Lostprophets - The Betrayed

 

The Betrayed

 

Lostprophets

Veröffentlichungsdatum: 13.01.2010

 

Rating: 5 / 10

von Mathias Haden, 21.09.2017


Mit zu vielen Kompromissen wird die Rückkehr der Betrogenen zu alter Härte eine zwiespältige Angelegenheit.

 

Oh Ironie des Schicksals, welche packende Geschichte hältst du heute für uns parat? Den Niedergang des osmanischen Reichs, die unvergleichliche Teamchef-Karriere von Marcel Koller oder gar die Tragödie vom armen Hans-Guck-in-die-Luft? Weit gefehlt. Eine kurze Timeline einer auf den ersten Blick stinknormalen Karriere unter dem Sterne des Rock 'n' Roll: Ein Haufen Metal-Heads aus dem Gebiet nahe von Cardiff schließen sich zusammen, um von Wales aus die Welt zu erobern. Der Plan gelingt im zweiten Anlauf zum Teil, ohne aber um Einbuße in Bezug auf Härte und den ursprünglichen Nu Metal-Sound des Debüts Thefakesoundofprogress herumzukommen. Nach fruchtvollen Jahren im kleinen Rampenlicht entschließt sich die Gruppe schließlich, zu härteren Tönen zurückzukehren und veröffentlicht mit The Betrayed ein beachtetes Comeback im Dunstkreis sehr sehr sehr soften Metals. Eine weitere LP folgt und plötzlich der Schock: Frontmann Ian Watkins muss wegen diverser sexuellen Übergriffe auf Kleinkinder vor Gericht, bekommt knappe dreißig Jahre. Die Kollegen, die wahren Betrogenen, lösen verstört die Band auf und werden wohl ihr Leben lang mit gemischten Gefühlen auf die Zeit mit Watkins zurückblicken.

 

Seit der letzte und bislang einzige Lostprophets-Review hier eingetrudelt ist, sind fast auf den Tag genau dreieinhalb Jahre vergangen und die Frage ist nicht ganz unberechtigt, warum man diesem Schwein überhaupt noch ein paar Worte widmet. Das würde seinen Kollegen aber nicht gerecht werden und auch mein Kollege freut sich, wenn die alte Rezension Gesellschaft bekommt, nicht mehr allein auf weiter Flur stehen muss. Nach einer ungewollt langen Pause mit mehrfachen Verzögerungen stellt The Betrayed tatsächlich die partielle Rückkehr zu einem härteren Sound dar. Die Gitarren sind gelegentlich drückender und dringlicher, die Drums rollen ebenso gelegentlich bedrohlich und hymnenhafte, stadionaffine Singalongs machen nicht mehr volle 90% der Tracklist aus. So ganz wollte das Sextett um Pianist Jamie Oliver (nein, nicht der) und Drummer Ilan Rubin die neu gewonnene Hörerschaft dann doch nicht wieder vergraulen, darum läuft die LP ein, wie sie einläuft. Zwar mit Schmackes, aber mit jener melodischen Ausrichtung, der die Band seine erfolgreichen Jahre in den UK-Charts zu verdanken hat. So rechtfertigt sich auch die Inklusion der beiden Singles It's Not The End Of The World, But I Can See It From Here und (speziell) Where We Belong. Glatter als der Rest und mit weniger Nachdruck, aber nicht ansatzweise so charmant wie die radiofreundlichen Singles der letzten beiden LPs. Die Erfolgsformel dicker Riff und überwältigende Hook erschöpft sich irgendwann dann doch, vor allem mit einer streichelweichen Weltuntergangshymne und einem aalglatten Pop-Bastard, der wie folgt tönt:

 

"I'll take these storms away, start a brand new story,
I'll make it through each day singing death or glory,
Lord won't answer me, I won't let it bring me down."

 

Auf zwei Hochzeiten tanzen ist bislang aber auch nur den wenigsten gelungen, deswegen ist auch die letzte Single, das flippige For He's A Jolly Good Felon, trotz dynamischer Drums und einem rotierenden Riff nicht frei von Makel. Vermutlich aber einfach, weil man die Nummer am Vorgänger Liberation Transmission ein knappes Dutzend Mal gehört hat und das eineinhalbminütige, abschließende Instrumental komplett unbrauchbar ist - insgesamt trotzdem locker einer der besten Cuts. Wirklich fatal ist ohnehin nur die kitschige Ballade The Light That Shines Twice as Bright..., die The Betrayed mit Watkins schmalzigstem Gesang abrundet und schließlich in einem drögen Gitarrengewitter und Drumsgepolter verschwindet. Obwohl die beiden besseren Alben der Lostprophets näher dem Pop, denn dem Rock oder Metal stehen, ist die halbherzige Annäherung an Ersteren hier über die gesamte Laufzeit des Longplayers augenscheinlich.

 

Insofern haben die härteren Stücke zum ersten Mal die Nase vorn. Angeführt von Dstryr/Dstryr, der mit Respektabstand explosivsten Nummer auf der LP, sind die wenigen Ausflüge auf richtig energetisches Terrain durchwegs gelungen. Eingebettet zwischen etliche halbstarke Pop-Rocknummern, die der Ankündigung von wiedergewonnener Power nicht gerecht werden, wirken die zwar umso intensiver, sind gleichzeitig aber auch ziemlich auf sich allein gestellt. Bei Dstyr/Dystr röhren die Gitarren wenigstens ungezähmt, während die Rhythmusabteilung sich zur stärksten Performance des Albums aufraffen können. Daneben hat man immerhin noch Next Stop, Atro City in der Hinterhand, das mit wuchtigen Gitarrenwänden und polternden Drums aufwartet, sein Heil aber eher in hyperventilierenden, denn explosiven Hooks sucht und findet.

 

 

In der Endabrechnung bedeutet das, dass die Lostprophets aus Wales nach einer ätzenden und zwei guten LPs vor sieben Jahren endlich dort angekommen sind, wo ich solche Bands am liebsten verorte: In den hinteren Reihen des unbedeutenden Mittelmaßes. The Betrayed sollte für das Sextett zwar eine Rückkehr zu den eigenen Wurzeln bedeuten, letztlich werden aber zu viele Kompromisse eingegangen und Zielgruppen bedient, um aus dieser Mischung aus Pop-Affinität, Rock-Dynamik und schunkelndem Metal eine homogene Angelegenheit zu zaubern, sofern das überhaupt möglich ist. Eine Platte, die kaum egaler sein könnte.