Katy Perry - Prism

 

Prism

 

Katy Perry

Veröffentlichungsdatum: 18.10.2013

 

Rating: 5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 03.06.2017


Der finale Schritt zur Professionalisierung hedonistischer Durchschnittlichkeit.

 

Das Grundkonzept des Pop als gewünschtem Massenphänomen ist ja das der Stromlinienform. Also diese relative Profillosigkeit. Diese plastische Chirurgie des Akustischen, durch die aus irgendetwas mit Ecken und Kanten, ein Charakterklang also, dieses angespannt Faltenlose wird. Latent unnatürlich eigentlich. Noch dazu kostspielig, kurzlebig und in der Handhabung unbefriedigend. Und doch ist da dieser Erfolg, der bei aller Wertschätzung für die Armada unüberhörbar wohlgeformter Pophits immer auch einen schalen Beigeschmack hat. Insbesondere dann, wenn man es mit Interpreten zu tun hat, bei denen die Reichhaltigkeit ihrer textlichen Inhalte nur noch von ihrer Zurückhaltung übertroffen wird. Die unfassbar dezente Natur Katy Perrys prädestiniert sie dafür. Was sonst sollte man aus I Kissed A Girl gelernt haben? "Prism" nun lehrt uns, dass diese Leere zumindest auf ihr Gardemaß getrimmt durchaus auch Vorzüge haben kann. Sporadische...

 

Die LP ist nämlich in absoluten Maßstäben immer noch fad, verdient einen begrenzt positiven Drall in der Beschreibung nur wegen einer relativen Güte im Vergleich zum bisherigen Material. Wobei die Formeln immer noch so ziemlich die gleichen sind, nur mit einer immer größer werdenden Schar an Songwritern und immer weniger jugendlicher Blödheit, die einem aus den Texten entgegen springt. Dass einen stattdessen eine seichte Motivationstirade wie die von Roar begrüßt, ist per se noch kein Qualitätsmerkmal, deutet aber zumindest die notwendige lyrische Zurückgenommenheit an, um weniger eckig und also weniger unausstehlich zu wirken als bisher. Die träge musikalische Mischung aus statischem Beat, druck- wie tonlosem Gesang und dem am Pop-Firmament des Jahrzehnts erfrischend untypischen Hauch von elektrischen Gitarren, das alles summiert sich zum Paradefall eines störungsfreien Chartsturms. Erfolg? Soll sein. Auszeichnung? Jo mei. Kritikerlob? Warum denn dieses?

 

Die musikalische Risikolosigkeit dieses Anfangs sticht auf "Prism" immer wieder die zaghafte Ambition eines weniger kindischen und YOLO-geprägten Stils aus. Das verliebte Gedudel Walking On Air sei dahingehend stellvertretend genannt als ein Track, dessen eindruckslose Eurodance-Fassade die Handschrift von Max Martin nur deswegen nicht in voller Härte trägt, weil der nicht oft auf solche angestaubten und latent leblosen Ideen zurückgreifen muss. Dass unbedingt ein Rapper auf die LP muss, klingt schon wieder eher nach ihm, rechtfertigt aber weniger, warum inmitten der faden Trap-Avancen von Dark Horse noch so ein Langweiler wie Juicy J auftauchen muss, um dem bereits zähen Elektronik-Mischmasch noch ein bisschen Dynamik zu nehmen. Möglicherweise soll so etwas stimmungsvoll sein. Nirgendwo sonst könnte die Sterilität und Hilflosigkeit, mit der sich Perry ebensolcher Atmosphäre zu nähern versucht, besser aufgehoben sein als in Songs wie Double Rainbow oder dem verzweifelt am unpassenden Dance-Beat festhaltenden Ghost. Dessen Wirkungsarmut kommt eben auch daher, dass nichts den monotonen Stampfer im Hintergrund mit den pflichtschuldig eingebauten Streichern oder dem zwischendurch gehauchten Flehen von Perry in Einklang bringen könnte.

 

Es gibt trotzdem auch die andere Katy, die - ob nun angeleitet von den vielen externen Songwritern oder doch selbst Anleiterin, weiß niemand - die Grundlagen des Pop nicht nur als Goldgrube, sondern eben auch als stark formbare Musikrichtung verstanden hat. Diese Seite zeigt sie zwar nicht sonderlich gern, anfangs überhaupt nur mit dem kurz orientalisch anklingenden Legendary Lovers, das fernab der moderat exotischen Bridge in rhythmischer Monotonie sein Heil sucht. Mit dem Kesha-esquen This Is How We Do findet sie aber in die unstete und doch ergiebigere Spur der zweiten Hälfte. Dem trockenen Party-Dance-Track mangelt es zwar an Finesse, zusammen mit dem anschließenden International Smile liegt allerdings poppige Güte in der Luft. Max Martins Routine ist es noch am ehesten, die man in solchen Kompositionen heraushört. Während sich sein Sound aber oft wenig mit Perry verträgt, vieles auf musikalischer Ebene auch latent motivationslos wirkt, kann zumindest hier von Harmonie die Rede sein. Wie übrigens auch bei Love Me, beste Hook des Albums und frischesten Beat der LP inklusive. Geballte schwedische Songwriter-Macht ist für den Track verantwortlich und während Erinnerungen an ABBA im dezent gestalteten Track nicht wach werden wollen, ist man umso mehr angetan von der Tatsache, dass ohne Synthie-Wände und Dauerdröhnung, dafür mit stimmigem Keyboard-Einsatz und Katy Perrys stärkstem Stimmeinsatz ein potenzieller Hit möglich ist.
Sie singt schon noch einmal besser, allerdings das in der vom Ballast Max Martins befreiten finalen Ballade, By The Grace Of God, deren autogetuneter Refrain zwar wenig zum Genuss beiträgt, in der aber immerhin ein Hauch von Emotion in der Luft liegt, wenn sich die Klavier-Strophen ruhig entfalten dürfen.

 

Der Rest ist bestenfalls auch anwesend. Und somit keine Hilfe auf Perrys Weg zu einem tatsächlich einmal guten Pop-Album. "Prism" ist trotzdem noch eindeutig ihr bestes, weil mit dem Alter bei Perry anscheinend auch zunehmend der Sinn dafür kommt, was verdammt nervt und was wenigstens nur langweilig ist. Letzteres ist die LP oft genug, auch und gerade wegen der Schar an Produzenten und Songwritern, die sich mittlerweile auf jedem Release des Genres ansammeln wie sonst die Tauben auf einem Bahnhof. Doch auch blinde Tauben finden mal einen Passanten, auf den sie gacksen können, und so verhält es sich auch mit Perry und ihren Kollaborateuren gegen die Tiefgründigkeit. Zwar sind es ausgerechnet die nicht zur Single gewordenen, die das Hitdasein verdienen würden, aber diese Treffsicherheit muss man ihr ja nicht auch noch abverlangen, wenn sie sich schon so bemüht hat.