Ludwig Hirsch - Dunkelgraue Lieder

 

Dunkelgraue Lieder

 

Ludwig Hirsch

Veröffentlichungsdatum: ??.??.1978

 

Rating: 8.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 11.02.2018


Bühne frei für den schwärzesten aller Liedermacher und den Spiegel einer ganzen Gesellschaft.

 

Wenn Österreich in den 70ern von etwas genug zu bieten hatte, dann waren das die Farbe Braun, die das Leben aller Landsmänner und -innen vom Aufstehen bis zum späten Abend bestimmt hatte, und die plötzlich aus dem Boden sprießenden Songwriter, die nicht viel mehr als eine Gitarre gebraucht haben, um die Charts mit einheimischen Dialekten zu Fluten. Eine Revolution nach all den glattfrisierten Schwiegermutterträumen, allesamt im Schatten eines Roy Black und Udo Jürgens, allesamt so brav, dass jedem Pfarrer langweilig geworden wäre. Plötzlich war da Wolfgang Ambros. Der war zugegebenermaßen eher etwas für die Heurigenpartie und war trotz sporadisch aufwallender Poesie eher der mit der g'raden Goschn. Was sich gut getroffen hat, denn für die gehobenere Klientel gab es einen André Heller, selbsterwählter Poet, den niemand verstanden hat. Für die, die die Zwischenräume erfüllt haben wollten, war ein Georg Danzer da. Und dann kam da einer, der eigentlich eher die dunklen Ecken belebt hat, vielleicht hat er sie auch nur ausgeleuchtet, damit die, die sonst ganz gern wegschauen, sich ein bisschen unwohl fühlen. Aufgegangen ist die Rechnung, textlich, musikalisch, gegen so manchen Widerstand sogar kommerziell. Und siehe da, die österreichische Welt hatte einen Klassiker mehr.

 

Und der klingt erst einmal archetypisch heimisch. Gesungen wurde in diesem Land fast schon aus Protest nie so wirklich. Auch Hirsch hat sein ganzes Musikerleben lang mehr gesprochen und im jovialen Ton den Erzähler gegeben, als dass er seine Stimme überstrapaziert hätte. Was an sich wenig ausmacht, weil sich seine düstere Form der klanglichen Magie eher dahingehend entfaltet, dass er die angestammt wienerischen Klänge, die er da im Hintergrund zu dezent kitschigen, dezent langatmigen, hauptsächlich aber ziemlich harmonischen Melodien formt, mit seinem ungerührten, oft bissig-sarkastischen Monolog konterkariert. Die unaufdringliche Tiefenwirkung dessen erkennt bereits mit dem Song, mit dem Hirsch sich zuallererst seinem Publikum präsentieren wollte: Die Omama. Eine Albumeröffnung, die ihresgleichen selten finden wird, die vor allem das unnachahmliche Zusammenspiel des scharfzüngigen Texters Hirsch mit Robert Opratko und dessen von romantischer Prägung durchzogenen, klassischen Arrangements. Während nämlich der gemächliche Takt und die schwülstig dahinschwebenden Streicher ein Wiederaufleben des 60er-Schlager oder gar schlimmeres befürchten lassen, breitet sich darüber der gelassene Sprechgesang aus, der sich freimütig untypischer Rhythmik und vor allem einer nicht zu überhörenden Extraportion sarkastischer Lieblichkeit bedient. Gäbe es den in dieser Form nicht, hätte man vielleicht auch bald einmal Probleme, wenn einem Hirsch das Schicksal der wenig sympathischen Großmutter-Figur lapidar zusammenfasst:

 

"Nur beim Sturmbootfahr'n, da geschah ein Missgeschick:

Do is' an ihre foisch'n Zähnd erstickt."

