Linda Ronstadt - Simple Dreams

 

Sleep Through The Static

 

Jack Johnson

Veröffentlichungsdatum: 01.02.2008

 

Rating: 3.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 18.06.2016


Der Trip ins Land sentimentaler Verletzlichkeit macht den Surfer zum Sandmann.

 

Das Erleben einer Emotion ist naturgemäß ein aktiver Prozess. Nicht immer ganz so aktiv wie ein Triathlon, aber die wenigsten zelebrieren Freude oder erliegen einem Wutausbruch und fallen gleichzeitig in komplette Lethargie. Widerspricht sich ja. Das ist auch gut so, ansonsten würde einem das Leben nicht nur mit dem altbekannten negativen Gefühlsüberhang begegnen, sondern es wäre auch noch verdammt langweilig und komplett unnötig überhaupt irgendwas zu erleben. Zur Folge hat das, dass unsere emotionalen Momente oft auch unsere lebendigsten sind. Zumindest g'spürt man sich selten so umfassend wie inmitten größtmöglicher Trauer. Musikalisch bedeutet das, dass überall dort, wo große Gefühle im Spiel sind, tunlichst nicht von Fadesse zu reden sein sollte. Genau das sollte 2008 Jack Johnsons Trumpf sein, immerhin präsentierte er mit "Sleep Through The Static" eine LP, die ihn auf diesem Gebiet in neue Sphären katapultieren sollte. Doch das Modalverb kann nur eines bedeuten, es blieb beim Versuch.

 

Dabei hat sich Johnson sogar wirklich weit aus seiner Komfortzone herausgewagt und erstmals die Zelte außerhalb Hawaiis aufgeschlagen. Los Angeles ist aber offensichtlich eine mäßige Inspirationsquelle für ihn. Um es mit einer Metapher zu umschreiben: Wo David Bowie ein Fußballfeld zur Verfügung hatte, Radiohead einen Basketball-Platz und die Ramones immerhin noch einen Tischtennis-Tisch, dort beschränkt sich Johnsons künstlerischer Bewegungsradius auf ein A4-Blatt. Genau deswegen ist es schwierig mit ihm. Wendet man sich seiner Musik zu, kommt man kaum an einem Satz vorbei, der noch immer die mieseste aller verlegenen Fürsprachen war: Er hat halt andere Qualitäten.

Jetzt hab ich ihm selbst für die Vorgänger-LP eigentlich schon attestiert, dass er seinen so wundersam einförmigen Klang ganz gut drauf hat. Selbiges wäre wieder möglich, könnte ich mich auf ein Drittel der Playlist beschränken. Die lichten Momente sind auf alle Fälle da, tunlichst immer dann, wenn ihm der Gedanke kommt, seinen simplen Melodien auf instrumentaler Front Leben einzuhauchen. Hope kann und darf das, wird dank der lockeren Klavier-Einlage und dem einem Paradigmen-Wechsel gleichkommenden Einsatz der E-Gitarre zur erfrischenden Übung in harmonischer Gemütlichkeit. Da kann auch die allzu bekannte, monotone Stimme nichts mehr anrichten, dem sonnigen Softie-Pop - man könnte ihn mit etwas Wohlwollen mit den frühen Beach Boys in Verbindung bringen - kann nichts mehr etwas anhaben. Dieses Maß an Energie erlebt man sonst nicht mehr, auch wenn Johnson sich mit den Surf-Rock-Riffs von If I Had Eyes oder dem stimmigen Melancholie-Beginn All At Once noch voll auf der Höhe präsentiert. In diesen Minuten gewinnt man tatsächlich kurz den Eindruck, es wäre plötzlich mehr da und ein Kombination aus seinen guten, alten Tugenden und ein bisschen frischem Wind möglich. Dass das Klavier eine gewichtige Nebenrolle spielen darf, dass ein Keyboard zu hören ist, dass vor allem die Gitarre elektrisch sein darf. Neue Facetten der belebenden Sorte sind das. Und wenn mit dem kurzen Angel dann auch noch ein rein akustisches Liebes-Ständchen gelingt, der intimen Performance Johnsons sei Dank, dann wähnt man die LP schon beinahe auf einer guten Bahn.

