Ludwig Hirsch - Zartbitter

 

Zartbitter

 

Ludwig Hirsch

Veröffentlichungsdatum: 07.11.1980

 

Rating: 8 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 14.08.2016


Der Meister des Schwarzen Humors wirkt zahmer als zuvor und ist doch treffsicher wie eh und je.

Die Zahl der wirklich erstklassigen heimischen Songwriter ist nicht sonderlich lang. Es gibt sie natürlich, aber, sagen wir mal so, nicht öfter, als man es erwarten würde im Lande eines DJ Ötzi. Vornehmlich sind es dann hierzulande nicht die großen musikalischen Entdecker oder Extravaganzler - wobei Supermax oder Joe Zawinul nicht vergessen sein sollen -, sondern eher die Textjongleure. Und solcherlei hatte man derzeit doch ein paar im Köcher. Niemand konnte eher ein Plädoyer für den einzigartigen Schwarzen Humor Wiens führen als Georg Kreisler, keiner konnte so überzeugend krächzen wie Wolfgang Ambros und garantiert niemand war so cool wie Falco. Naja, so ziemlich. Und dann war da einer, der dem Kreisler Konkurrenz gemacht und ihn mitunter sogar stehen gelassen hat. Der war musikalisch etwas vielseitiger unterwegs und hatte was übrig für Romantik neben all der zynischen Schwärze. Und so hat einer mit dem Namen Ludwig Hirsch angesetzt, um gleich an der Spitze der heimischen Musik zu landen. Gelungen ist es ihm und auch ein Jahr danach war er mit "Zartbitter" immer noch obenauf.

 

Er war auf seinem Gebiet auch einfach zu gut, um plötzlich ein Album abzuliefern, das nicht großartig ist. Das Debüt "Dunkelgraue Lieder" hat schon einen beinahe vollendeten Liedermacher gezeigt, mit einem unnachahmlichen Humor, der wahrscheinlich unbeeindrucktesten Gesangsperformance aller Zeiten und beneidenswert viel Gefühl für das effektvolle Zusammenspiel von Musik und Text. Genau das ist er auch hier. Allerdings doch wieder ein bisserl anders. Der herausfordernde Humor, der für so manchen Skandal gesorgt hat, ist zwar nicht verschwunden, er hat aber seine Vormachtstellung eingebüßt. Über die von Blues, Rock, Folk und Wienerlied zehrenden Kompositionen ergießt sich mehr denn je unverhohlene Romantik und nachdenkliche Poesie. Bissig ist er nicht mehr so gern, stattdessen macht ihn auch die Produktion von Toni Stricker zum virtuosen Edellyriker in der kitschfreien Gefühlsduselei.

Das ist mitunter etwas befremdlich. Zumindest entwickelt sich der samtweiche Opener Zart nicht ganz so, wie man es erwarten würde. Der gemächlichen Gitarre helfen Flöte, Oboe und Streicher, dazwischen der sanfteste Hirsch, der einem bis dahin begegnet ist, für ein Liebeslied der ehrlicheren Art. Nicht ohne pointierte Zeile, aber intimer denn je.

 

Und so werden die vom fragilen Gitarrenzupfen geprägten Stücke zur dominanten Facette dieses Albums. Oft mit Strickers Streichern versetzt, in die heimelige musikalische Romantik entführt und damit vielleicht unnötig, aber nie ohne Eindruck etwas Dramatik ins Spiel zu bringen. Dass Hirsch selbst bei dieser Dramatik nicht mitspielt, stattdessen mit seinem ungerührten Sprechgesang in der Schneeflockengeschichte für einen berührenden Abschiedsmoment sorgt, erdet auch die abenteuerlichsten Klangentscheidungen. Nicht alles ist deswegen zu Höherem berufen. Insbesondere das vom Saxophon verstärkte, rhythmisch recht wagemutige Bei Dir Geht's Mir Gut will mit seinen verschrobenen Zeilen nicht so wirklich gelingen. Fantasie in allen Ehren, aber die größte Erzählkunst kann die textlichen Ausritte inklusive Chaplin, Tarzan oder Marylin Monroe nicht rechtfertigen, wenn es doch nur ein Liebesgeständnis sein sollte. Das Saxophon dürfte überhaupt kein großer Glücksbringer sein, auch Mein Freund Vom Rock'n'Roll will sich als ausgedehnte Blues-Nummer nicht voll entfalten. Was mit dem verspielten Klavier stark beginnt, zerrinnt in ein eher träges Vorsichhinlaufen, dem die Background-Vocals genauso wenig helfen wie das Saxophon-Solo mittendrin oder der klanglich abfallende Gitarrenexzess zum Ende. Rock'n'Roll hin oder her, das ist nicht Hirsch at his best.