 

Genau diese rabenschwarze Direktheit ist im Lichte der folgenden Aushängeschilder des Albums nicht umsonst zur wichtigsten Quälität des gebürtigen Steirers geworden. Zwar treibt es ihn in der zweiten Hälfte der LP zunehmend in traditionsferne Rock-Gefilde, der buchstäblich comichaften Kritik der Frühsexualisierung in Form von Spuck Den Schnuller Aus nimmt das aber nichts ihrer Stärke. Dass er sich mit den locker eingestreuten, spröden E-Gitarren-Riffs und dem Klaviergeklimper generell einen Gefallen tut, merkt man da schnell, wobei man ein bisschen vergisst, der Musik sonderlich Beachtung zu schenken, wenn Hirsch dazu ansetzt, sich einmal quer durch die Welt von klassischen Kindergeschichten, Comics und Disney durchzuarbeiten und alle von Hänsel & Gretel bis zu Mickey Mouse aus der jugendfreien Zone herauszubugsieren. Trotzdem, der Humor und insbesondere der durchaus schmerzhafte Finger in gesellschaftlichen Wunden kommt umso mehr zum Tragen, wenn den harmlos anklingenden, aber umso deftigeren Ergüssen eine bewusst liebevolle Rekonstruktion heimischer Musikklischees gegenübergestellt wird. Dass die Story vom pädophilen, aber eigentlich doch "netten, etwas schrulligen alten Herrn" Haslinger mit Akkordeon und beschwingtem Violinsatz immer wieder an Wiener Schrammeln erinnert, kommt wohl nicht von ungefähr. Ähnlich zufällig dürften auch  die schweren Bläser mitsamt der Streicher in Die Spur Im Schnee irgendwo zwischen atmosphärischem Krimi-Soundtrack und schnulziger Volksmusik ausgewählt sein. Wobei einzuwenden wäre, der von Hirsch zum Alpen-Thriller geformte Text gehört zu den substanzärmeren aus seiner Feder, wenn er sich auch stimmungsvoll und mit dem großen Knall zum Ende hin unerwartet humorvoll präsentiert.

 

Das mit dem Humor in seiner herkömmlichen Form ist dem Wahlwiener generell allerdings nicht so wahnsinnig gegeben. Wobei sich vortrefflich über hintergründige Botschaften in des Hirschen Liedern streiten lässt, aber Der Wolf und Der Zwerg, das sind - abgesehen vom stimmig rustikalen, mitunter am 19. Jahrhundert andockenden Arrangement von ersterem - eher maue Geschichten, deren Humor sich bestenfalls sekundenweise und das sehr vereinzelt entfaltet. Es sind allerdings auch seltene und dank der musikalischen Finesse, mit der die Beteiligten sich heimischem Traditionsklang genauso angenommen haben wie vom Blues gezeichnetem Rock, immer noch respektable Aussetzer. Verstärkt höchstens noch durch das etwas lauwarme Liebeslied, das ein bisschen zu herzig daherkommt, um sich wirklich in den Albumkontext einfügen zu können.

Vielleicht ist das auch nicht a priori schlecht, andererseits zeigt ein Closer wie Happy End dann schon auch, wie ein tatsächlich romantisches Eingeständnis aus seiner Feder wirklich klingen sollte. Dass er sich nämlich unumwunden daran macht, die Herzensdame mit allerlei Negativkomplimenten davon zu überzeugen, dass sie sich doch was besseres als ihn verdient hat, ist nicht nur eine überraschend originelle Form des Kitschs, es verträgt sich auch sehr gut mit dem gemütlichen Sound des Tracks, der nicht viel mehr als das Klavier und die Mundharmonika für ein starkes Gesamtbild braucht.

 

Ludwig Hirsch wiederum braucht nicht viel mehr als seine unnachahmlich genialen Zeilen, um ein großartiges Album zu fabrizieren. Naja, einen fähigen Arrangeur und einige sehr richtige Entscheidungen an der instrumentalen Front helfen auch merklich. Aber der Kern von "Dunkelgraue Lieder" ist die Botschaft, die eigentlich aufs Wesentliche reduziert das Entblößen der schattigen Flecken unter einer mühsam aufgezogenen Fassade der Harmonie. Das Debüt des Österreichers kann das besser als die allermeisten anderen Alben, die sich so etwas zum Ziel setzen. Die Protestnote, die Hirsch damit so nebenbei auch setzt, ist eine fernab allen brachialen Momenten, dafür mit subtilem, dann wieder ungekannt direktem Humor. In Wahrheit ist es schlicht Lyrik auf hohem Niveau, unterstützt von stark inszenierter Musik. Ein Klassiker eben.