Jefferson Airplane - Long John Silver

 

Long John Silver

 

Jefferson Airplane

Veröffentlichungsdatum: 20.07.1972

 

Rating: 6.5 / 10

von Mathias Haden, 18.06.2017


Ein letztes kleines Aufbäumen gegen die schwindende Relevanz im Zeichen eines motivierten Gitarristen.

 

Es war kein gutes Jahr, dieses 1972. Nicht für alle zwar, Francis Ford Coppola wurde mit seinem "The Godfather" immerhin als größter Filmemacher seiner Zeit gefeiert, David Bowie eroberte als Ziggy Stardust zuerst das U.K., dann die ganze Welt und Präsident Nixon war zumindest vor der endgültigen Häme der breiten Öffentlichkeit noch ein gutes Zeiterl sicher, für San Franciscos strahlkräftigste Band Jefferson Airplane war es das aber garantiert. Wobei den US-Amerikanern in den 70ern ja ohnehin kaum selige Zeiten gegönnt waren. 1970 kündigte zuerst Drummer Spencer Dryden, dann haute Marty Balin hin, dessen Wert für die Band nicht nur mit seinem Status des für Zusammenhalt und Harmonie verantwortlich zeichnenden Mitglieds aufgewogen werden sollte, sondern auch durch seine Songwriter-Fertigkeiten und dem für das Ensemble bitter notwendigen Pop-Appeal. Der letztjährig verstorbene Paul Kantner und das Aushängeschild der Band, seine Frau Grace Slick, trugen nicht nur ihren Beitrag zum Weiterbestehen der Menschheit bei, sondern fingen an, abseits der Stammband mit spacig verwurstelten Konzeptalben zu experimentieren, während der Rest der Airplane, Gitarrist Jorma Kaukonen und Bassist Jack Casady als Hot Tuna erste LPs veröffentlichten. Dieses Seitenprojekt hatte immerhin zur direkten Folge, dass mit Drummer Joey Covington und dem genialen Violinisten Papa John Creach Löcher gestopft werden konnten. Eine Band im Wandel, Anfang dieses vermaledeiten Jahrzehnts.

 

Zumal im folgenden Jahr mit Grunt Records ein Label gegründet wurde, das sich den aus den Boden sprießenden Ablegern aus dem Dunstkreis der Airplane annehmen und ausgerechnet mit der ersten Veröffentlichung Bark das schwächste Album der Band als Auftakt feiern sollte. Wiederum keine zwölf Monate später, im besagten 1972, hatte man die nächste Platte, Long John Silver, im Kasten. Diese siebte Studio-LP sollte dann auch für viele Jahre das letzte gemeinsame Werk der auseinanderfallenden Band sein. Eines, das, ohne es zu merken, durchaus auf Konsolidierung nach einer sehr mittelmäßigen Veröffentlichung aus zu sein scheint. Hatte sich das Kräfteverhältnis nach Balins Abgang zuletzt erstmals in Richtung Kaukonen und weg vom Duo Kantner/Slick verschoben, so dominiert die Henne im Korb hier deutlich mit fünf von neun Kompositionen und einer generellen Omnipräsenz. Gleich dem einleitenden Titeltrack verleiht sie mit kraftvoller Stimme Profil, lässt zu röhrenden Gitarren und einer lässigen Bassline an die wilden Spätsechziger erinnern. Ihr östlich angehauchtes Milk Train ist es auch, welches das Bild einer explosiven, trotz Chaos und gegensätzlicher Strömungen aufeinander eingestimmten Band hochhält, zudem auch halbwegs gute Verwendung für Creachs Künste an der Violine findet und mit Closer Eat Starch Mom hat sie außerdem noch die vielleicht aggressivsten Studiominuten, gleichzeitig auch banalsten ihrer Karriere in petto:

 

"Then give it a feel
Smooth moving steel, give it a feel
Man-made mechanical mover
It'll move faster than you can
Vegetable lover"

 

Über die Texte lässt sich generell streiten, ziehen sich plumpe Rants wie dieser doch wie ein hintergründiger, roter Faden durch die Songs des Albums und legen den Verdacht gefährlich nahe, die ehemalig an der vordersten Front vorbildlich für alle möglichen Rechte demonstrierenden Westküstler hinken ihrer Zeit hinterher und sind zu dampfplaudernden Nonkonformisten verkommen.

 

Weniger Diskussionspotenzial lässt die Beurteilung von Kaukonens Spiel auf Long John Silver zu. Der hat zwar, wie oben erwähnt, nicht mehr so viel Spielraum wie im Jahr zuvor, doch weiß er den dieses Mal effizienter zu nutzen. War mir sein bestimmendes Gitarrenspiel bislang nicht selten zu aufdringlich und reißerisch, so findet er hier, auf der vorerst letzten LP seiner Stammband, ein richtiges Maß zwischen spielfreudig protzerischem Gekniedel und songdienlichem Understatement. Zumal er ja mittlerweile auch als Sänger ran darf und mit Trial By Fire, einem eleganten Funk-Blues, faktisch den besten Track beisteuert. Paul Kantner prolongiert seine Hintergrundpräsenz, hat aber mit dem rhythmischen Kleinod Twilight Double Leader und vor allem dem schlecht abgemischten, aber beherzt eingespielten Guilty Pleasure Alexander The Medium, einer spirituellen, aber erfrischend melodiösen Reise, bei zwei der besten Stücke seine Hände mehr als nur im Spiel. Da sich mit dem im höchsten Grad belanglosen Easter? und dem äußerst lästigen The Son Of Jesus, das ursprünglich Bastard Son Of Jesus betitelt werden sollte, auch noch Nummern auf dem Album befinden, die tatsächlich nichts Produktives beitragen können, bleibt die Freude über gewisse Aspekte aber keine ungetrübte. Vor allem Letzterer ist so schäbig abgemischt, dass man gar nicht weiß, ob man sich freuen oder ärgern soll, dass man das bemühte Gezeter und die unsubtilen Bemerkungen Slicks in Richtung Kirche kaum verstehen kann. Interessant ist generell, dass die vermeintliche Frontfrau trotz durchaus starker Beiträge auf der Mehrzahl der neun Stücke letztlich keinen der Anspieltipps geschrieben haben wird - bei 5/9 geschriebener Songs.

 

Am erfreulichsten bleibt aber ohnehin der Umstand, dass die Airplane nach ihrem allmählichen Niedergang und dem im Durchschnitt versauernden Bark den Hebel tatsächlich ein letztes Mal umlegen konnten. Die Entscheidung, danach die Segel zu streichen, war vor allem in Anbetracht der schwindenden Relevanz, des Auseinanderdriftens innerhalb des Bandgefüges und des schlicht nicht mehr zeitgemäßen Gepöbels sicher die richtige, mit Long John Silver und einem Jorma Kaukonen in starker Verfassung durfte man sich aber immerhin erhobenen Hauptes verabschieden - auch wenn das damals wie heute vielleicht anders gesehen wird.