Kimbra - The Golden Echo

 

The Golden Echo

 

Kimbra

Veröffentlichungsdatum: 15.08.2014

 

Rating: 6.5 / 10

von Mathias Haden, 23.07.2015


Auch am zweiten Longplayer verzettelt sich die Neuseeländerin mit künstlerischer Ästhetik.

 

Das Leben einer Grammy-Gewinnern sollte eigentlich ein in irdischen Glückseligkeiten nur so getränktes sein. Besonders als kleiner Fisch in den unergründlichen Weiten des One-Hit-Wonder-Ozeans. Auch unsere liebste Neuseeländerin Kimbra kann davon das eine oder andere Liedchen trällern. Einmal ihre Stimme hergeborgt, ist ihr der irreversible Eintrag in den Geschichtsbüchern gewiss. Und doch, Kimbra als One-Hit-Wonder abzustempeln, entspricht schon einem ungeheuren Frevel. Viel zu liebevoll, ihr verschrobenes, etwas überambitioniertes Debütalbum, viel zu bemüht, ihre Versuche, das Maximum aus ihrer vielseitig einsetzbaren Stimme herauszuholen. Millionen hätte die Dame auf diesem fordernden Weg zwischen Soul, Jazz und R&B wohl nicht abgesetzt, die Freude an ihrer eigenwilligen Musik hätten wir ihr aber weiterhin gegönnt.

 

Den Spaß an besagter vermittelt aber auch Nachfolger The Golden Echo, 2014 beim Label Warner Bros. erschienen. Mit erhöhtem Fokus auf Elektronik startet bereits Opener Teen Heat, mit dem sie zwar kein Patent auf Dance-Pop frei von jedem Klischee erheben braucht, noch nicht einmal im Vorhaben annähernd siegreich hervorgeht, ihrer auf eine besondere Art und Weise liebevollen Exzentrik eine gereiftere Note hinzuzufügen, der neuen Konkurrenz von Lady Gaga und Miley Cyrus aber einen ordentlichen Laufpass gibt. Dies liegt unter anderem daran, dass die Neuseeländerin hier ordentlich aufs Gaspedal steigt, nach der Hockenheim'schen Geraden mit fetziger Hook und mitreißender Elektronik zwar in der Kurve textliche Versiertheit und Authentizität zurücklässt, im synthetisch motorisierten Wagen trotzdem mit einer ordentlichen Zeit im Ziel ankommt. Stimmlich kann man der Guten auch recht wenig vorwerfen, obwohl sich in ihrer hohen Stimmlage kleine Ungereimtheiten in Bezug auf Verträglichkeit ausmachen lassen, dafür funktioniert das Wechselspiel leise/laut bestens. Weiter geht es mit Leadsingle 90s Music, ihrer unter dicker Elektronikdecke begrabene R&B-Ode an die Musik ihrer Jugendtage. Wieder ist es ihr wuchtiger Refrain, der die Kohlen aus dem Feuer zu bergen hat. Und obwohl der Bass übermütig dröhnt, die Nummer unter vielgeschichteter Überproduktion verwäscht, nimmt man ihr den gut gemeinten Tribut ab - und wird für die Geduld belohnt. Denn wenn die Keyboards samtig schimmern, Kimbra sich auf einer Liane über den verwachsenen Dschungel voller Overdubs erhebt und ihre verzerrte Stimme jener titelgebenden Stadt fröhnt, dann ist mit Carolina ordentlich Spaß an Bord. Auch der folgende Track, das bedrohlich anmutende Goldmine, weiß auf seine spezielle Art zu überzeugen. Zwar nicht erneut mit einer angriffigen Hookline, die mit "I've got a goldmine / It's all mine / Nobody can touch this gold of mine" nicht unglaublich ausfällt, sich in seinem Hang zur Repetition gar etwas monoton gibt, sondern durch starke Auftritte in mit mysteriös funkelnden Synthies verzierten Strophen.

 

Auf die nächsten Highlights wartet man nach diesem durchaus gelungenen Start allerdings, lassen sich jene ab diesem Zeitpunkt nur mehr in unregelmäßigen Abständen zutage fördern. Miracle holt sich Disco-Einflüsse aus den 70ern, nimmt dabei aber gleich den ganzen Dancefloor mit in die Schlacht, die von Piano und Streichern getragene Ballade As You Are schunkelt überlang zu verzerrter Gesangsgymnastik und die Elektroexzesse von Everlovin' Ya öffnen in wildem Überschwung die Hintertür, durch die sich die folgende Dekade hereinschleichen kann, während der soulige Gastauftritt von Sänger Bilal solide, in seiner spärlichen Dynamik alles andere als zwingend bleibt. Gemein haben sie alle, den Erstgenannten dank seiner großartigen Performance unter Vorbehalt, dass sich wie schon am Vorgänger das akute Gefühl aufdrängt, der bemühten Kimbra entgleitet ihr Projekt, das sich zwischen vielseitigem Pop und künstlerischem Anspruch ein wenig verliert. Love In High Places wird in ihren Händen zwar rasch zum heimlichen Favoriten, büßt mit seiner künstlich ausgedehnten Spieldauer und seinen dominanten Keyboards dann doch einiges an Wirkung ein. Mit der Tracklänge hat man an dieser Stelle, knapp vor dem Ende ohnehin seine liebe Not. Geschwind noch der nächste 5-Minutenbrocken Nobody But You eingefügt, der nach angenehmen dreien dieser mit Disco-Charme auf sich aufmerksam macht, danach aber von schrägen Elektronik-Mätzchen erdrückt wird und kurz darauf den nächsten Tempowechsel in ruhigere Gefilde überstehen muss. Das tut er - es sei kein Geheimnis - wenig überraschend nicht.

Umso erfreulicher ist es dann aber, wenn gerade die längste Nummer, zu allem Überfluss noch jene, in die Funktion als Closer gedrängte, den lang ersehnten Meilenstein darstellt. Während die Protagonistin auf Waltz Me To The Grave die Stärken aus zwei Alben an Erfahrung mobilisiert und zusammenführt, ihrer Stimme etwas unglaublich Verführerisches mit auf den Weg gibt, sind es insbesondere die starken Drums und der ganze liebevoll zusammengewürfelte Zirkus, der ihren Gesang umgibt, die dem Stück eine gewisse Magie einhauchen.

 

Der Abschluss ist also geglückt, ähnlich der wesentlich stärkeren A-Seite. Und doch muss man sich an dieser Stelle fragen: Was soll das alles? Klar, für sich genommen bieten Kimbras zumeist gewinnbringende Auftritte in Kombination mit den komplexen Songstrukturen und ihren fast schon avantgardistischen Pop-Sensibilität oftmals tolle Tracks. Auch wenn das Songwriting, wie etwa auf Goldmine, der gebotenen musikalischen Komponente nicht immer gerecht wird, die mit vollem Karacho auf künstlerische Ästhetik getrimmte Aura der knapp sechzig Minuten mit jedem Augenblick mehr und mehr ermüdet - böse sein, und hier schließt sich der Kreis, kann man der Dame mit dem goldenen Echo aber nicht sein. Letztlich überwiegen die positiven Eindrücke dann erneut, auch wenn sie langsam mit einer LP herausrücken sollte, die über die gesamte Laufzeit unterhält. Die Songs hätte sie ja schon, glücklich wirkt sie auch nach wie vor.

 

Anspiel-Tipps:

- Carolina

- Miracle

- Waltz Me To The Grave