Lindemann - Skills In Pills

 

Skills In Pills

 

Lindemann

Veröffentlichungsdatum: 23.06.2015

 

Rating: 2 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 29.10.2015


Idiotie ist keine Kunstform. Mieser Dance-Metal ist auch keine.

 

Ich hab's nicht ganz so mit der Moderne. Also eigentlich so gar nicht. Nicht falsch verstehen, das Mittelalter als krasses Kontrastprogramm dazu brauch ich noch viel weniger, aber zumindest die letzten 15 Jahre hätte sich der Planet eigentlich in fast jedem Bereich so ziemlich sparen können. Wäre jetzt plötzlich wieder 2000, man würde in Wahrheit nichts vermissen. Ja, so vorwärtsgewandt und fortschrittsgeil bin ich. Beschwerden bitte ans Salzamt oder zwecks größerer Erfolgschance einfach in einen netten Kommentar verpacken. Vielleicht liegt es auch daran, dass das gerade noch aktuelle Jahr dezent unterrepräsentiert dahindarbt, während in anderen Anni die Reviews sprießen. Dass es dann sogar gleich noch einen deftigen Verriss regnet, ist jedoch ganz sicher keinen zeitlichen Präferenzen anzukreiden, dafür trägt schon noch der geneigte Musikus die Verantwortung. Den kennt man übrigens, weil er in irgend so einer Band singt, Rammstein heißt die, glaub ich. Sowas auf der Visitenkarte stehen zu haben, sorgt für gute Verkäufe und ein paar Erwartungen, die mit dieser beeindruckenden Performance aber wirklich nur auf negativste Art bestätigt werden könnten.

 

Die große Überraschung ist das allerdings vielleicht noch nicht zwingend. Gut, mit Peter Tägtgren sitzt ein Mann mit an Bord, der als vom schwedischen Metal gestählter Multiinstrumentalist für ein ausreichendes Klangfeuerwerk sorgen könnte, um dem Herrn mit der tiefen Stimme tatkräftig auszuhelfen. Und das führt einen ja dann doch wieder schnell in altbekanntes Areal, wenn das Corpus Delicti hauptsächlich mit brachialen Härteeinlagen und elektronischen Seitenteilen daherkommt. Till Lindemann wagt also zumindest musikalisch keine großen Experimente, lässt es sich mit diesem erklärten Party-Album aber nicht nehmen, ein Konglomerat aus den schlechtesten Eigenschaften der Mutterband Rammstein zu erstellen. Was "Skills In Pills" nämlich ist und wohl auch sein will, ist eine albumlange Fortsetzung von Hitsingle Pussy, eine Spur härter zwar, um nichts eloquenter oder ernstzunehmender allerdings. Ganz im Gegenteil, wo Pussy nämlich Lindemanns Organ ein Synthie-Bühnchen baute, das irgendwie ins Ohr ging, markieren Tägtgrens wüste Arrangements allzu oft ein gleichsam chaotisches, wie langweiliges Schauspiel. Anleihen an düsteren Metal-Sparten wie in Children Of The Sun sind dank ihrer banalen, aber immerhin klaren Strukturen und zumindest kernigen Riffs noch mit das Beste, was gespielt wird. Abgesehen davon bietet man eigentlich Dance-Rock, der sich zwar brachial geben mag, mit den ermüdenden und hirnlosen Kombinationen aus uneffektiver Gitarrenarbeit und Synthies, die sich mal als Klassik-Parodie, mal als billiger 80er-Charme verkleiden, allerdings aussagekräftige Kopfbewegungen bestenfalls in der Horizontalen zulässt.

 

Das längst fällige Auseinanderdividieren einzelner Songs muss weiter warten, denn der Kardinalsvorwurf, das rezensorische Ass im Ärmel, wartet noch. Till Lindemann scheut nämlich nicht davor zurück, eine ungeschriebene Regel des Musik-Business einfach zu ignorieren: Schreib keine Songs in einer Sprache, die du nicht sprichst! Jetzt braucht es wirklich Eier, zuzugeben, dass schon das Verfassen einer ordentlichen E-Mail auf Englisch ein Stolperstein ist, gleichzeitig aber einen Zehnerpack englischer Texte auf den Tisch zu knallen. Die Pluspunkte dafür macht das Ergebnis dessen aber gleich wieder zunichte. Eigentlich darf man gar nicht anfangen mit Textfragmenten oder exemplarischen Zeilen, denn bei Titeln wie Ladyboy, Golden Shower oder Fat stellt es einem sowieso gleich alles auf. Aber zur allgemeinen Erheiterung, warum nicht:

 

"Please stand up, pink hairy sky

I creep down and wait, wait for you to cry

Let me sip again

 

Give me more champagne

Be my human Eiffel tower

Give me, give me golden shower"

 

© Till Lindemann! Ohne Worte...

