My Chemical Romance - Three Cheers For Sweet Revenge

 

Three Cheers For Sweet Revenge

 

My Chemical Romance

Veröffentlichungsdatum: 08.06.2004

 

Rating: 8.5 / 10

von Mathias Haden & Kristoffer Leitgeb, 21.10.2017


It's Not a Fashion Statement, It's a Fucking Deathwish: Ein Durchbruch im zweiten Anlauf.

 

Die besten Geschichten sind selbstverständlich die, die sich irgendein Heini selbst aus den Fingern gesaugt hat. Frei vom narrativen Ballast einer biederen Erzählung und losgelöst vom Faktor Zufall, der einem im Leben inmitten der Empirie eben doch gelegentlich wie der Wind ins Gesicht weht. Das kann man nun gut oder schlecht finden, Fakt ist aber, kein Leben ist so spannend und erfolgsversprechend wie jenes von James Bond, Tintin oder Tom Turbo. Und die Geschichte eines von den Toten Auferstandenen war es immerhin, die einem gewissen Quintett aus New Jersey vor mittlerweile auch schon wieder einer halben Ewigkeit den Durchbruch bescherte und inhaltlich dort ansetzte, wo das noch in härteren Gefilden beheimatete Debüt sein letales Ende fand.

 

Nun ist Gerard Way, der einstige Kopf von My Chemical Romance, sicher ein Heini und seine fiktive Story gar nicht so uninteressant, die Stärken des zweiten Longplayers Three Cheers For Sweet Revenge finden sich trotzdem viel eher in der charmanten Verpackung dieser. Zumal man von der Geschichte hinter den dringlichen Gitarrenriffs von Frank Iero und besonders Ray Toro ohnehin gar nicht so viel mitbekommt, eher die zentralen Themen der unerfüllten Liebe, aufgestauter Wut und selbstverständlich dem Tod immer wieder durch den Raum flattern. Oder auf den Flügeln der beiden im Zusammenspiel auftrumpfenden Gitarren frontal ins Ohr preschen. Wie etwa auf Thank You For The Venom, dessen einleitender Riff noch jede Betonmauer einreißen könnte. Der Sound ist auf LP#2 zwar generell etwas aufpolierter und weniger roh als noch auf dem die Karriere einleitenden Album zwei Jahre zuvor, doch findet die Band gemeinsam mit Produzent Howard Benson einen Sound, der den energetischen Songs ausreichend Entfaltungsspielraum einräumt.

 

Ob von der ersten Note losgepoltert wird wie auf besagtem Venom oder auch To The End, das mit seinem morbiden Humor genauso ins Schwarze trifft, wie mit Ways vortrefflichem Gesang, oder ob man wie auf den beiden Singles und Aushängeschildern der LP, Helena und The Ghost Of You zuerst ein wenig Spannung aufbaut, mit dem Klang der Platte gibt es praktisch keine Probleme. Dass zwischen letzten beiden, einerseits der emotionalsten und nahezu besten Nummer und andererseits einem der weniger dynamischen Stücke im Repertoire, eigentlich Welten liegen, sei hier nur am Rande erwähnt. Stattdessen sollte man an dieser Stelle eine Lanze brechen, für all die aufgestauten Gefühle, mitreißenden Hooks und prächtigen Riffs, die das Zweitwerk zu einer beinahe runden Angelegenheit machen. Gelegentlich lässt die Band aber eben doch etwas Dynamik vermissen, würde der schnörkellosen Performance von Publikumsliebling I'm Not Okay (I Promise) ein kantigerer Sound sicher ebenso gut tun, wie der LP eine Einsparung des blutleeren Intermezzos von The Jetset Life Is Gonna Kill You.

 

Obwohl die Scheibe mit den Jahren sicher eher verloren, denn gewonnen hat und ein früherer Review womöglich auf beiden Seiten freundlichere Worte evoziert hätte, so ist Three Cheers For Sweet Revenge nach wie vor ein Monster von einem Album. Die rohe, aggressive Stimmung des Vorgängers fehlt hier, wird der Kollege wohl konstatieren und damit sicher nicht im Unrecht liegen, die großartige Darbietung der Band, die schier unermüdliche Abfolge an reißerischen Hooks und ein spannendes, wenn auch transparentes Leitkonzept machen den zweiten Longplayer aber zumindest in meinem Plattenschrank inkommensurabel.

 

M-Rating: 9.5 / 10

 

Ein Pakt mit dem Teufel im Tausch für legendäre Sekunden und ungebetenen Feinschliff.

 

Vielleicht ist es tatsächlich so, dass einfach die Länge der Bekanntschaft und entsprechenden Zuneigung zu einer Band bestimmt, in welchen sprachlichen Sphären man sich in der Beschreibung ihrer Alben herumtreibt, aber mir als MCR-Späteinsteiger deucht so etwas wie "Three Cheers For Sweet Revenge" nicht gar so unverzichtbar wie dem Mann über mir. Das hat auch mit der Konkurrenz zu tun, die die Band in ihrer eigenen Karriere selbst geschaffen hat, aber auch und nicht zuletzt mit dem Wesen dieses vermeintlichen Epos, das einen Klassiker unmöglich, ein beeindruckendes Phänomen aber umso möglicher macht.

