Maroon 5 - Overexposed

 

Overexposed

 

Maroon 5

Veröffentlichungsdatum: 20.06.2012

 

Rating: 4 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 08.11.2013


Was Moves Like Jagger vorbereitet hat, wird hier vollendet: Der Weg in die Dance-Pop-Hölle.

 

Es nervt. So etwas ist schlichtweg mühsam. Warum? Weil's genau das ist, was alle befürchtet haben, was in Wahrheit alle bei jeder Pop-Band irgendwann zu befürchten haben: Der komplette Ausverkauf. Jetzt sind die Pop-Artists dieser Tage ohnehin nicht gerade die, die Unglaubliches wagen und Risiken eingehen, wenn es um die Verkaufszahlen geht. Trotzdem hat so manche Mainstream-Truppe ja doch irgendwo an sich etwas Anziehendes. Snow Patrol, Coldplay und vor gar nicht allzu langer Zeit auch noch R.E.M. haben es auch irgendwie zusammengebracht, respektable Pop-Musik abzuliefern und sich nicht lächerlich zu machen. Und man mag das jetzt vielleicht nicht so ganz glauben, aber bei Maroon 5 war das bis jetzt auch noch so. Ja, wirklich, die waren schon relativ individuell für eine Band, von der man mindestens eine Hit-Single pro LP verlangt. Damit ist es dank Moves Like Jagger aber vorbei. Begeben wir uns also in die Dance-Pop-Hölle.

 

Allein der Name des Genres hat schon etwas Unangenehmes. Frontmann Adam Levine hat zum Schrecken so mancher Fans im Vorfeld behauptet, hier würde das bisher poppigste Album der Band kommen. Und, um ehrlich zu sein, Untertreibung darf man das schon nennen. Denn bisher war jede Platte mehr Pop als die vorige und das doch immer wieder verbessert. Hier begegnet einem aber eine Band, die keine mehr ist, ein Frontmann, der puren Narzissmus lebt und so wenig Musik abseits der Elektronik, dass das Ganze etwas an einen Travolta-Film der frühen 80er erinnert.

 

Das führt zu solch grotesken Minuten wie jenen von Opener One More Night. Denn in einem der zweifelsfrei besseren Momente von "Overexposed" wird auf so brutale Art klar, was abgeht, dass man es allein deswegen ungern hört. Ein hämmernder synthetischer Beat wird mit Synthie-Sounds irgendwo zwischen billig und anziehend und Levines dank Auto-Tune ungewohnt unsympathischer Stimme zusammengesperrt. Was als Kompensation dient, ist der dezente Reggae-Vibe, den der Track mitbekommen hat, und die bekannte Fähigkeit der Band einem Ohrwürmer von Anfang bis Ende zu präsentieren. Solche Fähigkeiten treten noch eher in den Vordergrund bei den ohne Frage stärksten Nummern des Albums, allesamt versammelt in der ersten Hälfte. Payphone wartet mit einem stampfenden, unaufdringlichen Beat auf, bietet dazu dezente, lockere Keyboard-Spielereien und Levines starke Performance, die sich sogar zu der nicht ganz jugendfreien Zeile "All those fairytales are full of shit / One more fucking lovesong and I'll be sick" hinreißen lässt. Der Tod dieses wirklich guten Songs muss Wiz Khalifa sein, dessen merkwürdige, komplett sinnfreie Rap-Einlage in der Bridge jedes Momentum abtötet und den Inbegriff einer missglückten Kollaboration darstellt.

