MGMT - Congratulations

 

Congratulations

 

MGMT

Veröffentlichungsdatum: 13.04.2010

 

Rating: 7.5 / 10

von Daniel Krislaty, 21.04.2014


Aparter Erbfolger, dem man besser einmal zu oft als zu wenig über den Weg gelaufen ist.

 

Ein beeindruckendes Debüt wie Oracular Spectator birgt nicht nur die Freuden über kreativen Durchbruch sowie neue Möglichkeiten der unabhängigen Selbstverwirklichung, sondern schürt auch teils unrealistische Erwartungen an das zu bemitleidende Nachfolgewerk. Im Fall von MGMT haben sich die beiden Köpfe der Band, Ben Goldwasser und Andrew VanWyngarden, auf ihrer zweiten Platte gegen opulent elektrischen Synthpop und für progressiveren und homogeneren Space/Psychedelic Rock entschieden, um sich ihrer plötzlich erlangten Weltberühmtheit zu erwehren, so scheint es. Dabei wird penibel darauf geachtet, sich keinesfalls den strahlenden Pop-Spotlights des Vorgängers lange auszusetzen und eher auf sowohl sinisteren als auch kunterbunten Spuren zu wandeln. Ihr Mainstream-Publikum sollte sich damit verabschiedet haben, doch Congratulations ist so viel mehr als bloßer kommerzieller Selbstmord.

 

"Da ist mit Sicherheit kein Time To Pretend oder Kids zu finden", verlautbart Goldwasser, der offensichtlich mit dem Schicksal seiner erstgeborenen Scheibe hadert und niemals müde wird zu betonen, dass zum Teufel noch eins nicht nur die Singleauskoppelungen, sondern auch das Gesamtwerk wahrgenommen werden sollte. Die Verwahrlosung des Wertes einiger Pop-Alben der heutigen Zeit strahlt jedoch zum Leidwesen der New Yorker Band gelegentlich auch auf das Konsumverhalten bezüglich wahrlich großer Werke mit Mainstream-Profil aus. Dem treten die Mannen von MGMT dieses Mal sehr bedacht entgegen und führen eingangs anhand der beiden Opener It's Working sowie Song For Dan Treacy mit sehr viel Fingerspitzengefühl in die neue Welt von Congratulations ein: Nicht mehr ganz so viel elektronischer Firlefanz, aber noch immer butterweiche, tempovariierende Rhythmen unterstützt von Chor und simplen Gitarrenkniffen. Gelegentlich blitzen Hier und Da bereits die auf dem Album häufig bemühten Orgelklänge auf, um die bis dahin monotonen Texte der an sich mittelprächtigen Lieder noch ein wenig zu beflügeln.

 

Daraufhin tanzt das Duo mit dem knapp bemessenen Someone's Missing, das sich vom anfänglich nachdenklichen Flüstern in einer bunten, instrumentalen Auferstehung gegen Ende wiederfindet, etwas aus der Reihe, bevor die beiden näheren stimmverzehrten Verwandten von Kids (Anm.: 3. Single von Oracular Spectator) und Konsorten das elektrisierende Parkett betreten. Das in sich gekehrte Flash Delirium schwört zunächst dem programmgemäßen Mitreißer-Charakter ab, um getrieben von banalen Flötenklängen einer beeindruckend panischen Entladung schlussendlich zu verfallen. I Found A Whistle hält dementgegen an den konventionell erhellenden Kompositionen der Band fest und wird neben Orgel sowie akustischer Gitarre von einem für MGMT untypischen, aber ausgezeichnet passenden Saxophon begleitet, während das Omnichord die mystischen Klänge der besungen Flöte versinnbildlicht und als euphorischer Unterboden gegen den eher zwielichtigen Text konteragiert.

 

Als imposantes Statement weg von Massenmärkten thront das 12-minütige Siberian Breaks, überstrahlendes Paradebeispiel für musikalische Beklemmnis und metaphorischer heilige Gral des Albums. Vierteilig, wobei jeder Part elegant unscheinbar in den nächsten gleitet, werden MGMT ihrem zuvor bereits angekündigten progressiven Anspruch gerecht und präsentieren sich flexibel wie nie zuvor. Alles Bisherige und Kommende wurde hier in die chaotische Waagschale von Congratulations geworfen und zu vielfarbigen Konfetti vermischt, welches auch am besten die vorherrschend bedrohliche Atmosphäre des gesamten Werkes definiert.

 

Eine zusätzliche Schippe Absurdität können die Jungs mit Brian Eno noch drauflegen, überreizen damit jedoch die Grenzen des guten Geschmacks, während die Fehlplatzierung dieser scherzhaften Zirkusnummer innerhalb der Tracklist ihr Übriges leistet. Nach einem tiefen Seufzer setzt MGMT zu ihrem rein instrumentalen Lady Dada's Nightmare an, dessen orchestraler Aufbau, welcher – wie so oft auf Congratulations – im kleinen Rahmen beginnt und daraufhin in einem aufblühendem Crescendo gipfelt, ein Duett von Piano und Orgel vorsieht. Verfeinert wird das Endprodukt durch clevere Synthesizer-Maschen und verzerrtem Gekreische, das auch unbehaglich pfeifender Wind sein könnte. Das faszinierende Resultat spricht für sich.

 

Die finale Abrundung des Albums hört auf den Namen der LP. Congratulations zeigt zu Guter Letzt, dass die beiden New Yorker nicht verlernt haben, mit vergleichsweise profanen Mitteln ein unbestreitbares Meisterwerk zu basteln, welches in diesem Fall deutliche Parallelen zum charmant geschmeidigen Pop der 60er aufweist. Dabei sind in den Lyrics des Titeltracks die Sinnhaftigkeit und eine Antwort auf das Warum eingebettet. Warum ein Album machen, von dem man weiß, dass diesem nicht eine vergleichbare mediale Aufmerksamkeit zuteilwird wie einem möglichen Klon des Erstlings? Während das Duo auf massiven Erfolg in Billboard-Charts und Weltruhm verzichten könnte, möchte man sich um jeden Preis künstlerische Integrität erhalten und keine halbherzigen Beglückwünschungen sogenannter Fans mehr annehmen. ("And all I need's a great big congratulations") MGMT braucht keinen Kassenschlager sondern wahrhaftige Anerkennung und so frönt VanWyngarden halb sarkastisch, halb spöttisch:

 

"Out with the whimper

It's not a blaze of glory

You look down from your temple

As people endeavor to make it a story"

 

Abschließend spendet der Titeltrack verhaltenen Applaus im eigenen Namen für sich und das Album. Ben Goldwasser und Andrew VanWyngarden sind sich bewusst, dass sie mit ihrer zweiten Platte nicht den Grundtenor des modernen Pop-Zeitgeistes getroffen, sondern eher einen Schuss ins Ungewisse gewagt und somit zweifelsfrei Teile ihrer Anhängerschaft verloren haben. Doch gerade in heutigen konsumorientierten Tagen kann dieser kühne Schritt kaum genug gewürdigt werden. Gewiss vermag das Album nicht nach den ersten paar Durchgängen in den Bann zu ziehen, belohnt jedoch all jene, die geduldig diese bemerkenswerte Schöpfung auf sich wirken lassen. Congratulations ist ein psychodelisches Sammelsurium bestehend aus Kinderchören, Flötensolos, Brian Eno und (vermutlich) hysterisch plärrenden Kapuzineräffchen in knalligen Hippiehemden. Wer sich davon nicht abschrecken lässt und auch gerne abseits des Leichtverdaulichen genießt, sei herzlich eingeladen.