene von Things Behind The Sun mehr zu sagen, als dass sie weitere, dezente Schönheit bringen, wenn auch nicht unbedingt in der Form, die uns Drakes besten Momenten nahe bringt.

Obwohl, etwas verdient dann doch noch gesonderte Erwähnung, leider jedoch eine negative. Der einzige vollkommen verfehlte Song des Albums, Know, könnte auch der schlechteste in Drakes gesamtem Œuvre sein. Etwas an den stotternden, hohlen Zupfern an der Gitarre und Drakes lange monotonem Summen wirkt hier komplett deplatziert, entzieht sich jeglicher Stimmung und Atmosphäre oder musikalischen Schönheit, die sonst so dominant ist. Immerhin ist das auch mitten im Album nicht störend genug, um die übrigen Kompositionen und den musikalischen Fluss zu beeinträchtigen.

 

Deswegen ist "Pink Moon" auch mit einem ziemlichen Flop an einer Stelle immer noch ein herausragendes Stück des klassischen Singer-Songwritertums. Die LP bestätigt lediglich, was vorher bereits bekannt war, nämlich dass Nick Drake zu den besten seiner Zunft gehört und trotz oder gerade wegen der selbstgewählten instrumentalen Limitierung wie wenige andere atmosphärische und berührende Minuten schaffen kann. Womöglich ist ihm das mit diesem, seinem musikalisch einfachsten Album am besten gelungen, auch wenn das sicherlich Diskussionsstoff bietet. Fernab so ziemlich jeder Diskussion kann man diese elf Songs jedoch als wieder einmal großartige Arbeit bezeichnen, genauso wie sie ein Dokument der resignierten Zurückgezogenheit des späten Nick Drake ist, nachdem die versuchte kommerzielle Öffnung mit "Bryter Layter" fehlgeschlagen ist. Auch deswegen ist es bei nur drei Alben geblieben, die einem aber auch Jahrzehnte später immer noch die schwere Wahl überlassen, welches denn nun das beste ist: Der fast unschuldige, von vollendeter Schönheit geprägte Anfang, das musikalisch ambitioniertere, aufwendiger ausstaffierte Zwischenspiel, oder der reduzierte minimalistische, von der Melancholie in die Düsternis abdriftende Abschluss. Wirklich falsch liegen kann man da nicht.

 

Anspiel-Tipps:

- Pink Moon

- Horn

- Parasite

- From The Morning