 

Dieses Phänomen ist tatsächlich einzigartig, wiewohl auch nicht unbedingt erstrebenswert, betrifft es doch eigentlich nur den Anfang. Besser gesagt fast alle Anfänge, denn diese LP könnte, wären ihre Tracks rundum auf ca. 20 Sekunden und also die jeweiligen Intros beschnitten, locker einen 10er abstauben. Das ist eine besondere Leistung, die in Wahrheit ausreichend beschreibt, dass das Hauptstilmittel von Gerard Way und Kameraden das der Theatralik ist. Die sucht nach einem Knalleffekt zum Einstieg, nach den legendären Sekunden, die einem Song einen prägnanten Touch verleihen und ihn unvergesslich machen. Auf der Ebene, erstklassige Arbeit, angeführt vom grenzgenialen Riffmeisterwerk von Thank You For The Venom über den pointiert-komödiantischen Klavierpart von You Know What They Do To Guys Like Us In Prison, dem artgerecht eröffnenden, gespenstischen Beinahe-Soloauftritt von Gerard Way in Helena oder aber der zu Unrecht verschmähten, weil schlicht genialen Rhythm Section, die The Jetset Life Is Gonna Kill You vom ersten Ton an eine unwiderstehliche Dynamik mitgibt.

 

Wir hätten also damit geklärt, dass My Chemical Romance eine halbe Minute Musik machen können wie sonst fast niemand, was die Band aber eher in die Bredouille bringt als befreit aufspielen lässt. Zwar vereitelt schon die gleichermaßen martialische wie unsichtbare und irgendwie lächerliche Backgroundstory rund um die vom Teufel abgesegnete Mordmission des Liebessehnsüchtigen eine Befreiung, musikalische Meisterleistungen wären aber trotzdem möglich. Solche passieren selten und eigentlich hauptsächlich dann, wenn man nicht daran denkt, von der unbarmherzigen Geradlinigkeit des Debüts groß abzuweichen. Macht man das, wird eine aufpolierte, präzisere, dadurch aber nur bedingt weniger eindringliche Version des Erstwerks daraus, so wie das Thank You For The Venom oder das Grande Finale, I Never Told You What I Do For A Living, vormachen. Und es spricht auch wenig dagegen, das mit atmosphärischer Todessehnsucht und Trauer, also dem von Marching Drums angetriebenen Cemetery Drive oder der starken, weil nicht aufgeweichten Power-Ballade Helena zu verfeinern. Das passt zur Band, vor allem zu Ways Hang melodramatischer Gesangsperformances. Ray Toro hilft es naturgemäß weniger, was schmerzt, die bis zur Fehlerlosigkeit perfektionierte Zusammenarbeit aller Beteiligten lässt aber immerhin genug Raum für musikalische Ausgewogenheit mit allen nötigen Details für markante Auftritte.

 

Auf der anderen Seite kommen nach diesen glorreichen 20 Sekunden viel zu oft Songs, die in einer beinahe monotonen Ordentlichkeit versinken. Das spiegelt allerdings weder die angepeilte Aggressivität und den emotionalen Nachdruck wieder, noch lässt es einen zu sehr über die explosionsartigen Stakkatos von Ray Toro jubeln, zumal der im relativen Paarlauf mit Frank Iero selten mehr als die ummantelnde Soundwand beisteuern darf. Wird es ihm doch gestattet, artet es in sprödes Gezupfe oder schwachbrüstige Melodieseligkeit aus. Das ist schade, weil damit das gepriesene To The End genauso wie Hang 'Em High, It's Not A Fashion Statement, It's A Fucking Deathwish und selbst das bemüht akzentuierte You Know What They Do To Guys Like Us In Prison in Rifforgien ausarten, die dank der geschliffenen Produktion, der vorgelagerten Gesangsperformance und der relativen Einförmigkeit des Songaufbaus eher zu spät als zu früh enden.

 

Sowas ist immer noch besser als schon a priori so unnötig zu sein wie die monoton-dämliche, unvorteilhaft poppige Leadsingle I'm Not Okay (I Promise), es knabbert aber mit jedem Track weiter am Meisterwerkstatus. Von dem bleibt zum Ende wenig über, dafür hat man eine LP, die immerhin zu 90% kompromisslos aufgebaut wurde und sich eigentlich relativ stolz als Zwischenschritt vom verrohten Debüt zum Inbegriff der Theatralik, "The Black Parade", verstehen darf. Wie jeder Zwischenschritt ist auch dieser kein legendärer, dass sich der Pakt mit dem Teufel so gar nicht gelohnt hätte, würde den Seelenverkauf aber in einem zu schlechten Licht dastehen lassen.

 

K-Rating: 7 / 10