Kacey Musgraves - Same Trailer Different Park

 

Same Trailer Different Park

 

Kacey Musgraves

Veröffentlichungsdatum: 19.03.2013

 

Rating: 5.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 17.02.2018


Die Grenzen des Country lassen manch Revolution zum lauen Lüfterl verkommen.

 

Dünnes Eis, verdammt dünnes Eis. Und ich bin kein Eisläufer, soviel sei gesagt. Aber Country hat sich ein fixes Plätzchen in diesem kleinen Garten Eden der Musik erarbeitet und das ist jetzt an sich weniger mein Verdienst, nur ist die Konstanz seit jeher eine Konstante hier. Dementsprechend gilt es, auch diesen uramerikanischen Mikrokosmos weiter zu beleuchten. Was schwierig ist, weil keine relevante Kenntnis des Genres, kein relevantes Interesse daran und kein albumförmiges Repertoire, mit dem man arbeiten könnte. Kacey Musgraves hat sich aber nicht ganz freiwillig eingenistet und wo sie schon so lieb dasitzt in ihren Boots und mit dem relativ kurzen Höschen - klassisches Cowgirl, kein Zweifel -, kann man ihr ja ein wenig Aufmerksamkeit schenken. Die Kritikerriege hat es damals auch getan und sie zum next big thing des Country erkoren, so als jugendliche Moderne in einem Genre, das von latenter Nicht-Jugendlichkeit lebt. Genau danach klingt er dann auch, der mutige Schritt ins Rampenlicht.

 

Und das soll gleich einmal gesagt sein: Sie verdient sich den Scheinwerfer, der auf sie gerichtet ist, schon zu einem Teil. Weil die Stimme manchmal sehr cool klingt, obwohl sie effektiv wenig kann. Eher aber noch, weil das Songwriting manchmal sehr viel kann, obwohl es effektiv ziemlich uncool klingt. Auch da wieder die Frage, inwiefern Country und Coolness sich überhaupt vertragen oder wollen, zumindest außerhalb der Welten, die man als Man in Black durchwandert. Auf alle Fälle kann Musgraves Songs schreiben und hat zusätzlich die Gabe, sie entsprechend zu arrangieren, dass man von eindrucksvoll harmonischen Stücken sprechen kann. Silver Lining ist dahingehend eine Eröffnung, wie sie sich viele Musiker höchstens erträumen könnten. Zwar drängt die gute, alte Pedal Steel den Song ins romantisierende Eck, dem muss die Amerikanerin aber eigentlich gar nicht entgehen, weil sie sich mit dem Standard-Beat und der auch abseits davon höchst simplen Instrumentierung einen Gefallen tut, ihrer starken Gesangs-Hook und der makellosen Produktion das Feld überlässt. Und die hat so eine kristallklare Qualität, ohne sich in steriler Kälte zu verlieren. Stattdessen dominiert ein Hauch luftiger Melancholie, befeuert von Musgraves zweifellos gelungenen Zeilen.

 

Dass sie die relativ locker aus dem Ärmel schütteln kann, beweist sie oft genug. Wobei man sich schon darauf einlassen können muss, womit sie da textlich herumhantiert. Ausgewiesene Südstaatenthemen sind bekanntlich schwierige Kost, wenn sie zu authentisch aufbereitet werden. Natürlich kann genau das auch durchaus starke Facetten offenbaren, ein Footstomper wie Blowin' Smoke wäre nichts ohne die lyrische Liebe zum Detail und die darin versteckte Mischung aus heimattreuer Direktheit und Anflügen von Zynismus. Musgraves findet darin - das lässt sich ohne jeden Zweifel sagen - ihre coolste Stunde, legt sich dafür auch den nötigen kernigen Unterton in ihrer Stimme zu, behält sich aber gleichzeitig die fließende Melodik. Stell einen Gitarristen mit dem einen oder anderen Effekt-Pedal dazu und der Ausflug in die nächste Bar in Texas ist gesichert. Als textliches Trumpf Ass der Songwriterin kristallisiert sich aber relativ rasch Merry Go 'Round heraus, das sich der Schattenseiten des Deep South auf abgeklärte, intelligente und doch gefühlvolle Art annimmt, ohne dabei der Melodramatik zu verfallen:

 

"If you ain't got two kids by 21
You're probably gonna die alone
At least that's what tradition told you

 

[...]

