John Lennon - Walls And Bridges

 

Walls And Bridges

 

John Lennon

Veröffentlichungsdatum: 26.09.1974

 

Rating: 6.5 / 10

von Mathias Haden, 19.11.2015


Liebesgrüße aus dem 'Lost Weekend' - mit Schirm, Charme und einer Handvoll guter Songs.

 

In Vergessenheit geraten kann schwierig sein. Meist vor allem für den Betroffenen. Jeder Pubertierende kennt das Gefühl, nach drei Wochen Urlaub in Griechenland mindestens ebenso viele Paradigmenwechsel der Jugendkultur verpasst zu haben - zugegeben: heute, im blühenden Zeitalter der Globalisierung vielleicht nicht mehr ganz so -; jeder Youtube-Zocker weiß, wie unvorteilhaft es sein kann, mehr als nur ein paar Tage keine neuen Videos upzuloaden (ja, auch ich bin ein Kind der Smartphone-Generation und mit diesen exotischen Ausdrücken durchaus vertraut).

Da John Lennon Anfang der 70er weder einen Twitter-Account besaß, noch über andere Medien mit regelmäßigen 'Selfies' im Blickfeld zu bleiben vermochte, wurde es um den einstigen Querulanten überraschend ruhig. Gewohnt, mit seinen Liverpooler Kollegen jeden erdenklichen Verkaufsrekord frontal in Angriff zu nehmen, und abseits seiner Avant-Garde-Experimente auch Solo überaus erfolgreich, sollte zwischen Imagine 1971 und seinem Tod 1980 keine einzige Platin-Zertifizierung mehr herausspringen.

 

Eine Zeitspanne, während der es im Leben des Friedenspredigers verdächtig ruhig geworden war - zumindest in Bezug auf seine öffentliche Wahrnehmung. 1973 trennten sich Lennon und Partnerin Yoko Ono für eineinhalb Jahre (das legendäre 'Lost Weekend'), Lennon zog mit seiner neuen Gefährtin und Onos Assistentin May Pang nach Los Angeles und schließlich biss er sich nebenbei vorerst die Zähne an Phil Spector und einem Album voller Rock 'n' Roll-Covers, das später in Eigenregie veröffentlicht werden sollte, die Zähne aus. Man merkt, vom Trubel der Beatles-Jahre blieb nicht allzu viel übrig - und diese unkomplizierte Lockerheit ist es auch, die Walls And Bridges auszeichnet. Keine Urschreitherapie, keine zynischen Bemerkungen in Richtung der alten Karriere und auch kein aufwallender Weltschmerz mehr.

Wer Lennon allerdings kennt, weiß, dass es ohne Emotionen trotzdem nicht funktioniert. So locker und unpersönlich, wie sich die Beschreibungen lesen, ist die fünfte Solo-LP dann ja auch gar nicht. Das fängt schon beim Artwork, das der Multiinstrumentalist mit elf Jahren selbst gemalt hat, an, zieht sich über diverse Verarbeitungen seiner damaligen Situation mit Ono und Pang (Going Down On Love) und endet schließlich beim kapitulierenden Noboby Loves You (When You're Down And Out). Sogar Sohnemann Julian darf im abschließenden, demohaften 1-Minüter Ya Ya ein bisschen an den Drums mitwirken, mit dem sich dieser Kreis auch schon wieder schließt.

 

Vorher darf sein Vater aber auch immer wieder unter Beweis stellen, dass er auch als Mit-Dreißiger noch was am Kasten und nicht alles verlernt hat, was ihn einst berühmter als Jesus machte. Am besten gelingt das immer noch dann, wenn im Nachhinein Aussagen wie die folgende über die Beweggründe der Songs dokumentiert wurden: "it's just what it is, but I just sat down and wrote it, you know, with no real inspiration, based on a dream I'd had." Gemeint ist natürlich #9 Dream, der Dreh- und Angelpunkt auf Walls And Bridges, der mit magischem Streicher-Arrangement und seinen schwelgerischen Bläsern tatsächlich wie eine idyllische Traumsequenz einläuft, mit seiner schönen Melodie nur den finalen Schliff serviert bekommt. Richtig cool sind auch die beiden Tracks Whatever Gets You Thru The Night und Surprise, Surprise (Sweet Bird Of Paradox), auf denen Elton John jeweils zu hören ist. Ersteren Track, welcher es immerhin zu Lennons einziger Nummer 1-Single zu Lebzeiten und ihm selbst eine verlorene Wette einbrachte, wertet dieser mit seinem unverwechselbar geschwätzigen Klavier und seinen Backing Vocals im positiven Sinne auf. Im anderen fällt sein Gastspiel auf der Hammond Orgel weniger prägnant aus, sind es primär doch die coolen Bläser und des Protagonisten starker Auftritt hinterm Mikro, die dem Stück Charakter verleihen.

 

Neben anderen ordentlichen Kompositionen wie dem sanften Old Dirt Road, dem düsteren Steel And Glass und dem fetzigen Instrumental Beef Jerky zeigt Lennon aber auch, warum anno 1973 die Luft für ein weiteres Meisterwerk schon längst draußen war. Bless You ist gähnend langweiliger, überproduzierter Eso-Ramsch, auch auf Scared verderben zuviele Köche mal wieder den Brei und das weinerliche Nobody Loves You (When You're Down And Out) hätte dem raunzenden Weichei Eric Clapton, der Anfang der Dekade den gleichnamigen Blues-Song coverte, zwar alle Ehre gemacht - gebraucht hätte es ihn, wie auch das illustre Vater-Sohn-Geklampfe von Closer Ya Ya, nicht gerade.

Brauchen ist letztlich aber auch ein hartes Wort. Denn wirklich brauchen würde man Walls And Bridges, eine dieser LPs mit zweifelhaften Höhepunkten und einem guten Einblick in die damalige Gefühlslage seines Urhebers, freilich ebenfalls nicht. Aber John Lennon durch seine eigenartige Beziehungspolitik, seine wirren Träume und seine sensiblen Weltanschauungen zu begleiten, das hat schon was. Allein deshalb ist seine fünfte LP eine leise Kaufempfehlung für Freunde von Pop und Rock und möge niemals in Vergessenheit geraten. Könnte aber auch schwer werden, hat das Album doch immerhin eine Facebook-Seite! Und wir wissen: im Netz geht absolut nichts verloren, niemals. ROFL and out.