Ludwig Hirsch - Komm, Großer Schwarzer Vogel

 

Komm, Großer Schwarzer Vogel

 

Ludwig Hirsch

Veröffentlichungsdatum: 12.10.1979

 

Rating: 6.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb & Mathias Haden, 02.06.2017


Satirische Großtaten, groteske Kryptik und eine stumpfer werdende Klinge. Und doch die große Schwärze.

 

Vielleicht wäre es hier an der Zeit zuzugeben, dass der Romantiker Ludwig Hirsch weniger das Meinige ist, genauso wie auch der Meister des Quadruplebödigen nur bedingt auf offene Ohren trifft. Vielleicht wäre das eine Erklärung, warum "Komm, Großer Schwarzer Vogel" dem Debüt nicht ganz das Wasser reichen kann. Ein halbes Jahr hat es gedauert, bis beim bissigen, zynischen Sozialbeschauer die Genialität Risse bekommen hat, in die sich kitschige Poesie und das Unentzifferbare gequetscht haben. Doch noch sind es kleine Risse.

 

So wie die da auf dem Cover. Und auch da schwebt über allem der schwarze Vogel. Wobei das zentrale Stück des Albums, vielleicht gar einer ganzen Karriere, gar nicht so vereinnahmend sein kann, um die übrigen acht Songs wirklich auszustechen. Es gelingt auch nicht ganz. Hirschs ungeahnt zärtliche, im allerwahrsten Sinne poetische Huldigung des Todes vereinnahmt einen unweigerlich, nimmt einen allein wegen der dahinterstehenden Offenheit mit. Und doch ist es zumindest für Arrangeur Robert Opratko eine schwere Stunde, in der er mit dem Orchester durch schlichtes über-die-Stränge-Schlagen und kitschige Klangwahl dagegenzuhalten versucht, so einem möglichen Meisterwerk einen nicht zu überhörenden Makel verschafft.

Trotzdem, mit dem lockeren, an den kommerzialisierten Country-Rock angelehnten Das Geburtstagsgeschenk und insbesondere der Krönung von Hirschs Sprechgesang, Herbert, ist ein Trio größter Finesse beisammen. Letzterer übrigens bis heute eigentlich textlich grenzwandelnd, mit einer, um es in Hirschs Worten auszudrücken, brutalen Pointe, die in puncto gesellschaftskritischer Risikofreude schwer an Spuck Den Schnuller Aus erinnert. Konterkariert wie immer durch Arrangements, die an verspielter Romantik nicht zu überbieten sind und so für das satirische Sahnehäubchen sorgen.

 

Wo hiermit die Herrlichkeit ihren verdienten Platz bekommen hat, sei auf den mitunter kargen Rest verwiesen. Manches ist beinahe dem Schmalz nahe, auch und gerade die Eröffnung Ich Hab's Wollen Wissen, die als Anklage der kleingeistigen Resignation und Veränderungsunlust gern ihr Lob bekommen darf, das aber kaum der für Hirschs Verhältnisse plumpen Umsetzung, in der weder die krassen Gegensätze von Musik und Text, noch die Hinterfotzigkeit von letzterem wirklich ihren Platz hätte. Weniger hinterfotzig, dafür mit Hang zur quadruplebödigen Botschaft gesegnet, ist das Doppel aus 1928 und Die Gottverdammte Pleite ähnlich schwere Kost. Das eine Stück mit eklatanter klanglicher Nähe zu Shine On You Crazy Diamond und also im Verbund mit der schrägen, unsinnig sinnigen Geschichte verdammt zäh. Das andere dagegen immerhin mit einer genialen Orchestrierung, die die trocken prosaische Erzählform des bizarren Hasentodes - ich glaube ja fast an eine Allegorie auf den Thronfolgermord 1914 - durch überschwappende Dramatik an Klavier und Streichern perfekt ad absurdum führt.

 

In solchen Momenten ist Ludwig Hirsch das Juwel des Austropop, wenn auch in diesem speziellen Fall ein etwas verdrecktes. An anderer Stelle zeigt sich "Komm, Großer Schwarzer Vogel" dagegen unerfreulich durchschnittlich. Die am Vorgänger so bestechende Symbiose aus Musik und Lyrik, die den Humor befeuert hat, hakt am einen Eck, am anderen klingt wie in Tante Dorothee plötzlich der zynische Blick auf die Österreicher, der Hirsch auszeichnet, recht brustschwach. Das macht ein zweites durchgehend starkes Album rasch unmöglich. Es bleibt immer noch eines übrig, das einen respektablen Ehrenplatz innerhalb der Liedermacher-Gilde verdient hat. Mehr aber für einzelne Geniestreiche als für ein vereinnahmendes Ganzes.