 

Mama's hooked on Mary Kay
Brother's hooked on Mary Jane
And Daddy's hooked on Mary two doors down"

 

Ein wenig Ironie schwingt allerdings mit, denn gerade in diesem Song schwingt auch unweigerlich mit, warum Musgraves alles nur keinen großen Gewinner aus ihrer Debüt-LP gemacht hat. Merry Go 'Round versandet musikalisch in einer Mischung aus kitschiger Romantik und lahmender Fadesse. Harmonisch geformt, ohne jeden Zweifel, aber gefühlvoll auf eine Art, wie es ein Dutzend Disney-Soundtracks auch sein will und nur ganz wenige Songs überhaupt schaffen. Ich als Teilzeit-Großmeister des Kitsch muss es wissen, das ist zu viel des Schlechten. Eher noch ist es das Falsche vom Schlechten, auf offensichtlich liebevolle Art halbgar, ohne wirklich wahrnehmbare Verwundbarkeit, stattdessen aufpoliert bis zu dem Punkt, wo man weniger Emotion und mehr Präzision wahrnimmt. Das hilft nicht, im Gegenteil beraubt es Musgraves ihrer größten Stärke, nämlich der lyrischen Prägnanz und Direktheit, die sie mitunter aufblitzen lässt.

Man darf die auch nicht zu sehr feiern, so sehr wie sie die überbordende Romantik mag. Das kindische My House schwingt da auf eine Art dahin, dass man in diesem Harmonie-Wasserfall nicht mehr finden kann als eine peinliche Zeile nach der anderen. Das ist zwar ein Zustand, den man so nicht mehr erleben muss, höchstens noch in abgeschwächter Form beim dezent lächerlichen Mutmacher Follow Your Arrow. Es fördert den Gesamteindruck allerdings nicht, so etwas irgendwo einzustreuen.

 

Es verträgt sich auch nicht so wirklich mit der zweiten, weitaus präsenteren Mangelerscheinung der LP. Widmet sich Musgraves der Liebe und allem, was sich dort so abspielen könnte, klingt sie nicht nur plötzlich relativ mutlos, ihre Songs geraten so zahm, dass ihnen wenig mehr als die Filler-Rolle bleibt. Hochgelobt und dahingehend trotzdem beinahe leblos, hört man Keep It To Yourself genauso wenig durchdringendes Gefühl oder eine emotionale Note in der Musik an, wie man das elendiglich kitschige Drama Dandelion berührend nennen könnte. Als Arrangeurin überzeugt sie dann urplötzlich auch nicht mehr, wenn sie ihre Songs aushungert und gerade auf das Maß stutzt, das weder zurückgezogene, zerbrechliche Ruhe sein kann, noch klangliche Originalität erlaubt. Ein einziges Mal gelingt ihr immerhin ersteres und das damit gesegnete Back On The Map wird dank ihrer starken, undramatisch flehenden Gesangsvorstellung auch direkt zum Besten, was die LP zu bieten hat. Nur bleibt es eben nicht nur inhaltlich ein einsamer Moment, es ist auch albumumspannend ein alleingelassener Gefühlsbrocken, der umgeben ist von etwas, das man vielleicht eher als gelungene Imitation von Atmosphäre und Emotion charakterisieren könnte.

 

So nebenbei ist es auch ein bisschen erschreckend, wenn etwas, das so offensichtlich zahm und süßlich daherkommt, fast schon als revolutionäres Ereignis im modernen Country gefeiert wird. Ok, da traut sich eine junge Dame tatsächlich zwischendurch, dem allzu traditionsbewussten Südstaatler-Leben zu Leibe zu rücken und Klartext zu reden darüber, warum dort unten Heuchelei und Tristesse ähnlich groß geschrieben werden wie Gott und Schrotflinten. Löblich, stark, vor allem in einem Genre, in dem die Damenwelt ein bisschen dazu verdammt scheint, hauptsächlich dem Mann ihrer Träume nachzuweinen, in dem außerdem alle miteinander so verträumt und heimatliebend unterwegs sind, dass man oft genug an schlichte Verblendung glaubt. "Same Trailer Different Park" ist aber letztendlich immer noch nicht mehr als ein Scharren an der geschlossenen Tür, ein zahmes Gesamtwerk, dem zwar die Harmonie aus jeder Pore trieft, das aber sonst nicht wahnsinnig viel Mut oder Charakter auf der Habenseite zu haben scheint. Wann immer beides in Griffweite kommt, ist schnell genug klar, wo ihre Stärken liegen. Quantitativ überzeugt sie in der Hinsicht allerdings weniger.