Hurts - Happiness

 

Happiness

 

Hurts

Veröffentlichungsdatum: 27.08.2010

 

Rating: 3 / 10

von Mathias Haden, 26.11.2015


Mit seinem bräsigen Breitwandsound kommt das Duo aus Manchester nicht über seine Rolle als Bauer am Synthpop-Schachbrett hinaus.

 

Zwei mondäne Typen in schicken Klamotten sitzen an einem Tisch. Lässige Schwarz-weiß-Ästhetik, kunstvoll anmutende Mimik und ein nicht zu übersehender Schriftzug, der Theo Hutchcraft und Adam Anderson knappe dreißig Jahre zurück in die Vergangenheit bugsiert. Sieht man die beiden Engländer, die zusammen als Hurts die europäischen Charts der letzten Jahre aufmischten, so in ihren versteiften Posen, nimmt man ihnen das britische Saubermann-Image beinahe ab. Heute weiß man um die mangelnde Bodenständigkeit der Chartstürmer rund um wilde Sex-Exzesse und wallenden Größenwahn bestens Bescheid, anno 2010, bevor die Hitparaden vom Duo den nächsten Anstrich auf ihrer mit New Wave-Spritzern dominierten Tape einen weiteren Anstrich verpasst bekamen, musste man lediglich auf Basis des Artworks für Debüt Happiness erste Einschätzungen feilen - oh, und natürlich auf jener ihrer Musik.

 

Dass die bei den beiden Synthpoppern nicht gerade als das beeindruckendste Aushängeschild fungiert, weiß man ja spätestens seit den Single-Hits Wonderful Life und Stay. Uninspirierter kann man der geliebten Dekade mit käsig fiesen Keyboards und tränend langweiligem Gesang jedenfalls nicht fröhnen. Zwischen all den anderen Retro-Acts des frischen Millenniums für ersteren lautstark umjubelt, ist der in Wirklichkeit keinen Deut besser als all das, was die Killers in ihren ungenießbarsten Momenten zusammengezimmert haben. Ein paar lebhafte Synthesizer und ein hymnenhafter Refrain helfen einer unterkühlten Romanze und seinen monotonen Vocals eben auch nicht auf die Sprünge, wenn man erst merkt, dass die Protagonisten hinter ein bisschen Effekthascherei überhaupt nichts zu sagen haben: "She says / Don't let go / Never give up / Don't let go / Never give up, it's such a wonderful life" - naja, wenn sie's sagt...


Hinter dieser - die Effekthascherei, nicht die Frau - versuchen sich in der Folge noch weitere Nummern zu verstecken, darunter auch die melodramatische Single Stay, die mit ihrem Chor und einer einigermaßen mitreißenden Hook inhaltliche wie gesangliche Schwächen noch ganz gut kaschieren kann. Schlimmer sieht es da schon bei Blood, Tears & Gold aus, das den schmalzigen Pathos seines Titels mit schwülstigem Boygroup-Charakter unterbuttert und mit allen möglichen Bausteinen aus dem 'Wie kreiere ich mir einen 0815-80s-Popsong in weniger als 12 Minuten'-Baukasten aufmotzt. Daneben klingt sogar ein aufgeblasener Bombast-Klotz wie Devotion mit redundantem Kylie Minogue-Gastauftritt wie erfrischende Avant-Garde. Und selbst wenn es Hurts mit einer etwas gemächlicheren Gangart versuchen, wie im zurückhaltenden Illuminated, darf man sich keinen Illusionen hingeben: Diese beiden adretten Herrschaften können nicht, ohne richtig dick aufzudrücken. Closer The Water bemüht dann schließlich noch mit opulenten Streichern und weinerlichem Klavier ein letztes Mal die auf Happiness etwas paradox zum rastlosen Kämpfer verkommende Tränendrüse, dann hat man den holprigen Ritt durch fade Tristesse und plastikhafte Emotionen überstanden.

 

Lediglich zwei Mal ist man nämlich geneigt, Hurts und ihrem bräsigem Breitwandsound eine goutierende Geste zu widmen. Von Understatement kann zwar in keiner Sekunde auf dem Debüt der Jungs aus Manchester die Rede sein, das flotte Sunday versucht mit seinem nonchalanten und eingängigen Beat zur Abwechslung aber nicht mehr zu sein, als es ist - auch wenn überflüssige Streicher dem lockeren Intermezzo immer wieder mit kleinen Störfeuern dazwischenfunken. Dazu noch das am Bandhorizont gemessen fast schon experimentelle Evelyn, das neben seiner interessanten Soundspielereien einen cleveren Aufbau vorweisen kann und damit weiter zur vorsichtig positiven Überraschung beitragen kann. Natürlich wissen Hutchcroft und Anderson auch bei dieser Nummer nicht, wo die Grenze zum überladenen, kitschbehangenen Schlager-Pop liegt und brechen gegen Ende wie so oft in ebendieses Terrain. Trotzdem kann man zufrieden sein, nicht bereits am Debüt ausschließlich Gurken vorweisen zu müssen. Und Lead-Single Better Than Love, das den Sound der Pet Shop Boys wieder einmal in die Charts bringen konnte, hat immerhin noch seine Momente.

 

Alles in Allem bleibt den Engländern trotzdem nicht viel, auf das sie am Debüt Happiness stolz sein könnten. Neben den offensichtlichen Problemen, den mäßigen Gesangseinlagen und den öden Arrangements bleiben unter dichten, aber wenig ergiebigen Synthschichten kaum brauchbare Songs zurück. Hurts wissen freilich, wie sie den 80er-affinen Revivalaktionen der Kollegen mit simpelsten Mitteln zur Seite stehen, stellen selbst am Schachbrett uninspirierter Synthpop-Imitatoren aber nur einen unvermögenden Bauern dar. Insofern werde ich mich weiterhin über jede Lobeshymne vom NME oder anderen zur verfrühten Euphorie neigenden Käseblättern (nicht wertend) ärgern, die dem witzlosen Zweiergespann auf ihrem Weg in die größten Stadien und flauschigsten Betten dieser Welt auch noch Rosen streut und hier - zumindest ihrem ersten Album gegenüber - ein klares Veto aussprechen: Veto!