Javiera Mena - Mena

 

Mena

 

Javiera Mena

Veröffentlichungsdatum: 01.09.2o10

 

Rating: 6 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 01.01.2017


Die milden 80er auf Spanisch. Spannung und Spaß halten sich trotz feinem Händchen in Grenzen.

 

Alles hat ein Ende, selbst das Jahr 2016. Die Einen freut's, die Anderen jagen das Weihnachtsgeld innert weniger Minuten in den Mitternachtshimmel, die Letzten bemerken nicht viel mehr, als dass am Kalender statt einem neuen Blatt nur mehr der leere Pappendeckel wartet. Auch gut, gibt eh immer einen gratis von der Bank des Vertrauens. Mit dem Jahresabschluss endet auch die MusicManiac'sche Reise durch Südamerika, die uns eigentlich latinisierte Exotik bescheren sollte. Mehr und mehr scheint jedoch auch durch die dortigen Interpreten meiner Wahl der Geist der anglikanischen Welt durch. Javiera Menas zweite LP, in einem kreativen Anfall selbstbetitelt, bildet den Gipfel dieser Entwicklung. Kurzum, das Dance- und Disco-Revival macht auch vor Chile nicht halt, da kann man noch so gefühlvoll zu singen versuchen.

 

Letzteres kann sie, wie überhaupt aus Menas Stimme der Hauch naiver Romantik spricht, der ihre ganzen Texte durchziehen soll. Auf dem Gebiet quasi Chiles Taylor Swift. Und im Lichte des radikalen Soundwechsels letzterer ist auch die musikalische Ebene nicht ganz unähnlich. Doch Mena ist weniger stromlinienförmig unterwegs, setzt bei allem Fokus auf tanzbares elektronisches Material nicht nur Schritte in Richtung eines Madonna-Retro-Chics, der zwischen verspäteten Disco-Avancen und den weichgespülten, hinterlistig-kreativen Synth-Melodien der Pet Shop Boys steckt. Ein Hauch von Eurodance durchzieht zumindest eine wenige Minuten, der ausgedünnte Rest von Anfängen im Indie-Pop ist in den verträumten, gemächlichen Balladen zu spüren.

Doch die Stärken sollten insbesondere der für den Dancefloor geformten Seite entspringen und trotz aller Sorgfalt selten zu voller Entfaltung kommen. Single Hasta La Verdad ist einer der deutlichsten Blicke in einen sonnigen 80er-Rückspiegel, spielt sich mit nettem, synthetischem Mid-Tempo-Beat und schillernden Synth-Spuren, die in Kombination mit unaufdringlichen Streicherarrangements durchaus einiges hermachen. Doch sogar einer ihrer besten Auftritte lässt den notwendigen Killerinstinkt vermissen. Es kristallisiert sich bald eine gewisse Unvereinbarkeit ihrer lieblichen, weichen Gesänge und der dann doch unweigerlich kantigen künstlichen Beschallung heraus. Hier übersteht die Hook noch die Songlänge, das gestrichene Finale beendet einen Track, dem Harmonie und unaufdringliche Zurückhaltung das Liebste zu sein scheint, auf einer einfallsreichen Höchstnote, die ein wenig Pharrell Williams' bessere Einfälle in Erinnerung ruft.

 

Doch insgesamt ist das vielgelobte Gesamtkunstwerk weniger eine explosive Mischung als vielmehr ein nettes mehrgängiges Menü. Wenig bleibt wirklich am Gaumen hängen, auch wenn der Ersteindruck gern liebreizend erscheint. Die Verwerfungen sind allerdings zu deutlich. Ahondar De Ti paart Menas schleppenden Gesang, bestenfalls an der Schwelle zu übertragbarer Emotion, mit einem knöchernen, abgehackten Beat, der sich träge und leblos anfühlt. Der Anflug von karibisch-träumerischem Ambiente durch die geschmeidigen Synthesizer und spärlichen Streichereinsätze kommt nur bedingt an gegen die dominierende Lethargie. Die befällt insgesamt nicht so viel, lediglich das scheintote No Tu Cuesta Nada spricht als Argument gegen eine gefühlsbeladene Javiera Mena im Stile kitschiger Soft-Rock-Balladen eine ziemlich deutliche Sprache. Daran können auch ihr gehauchter Gesang und die spielerischen Stimmeinsätze kaum etwas ändern.

