Lindemann - F & M

 

F & M

 

Lindemann

Veröffentlichungsdatum: 22.11.2019

 

Rating: 3.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 25.01.2020


Weniger verstörender Nonsens, mehr langweilige Nichtigkeiten.

 

Alles, was Flügel hat, fliegt. Dies besagt ein allseits beliebtes, die Jahrzehnte überdauerndes Kinderlied und Kinderlieder haben eigentlich immer Recht. Alles, was oben ist, wird aber ohne gleichbleibend hohe Aufwendung von Bewegungsenergie auch irgendwann wieder herunterkommen. Dies besagen allseits beliebte, die Jahrhunderte überdauernde Naturgesetze und Naturgesetze haben auch verdammt oft Recht. Sehr relevant kann in beiden Fällen sein, wie das Fliegen oder das Herunterkommen vonstattengeht, im letzteren Fall allerdings umso mehr, da die Folge einer nicht optimalen Prozedur ein ziemlich harter Aufprall sein kann. Was im Flugverkehr gilt, hat auch für so manche Karriere Gültigkeit, sei es eine sportliche, politische oder musikalische. Deswegen ist der rechtzeitige, geordnete Rückzug eine branchenübergreifende Königsdisziplin, die nur wenige beherrschen, während allzu viele nach verstrichenen Höhenflügen nur mehr herumgrundeln. Till Lindemann war an diesem Punkt, als er sich irgendwann einmal dazu hinreißen hat lassen, der Rammstein-Karriere eine namenstechnisch egozentrischere folgen zu lassen. Lindemann mutierte von einer harmlosen Kooperation zweier europäischer Metal-Veteranen zu einem unbequem elektronischen Fiasko, dessen verwässerte musikalische Wanderungen in der gesunden Härte dank miserabler Texte endgültig zu einem grausamen Erlebnis wurden. Nun sind aber Rammstein wiederauferstanden und damit auch deren Frontmann teilrehabilitiert worden. Ein Umstand, der nicht zu "F & M" hinübergerettet werden konnte.

 

Andererseits muss man manchmal auch für kleine Steigerungen dankbar sein und Lob verteilen. Das gilt insbesondere im Angesicht einer Monstrosität wie dem Lindemann-Debüt, das ja quasi nicht mehr zu unterbieten gewesen wäre und albtraumhafte Erinnerungen hinterlassen hat. Dem Deutschen ist es hoch anzurechnen, dass er nicht versucht hat, das noch zu unterbieten. Dafür ist ein imaginärer Slow Clap angezeigt. Wirkliches Lob will sich auch diesmal allerdings nur bedingt einstellen. Der zweite Auftritt des konungenialen Duos bestehend aus Lindemann und Peter Tägtgren ist womöglich etwas harmonischer geraten, weniger mit der infantilen Brechstange und netterweise auch textlich insgesamt nicht mehr dem Abgrund nahe. Dass man da allerdings lediglich Verneinungen negativer Eigenschaften liest, hat seinen Grund. Das Album kann nämlich wenig wirklich Positives sein Eigen nennen. Zwar nähert man sich wieder etwas den Stärken der Proponenten des deutschen, epischen Industrial- und Stadion-Metal an, vereint das mit deutlichen Einflüssen aus Tägtgrens diversen Projekten, insbesondere Pain. Nur klingt das alles latent halbherzig und ideenarm, sodass man zwar von Beginn weg mit ordentlicher Härte versorgt wird und alles schön kracht, über die Tracklist auch die eine oder andere stilistische Volte wartet, der Gesamteindruck aber ein blasser bleibt.

 

Vielleicht lässt es sich mit einem Wort als Trägheit beschreiben, was hier beinahe jeden Song befällt. Kein wuchtiger Riff, kein schallender Drum-Einsatz und keine schrillen Synths vermitteln wirklich energiegeladene Musik, stattdessen ist man selbst bei den vergleichsweise eindringlichen, frühen Songs mit einer beeindruckenden Mittelmäßigkeit konfrontiert. Ich Weiß Es Nicht schrammelt zwar in schöner Rammstein-Manier dahin und bringt es sogar zu einem hymnischen Refrain, der den Namen verdient, klingt aber textlich nach Poesie im Tokio-Hotel-Format, die sich in ihrer lauwarmen Schwammigkeit kaum mit der harten musikalischen Gangart verträgt. Allesfresser und das titelgebende Frau Und Mann beleben dann zwar das Elektronik-Rock-Label halbwegs gekonnt, retten sich dabei aber auch nur in jene Sphären, die anno dazumal "Rosenrot" zu enttäuschender Mittelmäßigkeit verholfen hat. Das wirft alsbald die Frage auf, ob langsam aber sicher der Zeitpunkt gekommen ist, wo man von der gleichbleibenden rabiaten Rammstein-Leier genug hat. Nachdem aber deren 2019 erschienene LP zumindest routinierte Stärke vermittelt hat, kann das nicht so ganz des Rätsels Lösung sein.