 

Bisher ist aber noch kein Wort zur zweiten Hälfte geschrieben. Noch nicht einmal die erste ist wirklich passend umrissen. Denn es begegnen einem schon früh Anzeichen biederer Langeweile und ideenlosen Vakuums. Auch ein Xylophon bewahrt nämlich Enemy nicht davor für die erste schleppende Darbietung zu sorgen, die nur ein Vorbote der um sich greifenden Nichtigkeit ist, die bald alles beherrschen wird. Was passiert, ist eine folgenschwere Verwechslung. Johnson begeht den Fehler, unspektakulär-ruhigen Sing-Sang als berührende Performance fehlzuinterpretieren. Gleiches gilt für die jeden Lebens beraubten, trägen Arrangements, die es wie im Falle des elendiglich langen What You Thought You Needed nicht über das übliche Drei-Akkord-Spektakel und banale Drums hinaus schaffen. Und so hört man Zeilen verschwimmen, weil einen die Präsentation selbiger komplett einschläfert. Man hat auch ein wenig Angst davor, dass es den Gitarristen bei nächster Gelegenheit vom Sessel in Richtung Boden geleitet, weil man keine Energie in ihm vermutet. Und man glaubt zu wissen, dass einem von irgendwo das wachsende Gras ans Ohr dringt, weil der in seiner Zerbrechlichkeit komplett wirkungslose Sprachmonolog von While We Wait so sehr an einem vorbeigeht, dass man sich anderen Klängen widmet.

 

Soweit klingt das ja fast nach der alten Leier, nach der sich beim Hawaii-Jack einfach nichts tut auf Albumlänge. Weit gefehlt, eigentlich weiß er nämlich schon ganz gut, wie man einem die ultimative Gelassenheit halbwegs schmackhaft macht. Das beweist "In Between Dreams". Vielleicht ist also der Kardinalfehler seiner vierten LP einfach, dass er ebendieser lockeren Art entsagt und sich stattdessen einer drückenden Schwere und ungriffiger Intimität bedient. Vielleicht eine Reaktion darauf, dass gerade seine emotionaleren und ernsteren Texte in früheren Jahren gerne hinter den unbeschwerten Akustik-Tönen verschwunden sind und so oft genug der Eindruck entstanden ist, Johnson hätte einfach nichts zu sagen, außer dass das Leben eh ganz entspannt sein kann, wenn man will. Er hat auch tatsächlich nur ungern große Gefühle zugelassen und den Tränen nahe war man bei ihm überhaupt nie. Jetzt klingt da in Momenten wie Adrift oder Losing Keys einer plötzlich, als würde er resignieren und sich dem Schwermut ergeben. Das geht sich nicht aus. Allein schon deswegen nicht, weil die Stimme nichts hergibt, was auch nur entfernt negative Anwandlungen transportieren könnte. Doch auch sonst zeigt sich rasch, dass hier einer nichts gemeinsam hat mit dem Meister akustischer Melancholie, Elliott Smith.

 

Stattdessen verpuffen die Johnson'schen Versuche, der Welt sein Herz auszuschütten oder zumindest für entsprechende Atmosphäre zu sorgen, viel zu oft. Und dann bleibt plötzlich kaum noch etwas über. Der leichtfüßigen Energie der Vorgänger beraubt, sind die so zaghaften und letztendlich doch wieder alternativlos wirkenden Arrangements unter dem Paradigma der beschwingten Reduktion nur mehr ein Hauch von Nichts. So bleibt es der zweiten Hälfte von "Sleep Through The Static" überlassen, für einen luftleeren Raum zu sorgen, wo man sich in Wahrheit doch noch ein paar erinnerungswürdige Melodien und Zeilen erwartet hätte. Solcherlei hat er nur anfangs zu bieten, solange er noch ein paar neue Tricks auszupacken hat. Mit denen ist er sehr schnell durch und so ergibt sich - wenn schon sonst nichts - zumindest der Erfolg, dass der Titel dem Album gerecht wird. Das Schlafen sollte auf alle Fälle recht leicht fallen...

 

Anspiel-Tipps:

- Hope

- Angel