 

Der Rest reißt kein solches Loch auf, aber auch mit nur 35 Minuten mäandert die LP zu oft vor sich hin. Nicht auf die majestätische Art, sondern auf die profillose. Das seidenweiche Popstück Primera Estrella oder die härtere Gangart im abgehackten Eurodance-Auftritt des Duetts mit Jens Lekman, Sufrir, beide überschreiten den musikalischen Rubikon nicht, sondern bleiben im sicheren Hafen der risikolosen Poppigkeit stecken. Was jetzt nicht heißen soll, Mena würde es an Talent oder Ideen mangeln, aber das Spannungsmoment, die mitreißende oder berührende Aura, das alles scheint ihr nicht wirklich gegeben. Deswegen steckt einen musikalisch nichts wirklich an, deswegen ist man bei allem Respekt für die Qualitäten ihrer Stimme wenig beeindruckt vom oft unscheinbaren gesanglichen Geschmeide inmitten der pochenden, schimmernden und auf das Angriffssignal wartenden Synthesizer-Klänge. Das alles, obwohl die Songs mitnichten unfertig wirken. Penibel produziert, beizeiten gar mit wirklicher Liebe zum Detail gestaltet und vor allem dank der Streicher nicht ohne eine Spur von Eleganz. Aber nichts davon darf wirklich vollwertig erscheinen, "Mena" ist dahingehend ziemlich.... tomatig. Also so, wie man bei den Paradeiser - alle Nicht-Österreicher sollen hiermit wissen, dass bei uns Tomaten gefälligst Paradeiser zu heißen haben! - nie wirklich sagen kann, ob die jetzt Gemüse oder doch Obst sind, ist auch die LP nicht so wirklich für die Kategorien dieser Welt geschaffen. Der Einwand liegt nahe, dass Paradeiser ja trotzdem schmecken. Warum also nicht auch "Mena"? Nun, nichts spricht gegen Mischlingsoden, stören sich daran allerdings die Trümpfe aller zusammengemengten Teile, wird der Volltreffer schwierig.

 

Deswegen sprudelt dem Album zumeist die Ordentlichkeit. Ein wirklich deutliches Mehr darf nur Luz De Piedra De Luna sein Eigen nennen. Menas unerwartetes Ass im Ärmel entspinnt sich ausgehend von einem pochenden Beat und schwieriger Synth-Hook in Bälde zu einem großartig geformten Dance-Track. Klug genug, um die Strophen musikalisch nicht zu überladen, steht dort die Sängerin Mena im Mittelpunkt, umrahmt nur von leichten Retro-Keys und dem elektronischen Pochen. Erst der Refrain offenbart aber die Stärke des Songs, entlädt sich dort doch die ideal ausgewogene Mischung aus lockeren Keys, starker lateinamerikanisch geprägter Percussion und glitzernder Synths importiert direkt aus den frühen 80ern. Dass das besser als überall sonst funktioniert, liegt auch an Mena selbst, die eben nicht mehr auf sanften Passagen sitzenbleibt, sondern im Chorus das richtige Maß an angriffigem Anstrich erwischt.

 

Damit lässt es sich sehr gut leben, auch wenn der Ausreißer allein auf weiter Flur ist. Deswegen stimmt der Review nicht wirklich in den Jubel ein, der Javiera Mena generell und speziell für ihre zweite LP teilweise zuteil geworden ist. Dafür scheint der qualitative Plafond schlicht und einfach zu niedrig zu sein. Einmal die Decke zu durchbrechen reicht nicht, um für mehr zu garantieren als einen passablen Auftritt mit kurzer, eindrucksvoller Zugabe. Warum es der Chilenin nicht ratsam erschienen ist genau auf diesem Track aufzubauen oder warum sie das vielleicht gar nicht wollte, bleibt ein wenig im Verborgenen. Andererseits gelingt ihr auf alle Fälle der Beweis, dass trotz etwas kindischem Blick auf die emotionalen Irrwege der Romantik sehr viel möglich wäre. Mit der Mischung und einer Verbeugung vor Dance, Disco und Konsorten wird das allerdings weniger gelingen.