Neil Young - Greendale

 

Greendale

 

Neil Young & Crazy Horse

Veröffentlichungsdatum: 19.08.2003

 

Rating: 6 / 10

von Mathias Haden, 21.04.2016


Die Geschichte einer fiktiven Kleinstadtfamilie als schrullig vereinheitlichendes Konzept universeller Ideale.

 

Im Leben jedes Mannes kommt einmal der Moment, in dem er sich auf das lauschige, einfache Leben zurückbesinnt, die Gelassenheit der ländlichen Provinz plötzlich den aufregenden Vorzügen der Großstadt vorziehen würde. Die Flucht aus dem urbanen Raum bietet sich in weiterer Folge als ernst zu nehmende Option an, um das nervenaufreibende Gewusel aus dem Rückspiegel betrachten zu können. Ob hochfrequentierte Besuche in der Sommerresidenz oder doch die endgültige Abwendung von Alltagsstrapazen, Smog und kabellosem Telefon, bleibt letztlich jedem selbst überlassen. Andere wiederum betreiben die partielle Stadtflucht als Stressabbau ja auch beim Fischen. Oder beim Wandern. Oder beim Ausdenken einer fiktiven Küstenstadt. Neil Young dürfte sich, als Eigentümer einer Ranch in Nordkalifornien und als mother nature's son, mit solcherlei Themen nicht mehr allzu viel befassen - und doch bezieht sich dieser letzte Satz direkt auf ihn und sein schrulliges Konzept Greendale, das mittlerweile auch schon wieder dreizehn Jahre auf dem Buckel hat. Das ambitionierte Projekt, das neben der knapp 80-minütigen Erzählung von den einzelnen Charakteren und Begebenheiten, die sich in der gleichnamigen Ortschaft finden, auch für Themen wie jenes der Umwelt Platz findet, vereint Young erneut mit seinen langjährigen Gefolgsleuten von Crazy Horse und deren unverkennbarem Gitarrenspiel.

 

Mit denen hatte der Kanadier ja schon einige seiner besten Platten eingespielt, umso höher war die Erwartung, nach dem verrissenen letzten gemeinsamen Album (Broken Arrow, 1996) wieder eine Kollaboration oberer Güte aufgedrückt zu bekommen. Das Artwork stimmt jedenfalls positiv. Und auch sonst haut einiges hin, am immerhin schon 26. Longplayer der Folk-, Rock- und Grunge-Koryphäe. Mit den Horse bzw. dem, was von ihnen übrig geblieben ist - Frank Sampedros zweite Gitarre fehlt diesmal - , pendelt sich die LP den Erwartungen entsprechend in der zweiten Schublade ein. Zwar ist der Gitarrensound ohne Sampedro dünner, doch hindert das die Anwesenden nicht daran, ihr Ding wie gewohnt durchzuziehen. Dementsprechend sind Überraschungen praktisch nicht vorhanden, schrammeln die Musiker von Opener Falling From Above weg, in fast besorgniserregender Souveränität. Young skizziert das Alltagsleben der Großfamilie Green in der Kleinstadt Greendale, er berichtet von einem Mord, der das beschauliche Leben der Familie gehörig auf den Kopf stellt. Von Double E, der Farm bzw. dem Hauptsitz der Familie. Von Officer Carmichael, den Sohnemann Jed Green in schierer Panik vor der Entdeckung seiner Drogen im Auto erschießt. Vom Großvater, der sich den lästigen Reportern mit der Aussage "Those people don't have any respect  / so they won't get any of mine." und einer Schrotflinte entgegenstellt. Und in der selben Szene schließlich an einem Herzinfarkt dahinrafft (Grandpa's Interview). Und letztlich von Sun Green, die, mit einem Megaphon und cleveren Sprüchen bewaffnet, zur heroischen Aktivistin gegen korrupte Politiker und Umweltverschmutzung wird.

 

Ein Album also, das sich nahezu ausschließlich über seine Texte erschließt. Die Musik besteht überwiegend aus gleichförmigen, langen Jams, die den Fokus nicht von der Erzählung weglenken sollen. Auch macht dieses narrationsdienliche Konzept ein Herausheben einzelner Tracks nahezu obsolet. Nahezu. Weil die akustische Ballade Bandit mittendrin plötzlich einen Gang zurückschaltet, vom ersten quasi in den Rückwärtsgang, und Young für fünf berührende Minuten seinen Sprechgesang gelegentlich in den Hintergrund stellen lässt. Oder weil die Mundharmonika Leave The Driving, das gänzlich von seinem lässigen Drumbeat getragen wird, eine angenehme Bluesstimmung verleiht und die sanfte Orgel dem Albumquickie Bringin' Down Dinner eine melancholische Note auf den Weg mitgibt. Oder aber auch, weil das längste Stück (knappe dreizehn Minütchen), Grandpa's Interview, trotz seiner Länge niemals langweilt. Dank starker Bandperformance, bei der sich Rhythmussektion und Gitarren gegenseitig nichts nehmen, und einem wirklich coolen Drive.
Andersrum kann man sich genauso leicht an den nervigen "Greendale"-Backgroundchants von Devil's Sidewalk stören. Oder am schier endlosen Sun Green, auf dem sich neben ähnlich unguten Hintergrundgesängen auch ranzige Halleffekte und Megaphongebell ein Stelldichein geben. Der Zweck (besagte Politik- und Umweltissues) heiligt dann doch nur bedingt die Mittel. Oder, um es endlich direkt auszusprechen, weil 80 über weite Strecken spannungsbefreite Minuten Musik dann doch schwer zu schlucken sind.

 

So, jetzt ist es also draußen. Hat ja ganz schön lange gedauert, diese Essenz eines Fazits einzukreisen. Greendale ist ein bemerkenswertes Konzept, das in seiner Form, die Geschichte einer Kleinstadtfamilie mit dem Hintergrundgeschrammel der langjährigen Weggefährten zu untermalen, überraschend gut aufgeht. Die Charaktere funktionieren in ihrer Art, neben der primären Ausrichtung nicht zu viel von sich preis zu geben, auch ist die Geschichte lange Zeit mehr als okay. Gegen Ende verwaschen sich die Geschehnisse zu einem riesigen Ökostatement und auch das begleitende Zusammenspiel verwässert allmählich. Damit bleibt die LP trotzdem eines seiner besseren Werke dieser Ära und ein ambitioniertes Projekt, das man so nicht kannte. Auch wenn Young-Neuentdecker erst einmal Abstand halten sollten. Nicht aber von Mutter Natur: "Save the planet for another day".