 

Wobei die Abkehr von der introvertierten Ruhe ihm doch wieder seine besten Minuten beschert. Der leicht countryfizierte Rocker Bitter wird zur eindringlichen Erinnerung an das famose Debüt, bietet Humor zum Niederknien, ohne dabei die altbekannte kritische Ader zu vernachlässigen. Und so treffen ein Serienmörder, ein vermeintlicher Terrorist und ein Pädophiler aufeinander in den lebhaft und liebevoll ausgestalteten Geschichten. Während die Rhythm Section den Antrieb nie bleiben lässt, entledigt sich Hirsch einiger seiner pikantesten Zeilen:

 

"Stell dir vor, du fangst an Terroristen

An mit Bart und lange Haar, also an von de Schlimmsten

Du fesselst ihn, du knebelst ihn und tragst ihn auf die Polizei

Du freust dich auf die saftige Belohnung, dies d' kassierst

Und auf den Opel Kadett denst davon kaufen wirst

Aber auf einmal stellt sich raus, herrgott nochmal, der Hund, der is ja gar ka Terrorist

Sondern, dass der nur ein ganz gewöhnlicher Kindesmörder is"

 

Das Wiener Lied ist ähnlich angehaucht, parodiert das Titel-Genre, genauso wie es ihm huldigt. Und so walzt lethargisch die Drehorgel vor sich hin, wird begleitet von Flöten, Akkordeon und sporadischem Bass-Zupfen. Vor diese klangliche Bühne spannt Hirsch einen Abgesang auf die ehrwürdige Hauptstadt und ihre Bewohner und richtet an den lieben Augustin die berühmten Worte "Alles ist hin!" Traditionslos klingt dagegen das beklemmende Angst, das sich viele Freiheiten bei der Percussion nimmt und bei dem Hirsch jede gesangliche Rhythmik für einen paranoiden Monolog opfert, der einen unweigerlich in seinen Bann zieht.

 

Diese Seite Hirschs, die mutige und angriffige, ist seine bessere. Was den gefühlvollen Momenten ihre Qualität nicht absprechen soll. In diesen Kompositionen liegt Eleganz und die nötige Zurückhaltung, um der Melodramatik zu entgehen und stattdessen die detaillierten Erzählungen Hirschs in den Mittelpunkt zu rücken. So darf dann Der Sonne Entgegen die eigentliche LP - es folgt noch ein ordentliches, aber unspektakuläres Soundtrack-Instrumental - äußerst würdig abschließen. Johann Bertls Zupfer an der Gitarre bekommen dort endgültig die Hauptrolle zugespielt, akzentuieren die Geschichte von der Flucht vor Krieg und Faschismus nämlich ideal. Kaum bessere Zeilen ließen sich finden als "Du, zum Grollen und Rollen von Donner sagens auf einmal wieder 'Musik'/ Und das Amen im 'Vater Unser' habens wieder ersetzt durch das Wort 'Sieg'" um jeden Zweifel über den Inhalt auszuräumen.

 

Und so lässt auch das gesamte Album wenig Zweifel an Ludwig Hirschs Qualitäten aufkommen. "Zartbitter" mag seine bis dahin zurückhaltendste Vorstellung gewesen sein, eine die introvertierter und fragiler anmutet als die beiden Vorgänger. Doch seine Texte sorgen für Unikate, wie romantisierend der Song auch sein mag, aus dem Songwriter spricht selbst in den durchwachsenen Momenten noch ein herausragender Geschichtenerzähler. Einer, dem die Morbidität weder den Blick auf die bedenklichen Merkwürdigkeiten der Gesellschaft, noch auf die Liebe verstellt hat. An beides hat sich kaum einmal einer so pointiert herangewagt und selbst wenn Hirsch mit seiner dritten LP gerade auf der Ebene einen Gang zurückschaltet, mutet der Zehnerpack an Stücken genauso treffsicher an wie immer.

 

Anspiel-Tipps:

- Bitter

- Wiener Lied

- Angst

- Der Sonne Entgegen