Joshua Radin - Wax Wings

 

Wax Wings

 

Joshua Radin

Veröffentlichungsdatum: 07.05.2013

 

Rating: 6.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 01.04.2017


Zwei einsame Meisterwerke verdecken das Ende emotionaler Wirkung und frischer Ideen.

 

Leichter Westwind, strahlender Sonnenschein, kaum Wellengang. Ideale Flugbedingungen an diesem lauen Morgen, an dem sich Vater und Sohn die Flügel umschnallen, um sich kurzzeitig wie Vögel zu fühlen. Die beiden heißen Daedalos und Ikaros und zumindest für einen sollte es ein ziemlich heißer Ritt werden. Wir alle kennen die Geschichte, deren Alter das von Richard Lugner übersteigt und deren zwei wichtigste Lehren seit jeher in unser aller Gedächtnis picken: 1. Die Sonne ist der Todfeind, 2. Immer feuerfeste Materialien für den Flügelbau verwenden! Manch Unkundiger glaubt ja, es ginge eigentlich darum, dass man immer seine Grenzen kennen sollte und die nicht unbedingt ausreizen muss. Wer will, soll es meinetwegen so sehen. Joshua Radin könnte fast so einer sein, denn der US-Amerikaner, der noch mit seinem Debüt manch Herz zum Bersten gebracht hat, ist mittlerweile in solche sicherem Terrain gefangen, dass man ihm beinahe den Ausbruch raten will. Nur, damit er einen dann doch mit nur zwei Songs fast wieder vom Gegenteil überzeugt.

 

Allerdings weniger in Massen und mehr in Maßen. Weil er im Verbund mit dem Klavier ineffektiver daherkommt, als man es erwartet und gern gehört hätte, und da sich der Drang zum Country in Richtung eines allzu friedfertigen Proto-Kitsch entwickelt. Proto deswegen, weil hier die Grenzen verschwimmen und sich die authentische Sentimentalität des hauptberuflichen Hauchers und dem schlichten Druck auf die Tränendrüse nicht mehr ganz voneinander trennen lassen. Zwar legen Piano und Streicher in ihrer zunehmenden Hauptrolle eher letzteres nahe, skizzieren cineastische Dramaturgie, die für Radin nur ganz schwer zu Gefühlen transformiert werden kann. Andererseits ist jeder auf sein ureigenes Gerüst beschränkte Song einer altbekannter Stärke. "Wax Wings" kennt derer manche, wie das vorab veröffentlichte In Her Eyes beweist. Natürlich steckt im geschliffenen Folk-Pop bei aller klanglicher Zurückhaltung zu viel des Melodrams für manche. Auf der anderen Seite ist es der bisweilen beste Moment eines Singer-Songwriters, der nie irgendetwas besser gekonnt hat, als der Liebe einen Song zu widmen. Mit den dezenten Streicherklängen im Hintergrund, dem hellen Gitarrensound und dem kaum mehr als geflüsterten Refrain rund um den "angel falling from the sky" ist es die Formvollendung dessen, woran sich Radin über die Jahre bei weitem am öftesten gewagt hat.

 

Diese seine Paradedisziplin, die "We Were Here" vor mittlerweile über einer Dekade zu einem so starken Debüt gemacht hat, findet dann aber eigentlich nur mehr in dem finalen My My Love einen würdigen Proponenten. Der Rest ist Österreich. Oder, um ein Synonym zu gebrauchen, ziemlich durchschnittlich. Dass sich ausgerechnet zu seinem stärksten Track solche Schmalspurdarbietungen wie das spröde With Me gesellen, ist beinahe schändlich. Es sind die sprunghaften und lebensfrohen Minuten, die in ihrer aufpolierten und undefinierten Art den bestenfalls ordentlichen Kern der LP bilden. Beschwingt kann er einfach kaum und nachdem einem Opener Beautiful Day gleichermaßen altbekannt - "Simple Times" kannte bereits das gleich gestrickte Brand New Day - wie emotionslos vorkommt, ist spätestens mit der in all ihrer Kürze langatmigen Country-Schnulze Back To Where I'm From der Punkt erreicht, an dem es auch ein schlechter Taylor-Swift-Schmachter sein könnte. Da wird die Sympathie einem Musiker gegenüber auf alle Fälle auf die Probe gestellt.


Zur Wiedergutmachung reicht es rundherum aber irgendwie auch nur selten. Leadsingle Lovely Tonight taugt ähnlich wenig als Erinnerung an beste Zeiten, driftet mit der unheiligen Kombi aus weiblicher Gesangsbegleitung, Klaviergeklimper und aufdringlichen Streichern aus der möglichen Großartigkeit ins pure Mittelmaß ab. Endgültig zu zweifeln beginnt man, wenn mit Cross That Line ein archetypischer Radin-Ruhepol ähnlich wirkungslos bleibt. Natürlich ist dann aber noch irgendwo Platz dafür, sich anderer Mittel zu bedienen. Am lohnendsten entwickelt sich der neu gewonnene Country-Charme nämlich dort, wo das Tempo höher bleibt. When We're Together stampft so ein wenig gar fröhlich durch die Gegend, hat etwas von einer pflichtschuldigen Disney-Übung, wirkt aber schon früh als wichtige Erfrischung für eine LP, die in alten Mustern zu selten das Interessante und Berührende wiederfindet. Beides in einem versammelt dann überhaupt nur mehr Your Rainy Days, das countryeske Zugeständnis an die Geschwindigkeit, in dessen aktiverem Sound sich Radin unerwartet gut zurechtfindet. Tatsächlich verträgt sich seine des Nachdrucks nicht mächtige Stimme prächtig mit dem lockeren Folk-Sound, in dem sich seine beste Hook seit Jahren versteckt.

 

Nach erinnerungswürdigen Hooks sucht man auf Radin-Alben grundsätzlich zwar ohnehin nicht, "Wax Wings" lässt aber vor allem die emotionale Qualität seines Erstwerks oder auch von "Underwater" vermissen. Meistens zumindest. Das könnte durchaus damit zu tun haben, dass keine missglückten Beziehungen mehr Pate stehen für die Songs des US-Amerikaners, sondern er anderweitig nach Inspiration suchen muss. Und die kommt anscheinend aus verschiedenen Ecken, wodurch in den elf Songs nicht ganz klar wird, ob Joshua Radin jetzt gerade sein Glück genießt, seine Herzensdame anbetet oder ihr nachweint. Am besten ist er im Suchen (Your Rainy Days) und Finden (In Her Eyes) ebendieser einen Frau, alles andere gelingt ihm nur mehr bedingt, sodass irgendwann die Frage aufkommt, wann man eigentlich das letzte Mal einen Song dieser LP gehört hat, der nicht einer aus dem Duo ist.

 

Anspiel-Tipps:

- Your Rainy Days

- In Her Eyes

- My My Love