 

Dazu gesellt sich mit Lucky Strike der letzte Rest an Funk in dieser anno dazumal sympathischen Band mitsamt nächstem Top-Beat und endlich der lange vermissten Gitarre von James Valentine. Rundherum finden sich mit Daylight und The Man Who Never Lies auch Beispiele dafür, warum's hier nicht grandios funktioniert. Erstere bietet das Format Ballade in langweiligster Ausformung, schläfert einen tempomäßig ein und hat außer Levines Stimme nichts Wiedererkennbares. Genau das Gegenteil kann Nummer zwei. Denn da kommen einem die altbekannten Features wieder entgegen. Harte künstliche Drums, Levines Auto-Tune-Stimme, die so zu einem noch höheren Winseln wird und das Charakterorgan nervig wirken lässt, und, tja, eigentlich nichts. Das war's, alles andere ist höchstens ein bisschen Synthie, ein bisschen Percussion, aber nichts Substanzielles.

 

So quält sich das Album die meiste Zeit. Mal in relativ gut, so wie bei Beautiful Goodbye, einer vergleichsweise musikalischen Ballade, die vor allem gesanglich besser aussteigt. Dann aber auch mit dem Inbegriff von unerträglichen Synthie-Hämmern in Fortune Teller (die Ohren bedanken sich herzlichst) und mieser 80s-Disco in Form von Doin' Dirt. Einziger Lichtblick ist zwischenzeitlich Love Somebody, dem die Elektronik vor allem dank etwas mehr Gefühl im Track besser steht.

 

Wenn man musikalisch schon ziemliche Abstriche machen muss, dann darf das bei den Texten auch ruhig so weitergehen. Während die mal schmalzigeren, dann doch wieder recht lockeren Liebes-Songs von Levine auch früher keine hohe Kunst waren, der Substanzmangel, der einem hier entgegentritt, ist doch bemerkenswert. Kaum ein Song, in dem nicht elendslange "Ooooooohs", "Uuuuuuuhs" oder auch mal "Aaaaaaahs" eingebaut werden. Das verdeckt die Textlücken, die die Band nicht zu füllen weiß, nicht wirklich, macht aber dafür die Stimme nur noch weniger erträglich. Jetzt soll gesagt sein, dass Adam Levines durchaus polarisierende Stimme früher einige verdammt gute Momente hatte. Es muss wohl auch gesagt sein, dass sie hier nicht ins Bodenlose abdriftet, aber eben doch an die Grenzen ihrer Macht stößt. Denn der Solo-Trip des Frontmanns zeigt eindeutig, wie wichtig die Band für ihn in Wahrheit ist. Den Song komplett allein rüberzubringen gelingt ihm ganz selten, hier nur auf Payphone.

 

Wer sich nun fragt, warum sich die Beschreibung des Sounds fast ausschließlich auf den offensichtlich dezent narzisstischen Levine beschränkt, sollte das nicht bei mir tun. Meine Schuld ist es nicht, dass von den übrigen Band-Mitgliedern beinahe nichts zu hören ist. Gitarrist Valentine scheint gerade zwei nennenswerte Auftritte zu haben, hat auch kaum an den Songs mitgeschrieben. Drummer Matt Flynn wurde kurzerhand vom Computer ersetzt. Dafür ist Neuling PJ Morton als Keyboarder überrepräsentiert. Und so ist "Overexposed" eher das Levine-Debüt als Album Nummer vier für die US-Band, bietet neben dessen nicht außerordentlich guter Vorstellung nichts.

 

Der große Rettungsanker bleibt die unverändert gute Fähigkeit der Herren ihre Ohrwürmer abzuliefern. Dass da wirklich nichts Gutes da ist, ist so kaum denkbar. Die starken Momente gibt's auch noch, sie sind nur ziemlich in der Unterzahl. Umringt werden diese paar Qualitäts-Brocken von Synthie-Monstern, Schmalz-Langweilern, einer komplett unnötigen Neuauflage von Moves Like Jagger und einer wenig erfolgreichen One-Man-Show. Irgendwann mal waren Maroon 5 fünf recht talentierte Pop-Musiker, die gerade mit dem Vorgänger in Richtung genreeigener Perfektion geschritten sind. Diesen krassen Umschwung hätt's wahrlich nicht gebraucht.

 

Anspiel-Tipps:

- Payphone

- Lucky Strike

- Love Somebody