 

K-Rating: 7 / 10

 


Das Zweitwerk der Austropop-Legende: Nicht Fisch, nicht Fleisch, aber keine gottverdammte Pleite.

 

Vielleicht wäre es hier an der Zeit zuzugeben, mit dem Begriff "quadruplebödig" nichts anfangen zu können. Womöglich liegt es ja daran, dass sich der Terminus bei Microsoft Word, dem Maßstab in Sachen sprachlicher Richtlinienfragen, ebenso wenig im Repertoire befindet wie in meinem bescheidenen Sprachschatz. Oder aber daran, dass ich üblicherweise höchstens drei Böden in Ludwig Hirschs morbid makabren Liedchen zu erkennen vermag. Am zweiten Longplayer Komm, großer schwarzer Vogel über weite Strecken sogar noch weniger.

 

Sein bitterböser Humor dominiert zwar inmitten pastoraler Melodien weiterhin das Geschehen, doch scheint Hirschs spitze Zunge Probleme damit zu haben, lediglich ein Jahr nach dem einschneidenden Debüt Dunkelgraue Lieder Gassenhauer um Gassenhauer herauszuhauen. Weh tut hier wenig, dafür geht es auch nur selten weit in die andere Richtung. Die Begeisterung des Kollegen für Das Geburtstagsgeschenk mit seiner quirligen Hook ("Schick dich doch selber deiner Freundin in an Packerl!") und vor allem den Herbert ist bekannt, auch nachvollziehbar, gerade, weil das langsame Hinsteuern auf den narrativen Klimax von Herbert auch nach mehreren Durchläufen immer noch funktioniert. Auch ist es verständlich, dass für Pink Floyd-Gedenknummer 1928 weniger wohlwollene Worte gefunden wurden. Dabei beginnt das Stück so vielversprechend, baut innerhalb kürzester Zeit eine düstere Atmosphäre auf, um spätestens nach der Hälfte seiner knapp sechs Minuten irgendwo zwischen gähnender Langeweile und überlebensgroßer Absurdität alias bedeutungsschwangerer Message zu versanden - also genau da, wo die Vorbilder für den Song im selben Jahr ebenfalls einigermaßen angekommen waren.

 

Auch sonst versinnbildlicht das Album das berühmte zweischneidige Schwert. Auf der einen Seite hat man genug Zynismus, sarkastische Schilderungen und zartbittere Melodien, um die LP unbeschwert über sich ergehen lassen zu können, auf der anderen hat sich in der Tat auch einiges auf das Album geschummelt, das die primären Vorzüge des Liedermachers, sprich die eben aufgezählten Merkmale, zu sehr vermissen lässt. Apropos Zartbitter: dessen romantischen Anstrich nimmt die Platte hier vorweg, mischt sie aber zu unvorteilhaften Konditionen mit den Tugenden des Vorgängers. Hierbei muss zwar von einer Entwicklung gesprochen werden, doch so ganz will sich das auf Komm, Großer Schwarzer Vogel noch nicht positiv auswirken. Weder der allseits beliebte, hier etwas behäbige Wiener Schmäh (Tante Dorothee), noch der kurzweilige, countryfizierte Auflockerungs-Rock von Der Clown können die LP davor bewahren, etwas unrund auszufallen. Und wenn Hirschs in der Regel doppelbödige Erzählungen so direkt und eindeutig ausfallen wie am Closer An Euch, dann kann man tatsächlich davon sprechen, dass der Künstler seine höchsteigene Magie nicht immer fest im Griff hatte.

 

Ungeachtet dessen ist das zweite Album der Austropop-Legende natürlich eine lohnende Angelegenheit, die die Vorzüge der beiden umschließenden LPs zu vereinen gedenkt, dabei letzten Endes schlicht nicht immer eine gute Figur macht. Weder die absorbierende Wirkung der Ersten, noch die elegante Spielfreude der Dritten wird dabei erfasst. Ein paar hauseigene Klassiker rechtfertigen dennoch den Kauf und auch das (für österreichische Verhältnisse) Tamtam, das um den in der Steiermark geborenen Liedermacher gemacht wird.

 

M-Rating: 6 / 10