 

Dass an dieses eine Exempel tatsächlich nichts sonst herankommt, ändert nichts daran, dass auch die wunderbaren lyrischen Ergüsse von Fat, die des Barden Leidenschaft für Sex mit, tja, fetten Frauen erläutern, Cowboy oder Fish On ein Level der niveaulosen Grausamkeit und schlicht platten Dummheit erreichen, das im falschen Moment für ziemliche Schmerzen sorgen kann. Aber Rammstein hat ja auch..., hör ich es aus manchen Ecken tönen, aber Nein! muss die Antwort da lauten. Während die NDH-Leitwölfe ganze Alben mit sexuellen Abenteuern aller Art füllen könnten, gelangt der Frontmann mit dieser LP musikalisch wie textlich an einen Punkt, wo jede Stimmung, jede Subtilität, jede Poesie in so unglaublich weite Ferne gerät, dass Vergleiche mit den besten Tagen der Band bestenfalls einer Lächerlichkeit gleichkämen.

Was im Zuge dessen noch mehr weh tut, ist die offensichtliche gesangliche Schwäche der einstigen stimmgewaltigen Autorität. Kraft und Nachdruck sind Schnee von gestern, Balladen wie das passable Yukon liegen ihm mittlerweile tatsächlich eher als es die harte, schnelle Gangart tut, die er vor Jahren noch gekonnt ins Episch-Hymnische befördert hat. Wobei da das unbeholfene Englisch und die nutzlosen Texte wohl auch Ihriges tun, die positiven Möglichkeiten ohnehin schon wegfressen.

 

So wunderbar eindeutig, wie all das scheint, verbleibt noch ein wohl auf ewig ungeklärtes Fragezeichen übrig. Wie es nämlich der eine mächtige Opener Skills In Pills auf das Album geschafft hat, es bleibt ein einziges Rätsel. Stimmiger ginge nicht mehr, wenn dynamische Riffs auf die starken Tägtgren'schen Drums und tatsächlich einmal an bessere Zeiten erinnernde Elektronik treffen. Dass Lindemann selbst gerade da mit seinem vierminütigen Drogentrip wieder voll in Form ist, passt da wie die Faust aufs Auge. Ähnlich erbaulich wird es nur mehr am anderen Ende mit dem Closer, der Single Praise Abort. Die klingt zwar abgeschmackter, sucht ein bisserl nach der nötigen Energie, bringt aber dafür im gedrosselten Tempo das Hymnische in Maßen zurück und darf sich sogar, welch Wunder, genuin humorvoll nennen.

 

Nach dem alten MA 2412-Motto "Ich trenn auch den Müll. In das, was ich weghau, und das, was ich nicht weghau." heißt die Empfehlung hier: Hauts des Ding weg! Noch praktikabler erscheint es, das Album einfach gar nicht erst zu konsumieren. Es gibt üblicherweise immer eine klar abgesteckte Zielgruppe für Musik, selbst bei schlechter ist das so. "Skills In Pills" schafft es aber nicht einmal, das seichte, tanzbare Spaß-Album zu sein, als das es geplant war. Stattdessen ist es in dieser offensiven Schwachsinnigkeit nur ein Beweis dafür, dass Till Lindemann sich etwas mehr seiner Stärken besinnen sollte, und ein Indiz dafür, dass seine beste Zeiten selbst dann schon Geschichte sind. Die waren irgendwann Anfang des Jahrtausends vorbei, wäre also plötzlich wieder 2004 - "Reise, Reise" braucht's dann doch noch -, man würde von ihm fast nichts vermissen.

 

Anspiel-Tipps:

- Skills In Pills

- Praise Abort