 

Der Frontmann ohne sein angestammtes unterstützendes Personal ist schlicht eine halbgare Geschichte. Die zweite Albumhälfte lässt einen die Dramatik dessen erkennen, nachdem man anfangs immerhin mit mittelmäßigen Darbietungen versorgt wird. Der Weg bergab führt einen vorbei an einem merkwürdig leb- und witzlosen Ausflug in den rockigen Tango. Als Ach So Gern wird das zwar zum Gimmick des Albums und exekutiert den unerwarteten Genresprung immerhin nicht anstößig schlecht, was einem an diesem Song nun auf- oder gefallen sollte, bleibt aber dezent unklar. Genauso braucht es definitiv auch Unterstützung dabei, Schlaf Ein als lohnende Erfahrung anzusehen. Das ist eigentlich schade, weil Tägtgrens Faible für orchestralen Bombast hier durchaus stark zum Vorschein kommt. Nur fängt niemand etwas mit diesem schleppenden, monotonen Streicherepos an, wenn Lindemann darin dermaßen isoliert wirkt und ein höchst uninteressantes Schlaflied zum Besten gibt.

Macht aber nichts, weil es weitaus schlimmer geht. Die LP schlittert nämlich in ein Debakel, wenn sie mit Gummi an Vorgänger "Skills In Pills" anstreift und also stumpfsinnige Sexfantasien in ein wummerndes Elektronik-Rock-Gestolper gießt. Das kann gar nichts, nicht einmal die Riffs halten da etwas dagegen, da sie netterweise zu Tode produziert wurden und damit nicht mehr als ein dröhnendes Rauschen ergeben. Aus Künstlersicht kann man in der Folge beruhigt sein, weil es schwer schlechter werden wird. Dass man deswegen nur mehr billigen Synth-Rock und ein kitschiges Amalgam aus Klavier und Streichern ohne wirklichen Inhalt bieten muss, heißt das trotzdem nicht.

 

"F & M" ist also doch grottenschlecht, wenn man tunlichst die zwei lichten Momente des Albums ausspart. Einerseits ist das Knebel, dessen radikale Interpretation altbekannter Laut-Leise-Wechsel zwar nicht mehr allzu neu wirkt, stattdessen nach einer instrumentell weniger ambitionierten Version von Wiener Blut klingt. Gerade der musikalisch trockene Zugang, der nicht mehr als ein bisschen akustische Gitarre auf der einen, ein bisschen ohrenbetäubenden, stampfenden Metal auf der anderen Seite erlaubt, trägt zum eindringlich kargen Gesamtbild bei. Das wird übrigens mitverursacht durch den bei weitem stärksten Auftritt Lindemanns am Mikro. An anderer Stelle wirkt er gesanglich zwar leider etwas blutleer, hier ist er dafür voll auf der Höhe, wie er es in seinen besten Tagen war. Ähnliches traut man sich sonst nur ganz zu Beginn sagen, wenn Steh Auf diese ganze, unterwältigende Geschichte in großartiger Manier anreißt. Die erfolgreiche Leadsingle bringt beinahe alles mit, was man sich wünschen kann. Kernig-harte Gitarrenarbeit, wuchtiges Getrommel, eine geniale Hook und einen Sänger, der nicht nur überzeugend kraftvoll röhrt, sondern dabei auch noch seinen Hang zu absurd-poetischer Morbidität entdeckt.

 

Das mag ein mächtiger Einstieg sein, der ist aber mit Blick auf das große Ganze ein kleiner Trost. Lindemann klingen auch beim zweiten Mal nicht so, als könnte man ihnen jemals wirklich gerne zuhören, wenn es um das Albumformat geht. Zwar ist es ein klarer Schritt weg vom künstlerischen Abgrund des Debüts, einem starken Auftritt ist man damit aber nur in sehr begrenztem Maße entgegengekommen. Für ganze drei Minuten erlebt man eine Vorstellung, die einen direkt zu den besten Tagen von Rammstein zurückführt. In der Folge wird man allerdings nicht gerade dazu gedrängt, ähnliche Vergleiche zu ziehen. Stattdessen muss man weiter damit leben, dass das Projekt Lindemann musikalische Schmalspurkost bietet, die plump, hölzern und kaum einmal wirklich kraftvoll wirkt, ganz egal wie sie sich stilistisch nun gibt. Darüber hinaus beschleicht einen das Gefühl, dass Till Lindemann doch nicht allzu viel hat, was er in Texte verwandeln kann oder will. Auch die Arbeit für eine sicherlich unkonventionelle Theaterfassung von "Hänsel & Gretel" hat daran nichts geändert, selbst wenn die Hälfte der hier anzutreffenden Songs daraus entstanden ist. Ist also jede Hoffnung zu begraben? Vielleicht, aber von da unten muss man auch erst einmal wieder herauskommen...

 

Anspiel-Tipps:

- Steh Auf

- Knebel