Marissa Nadler - Little Hells

 

Little Hells

 

Marissa Nadler

Veröffentlichungsdatum: 03.03.2009

 

Rating: 6.5 / 10

von Mathias Haden, 26.11.2015


Die formidable Singer-Songwriterin erinnert uns einmal mehr, warum wir den besten Folk der vergangenen Jahre den Ladies zu verdanken haben.

 

Lange schon in sicherer Frauenhand, steht es um den lieben Folk in den letzten Jahren besser als je zuvor. Die Liste der jungen, ambitionierten Singvögel ist lang, reicht von Harfen-Charmeurin Joanna Newsom über die himmlische Angel Olsen bis zur schrägen, aber doch so vielseitigen Jolie Holland und lässt eine ganz bestimmt nicht aus: Marissa Nadler. Seit über zehn Jahren treibt die mittlerweile ihr herrlich melancholisches Unwesen, hat sich zu einer der besten Songwriterin ihrer Ära gemausert und irgendwie kommt das auch nicht von ungefähr, konnte man bei ihr schon am Debüt Ballads Of Living And Dying vorhersehen, dass da was ganz großes im Entstehen war. Neben ihrem glockenklaren Gesang beherrscht die eigenwillige Lady aus Massachusetts, die - glaubt man diversen Berichten - durchaus einen Hang zur divenhaften Exzentrik offenbart, auch die hohe Kunst des veritablen Fingerpickings und kokettiert mit diesen Vorzügen auch auf LP Numero Quatro.

 

Die trägt den Namen Little Hells und reiht sich nahtlos in den bisherigen Opus ein. Wieder verweben sich Nadlers unverkennbar helle Stimme und die zarten Akustikarrangements zu schönen Melodien und intimer Stimmung zusammen, wieder erweitert die Singer-Songwriterin ihren Sound um ein paar zusätzliche Elemente. Und natürlich gibt es wieder genug Hall- und Echoeffekte, die ihre sanft vorgetragenen Worte in der charakteristisch betrüblichen Atmosphäre durch Raum und Zeit schweben lassen. Mit Heart Paper Lover geht es auch genauso los, wie man sich das von der Ausnahmekönnerin wünscht: zu einem diskreten Arrangement mit zarten Gitarrenzupfern, Wurlitzer und dem ominösen Theremin entfaltet sich ihr sinnlicher Gesang und verkündet voller Wehmut: "Weaving the scent of the loss of your heart / From they are to meant / Life seems so empty / Without you, my friend". Nicht die letzten Züge Melancholie ihrer vierten LP, die sie selbst als autobiografischer als ihre vorherigen beschreiben sollte. Diese ist es nämlich einmal mehr, die zum stärksten Stilmittel heranreift. Selbst auf Mary Come Alive, dem experimentellen Ausreißer mit Drum-Machine-Beat, Synthesizern und wesentlich rockigerem Unterton, dominiert sie unter der ungewohnt opulenten Produktionsdecke. Die Fanbase spaltete dieses überraschende Wagnis - manche liebten den an die Cocteau Twins erinnernden Sound, andere wiederum verachteten ihn gerade dafür. Ich jedenfalls gehöre zu ersterer Fraktion, gehe noch einen Schritt weiter und behaupte sogar, Mary Come Alive zählt zu den stärksten Kompositionen auf Little Hells - beweist zudem eindrucksvoll, dass Marissa Nadler auch anders kann, wenn Marissa Nadler anders will!

 

Zur Freude der entgeisterten Fans will sie aber nicht viel mehr und gibt sich mit dem einen, verdammt gelungenen Experiment zufrieden. Wie eingangs erwähnt, wäre es aber nicht Nadler, würde sie nicht doch ein bisschen am eigenen Sound feilen und sich nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen. Closer Mistress etwa bekommt mit einer dezenten Steel Guitar eine unaufdringliche Country-Note verpasst, während das beschwingt vorangaloppierende River Of Dirt mit seinem lässigen Drive fast schon der optimistischen Unbeschwertheit zum Opfer fällt. Ansonsten ist das, was die Protagonistin auf den zehn Stücken zu bieten hat, klassische Nadler-Schule. Stücke wie Rosary oder Brittle, Crushed & Torn mit ihrem geisterhaft magischen Folk-Spirit waren es doch, welche die Amerikanerin überhaupt erst auf ihre Erfolgsspur gebracht hatten, dazu spielt sie ihre Fähigkeiten als versierte Gitarristin immer wieder aus.

 

Dennoch fehlt es an einigen Ecken an den letzten paar Prozent. Im Hinblick auf musikalische bzw. Arrangement-spezifische Abwechslung kann das Album zwar in so mancher Minute glänzen und ist den Vorgängern eine Nasenspitze voraus, doch schlich sich auch die eine oder andere Komposition durch die Hintertür auf den finalen Mix, die ihren eigenen Ansprüchen nicht so recht genügen will. Im Gegensatz zum Gros ihres Kanons schafft sie es auf ihrem vierten Longplayer nicht immer, gleichzeitig verhuscht und zwingend zu agieren, ihre transzendenten Tunes auch auf den Punkt zu bringen. In keiner Sekunde kommt sie mit einem Track dem Abgrund nahe, dafür lassen sich die Momente, in denen die Prinzessin der kummervollen Ästhetik wirklich brilliert, auf wenigen Händen abzählen. So schön verspielt sich etwa die Orgel im leicht zähen Loner auch um Nadlers Gesang zu schmiegen versucht, so sehr bringt sie die bedrückende Stimmung um ihre Tiefe.

Das tut letztlich aber herzlich wenig zur Sache, denn mit Little Hells gelingt ihr nur der nächste Streich eines bemerkenswerten Laufs. Die Vielzahl an ganz großen Kompositionen mag vielleicht fehlen, die letzte Konsequenz lässt sie hie und da ebenso vermissen, dennoch bietet die Platte wie immer genügend Argumente, um Marissa Nadler auch bei ihrer vierten Bemühung aufrichtig auf die zarte Schulter klopfen zu können. Und immerhin hilft das Goldkehlchen auch dabei, zu verstehen, warum doch den Damen mittlerweile das Privileg vorbestimmt ist, den Folk in seiner majestätischen Reinheit zu repräsentieren!

"Goodbye misery

Letters on the line..."

 

Anspiel-Tipps:

- Mary Come Alive

- River Of Dirt

- Mistress