Haim - Days Are Gone

 

Something To Tell You

 

HAIM

Veröffentlichungsdatum: 07.07.2017

 

Rating: 4.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 23.05.2020


Glitzernde Leere mit Hang zur 70er-inspirierten Melodieseligkeit.

 

Ist es das? Manchmal braucht es diese Frage, um sicherzustellen, ob da jetzt noch etwas kommt. Und das kann, wenn man sich der Musik widmet, doch etwas öfter vorkommen, insbesondere beim einen oder anderen Eintauchen in vielgelobtes Material. Da können sich schon einmal Diskrepanzen zwischen den gewonnen akustischen Eindrücken und dem anscheinend vorherrschenden Konsens ergeben, sodass man zur Sicherheit gleich einmal die eigenen Fähigkeiten zur korrekten Wahrnehmung hinterfragt. Schafft man es aber erfolgreich bis zur Feststellung, dass man, ja, doch noch richtig hört und nein, da irgendwie nicht mehr viel da zu sein scheint, was man hätte verpassen können, bleibt eben nur mehr eine Frage: Ist es das?

HAIM haben diese Frage in Maßen schon mit einem Debüt aufgeworfen, schlicht wegen der Leichtgewichtigkeit des dargebotenen Pop-Rock. Der hat aber immerhin oft genug die erhaltenen Lorbeeren gerechtfertigt, um ein solides Album zu ergeben. Gehalten hat das nicht einmal bis zur zweiten LP, die mit "Something To Tell You" auch das letzte bisschen Inhalt aus der Band und ihrer Musik herausquetscht.

 

Möglicherweise ist das nicht so dramatisch, weil HAIM einfach sehr eindeutig die Form über den Inhalt stellen. Alles ist Sound, alles ist Produktion, alles ist Melodie. Text oder sowas, Emotion und Atmosphäre, das sind Nebenerscheinungen, die aber in Wahrheit gar nicht wirklich stattfinden, außer als zurechtgebogenes Medium für die verführerisch geschmeidigen Stimmen des Schwesterntrios. Und daraus ergibt sich schon etwas, das man als markant und potenziell ziemlich stark erkennen kann und muss. Starker Power Pop ist hier allemal drinnen, zumal das Trio durchaus ein bisschen Groove mitbringt und jedenfalls kein Problem hat, eine lautstark hinausposaunte Hook in ein gewinnendes Licht zu rücken. Grotesk ist dahingehend vielleicht, dass das eindeutig beste Beispiel dafür ausgerechnet nach den drei Singles des Albums drankommt: Ready For You ist dahingehend alles, was man von lockerem Pop-Rock erwarten kann, wenn man ihn denn in einem an Fleetwood Mac erinnernden Hochglanz haben will. Dann ist alles paletti, weil der Refrain einen nicht mehr loslässt, weil der hell schimmernde Riff sich perfekt mit den leichten elektronischen Einsprengsel und der klanglichen Tiefe der Drums verträgt, noch dazu von kristallklar smoothem Gesang überlagert wird.

 

Während da ein bisschen Pop-Magie in der Luft liegt, fragt man sich alsbald, was eigentlich wirklich die Idee hinter dem Album gewesen sein soll? Glitzernder Pop ist das eine, so sehr auf Hochglanz poliert, dass er schon fast durchsichtig wird, ist er aber weniger mitreißend und eher zäher Natur. Kurzweilig ist die Sache einerseits doch, wofür allerdings allein schon die Tatsache sorgt, dass das handliche 4-Minuten-Format das offensichtliche Idealformat für die Band darstellt und also wenig überstrapaziert werden kann. Mit den Nerven passiert das dennoch, weil Songs wie Little Of Your Love nicht nur von monotonen Wiederholungen der ewiggleichen Zeile dominiert werden, sondern auch wegen ihrer penetranten klanglichen Aufmachung. Dieses Album ist durchgehend so unglaublich glatt, dass vermeintliche, ohnehin fast gänzlich auf den Gesang beschränkte Überraschungsmomente komplett untergehen in einer Melange dimensionslose Soundwände. Ja, es gibt Raum für die Instrumente. Ja, es ist auch trotz vermehrter Synthetisierung immer noch zumeist organisches Instrumentenhandwerk. Aber die textliche und emotionale Leere, die einen durch alle diese vermeintlich romantische, gefühlvollen, sehnsüchtigen Minuten begleitet, überträgt sich nahezu reibungslos auf die Musik. Leadsingle und Opener Want You Back ist dahingehend ein Paradefall, dessen ordentliche Melodie in eintönigem Hochglanz versinkt, der die unnatürliche Percussion genauso befällt wie die aufpolierten Klavierklänge und das spärliche Gezupfe.

 

Das als seelenlos darzustellen, scheint zwar naheliegend, geht aber wohl am Kern vorbei. Es bleibt allerdings zu befürchten, dass die spürbare Oberflächlichkeit und Belanglosigkeit dieser Songs bereits alles an Seele ist, was man hier bekommt. Am deutlichsten wird das in den eher nach Atmosphäre und Gefühl suchenden Minuten. Walking Away und Right Now sterben dahingehend einen langsamen und langweiligen Tod, erliegen einerseits dem eher nervigen statt emotiven, gehauchten Stimmeinsatz, dem banalen Hip-Hop-Beat, andererseits der sphärischen Bewegungslosigkeit des elektronischen Minimalismus. Ultimativ sind es fade, musikalisch fehlgeleitete Performances, die nicht einmal weit genug kommen, einem wirklich klar machen zu können, welche Emotionen sie einem vielleicht vermitteln möchten. Ganz zu schweigen davon, dass das tatsächlich funktionieren könnte. Da rächt es sich dann, dass viele Tracks mit ihrem Titel ausreichend textlich beschrieben sind und um diesen hauptsächlich Plattitüden aus der Pop- und R&B-Welt versammelt werden. Genauso versaut der generelle R&B-Einfluss des Albums so manche Chance auf einen gelungenen Ohrwurm und sorgt stattdessen in Verbindung mit der durchgehend sterilen und leblosen Produktion für eine spürbare Distanz zu diesen Kompositionen, die wirklich unangenehm wird.

 

Will man doch das Gefühl haben, dass die US-Amerikanerinnen nicht komplett deplatziert in der unterwältigenden Fadesse und Inhaltslosigkeit versanden, bleiben wenige Lichtblicke. Das Album wird zum Rückzugsgefecht und endet bei manch einnehmender Hook als letzter Bastion des prinzipiell großen Pop-Talents, das die Schwestern hier und da aufblitzen lassen. Found It In Silence übersteht zwar die relativ lange Laufzeit nicht ganz unbeschadet, findet aber mit dem prägnanten Streicher-Loop und dem damit verbundenen, pochenden Beat aber eine starke musikalische Unterlage für den davon melodisch netterweise möglichst losgelösten Gesang. Ansonsten muss man schon bei Little Of Your Love und Nothing's Wrong zuschlagen. Beide erfinden zwar nicht nur kein Rad neu, sondern sind auch mit den 70er-Pop-Anleihen nicht auf dem richtigsten Dampfer. Aber wenn das nicht starke Melodien sind, dann wird man hier gar keine finden, auch wenn sie in der schon ausgiebig zerlegten, mühsamen Auskleidung verpackt sind.

 

Die ist es letztlich auch, die "Something To Tell You" zu insgesamt reichlich schwieriger Kost macht. Klanglich ist die zweite LP von HAIM offenbar unbarmherzig darauf bedacht, jede Sekunde zum Erstrahlen zu bringen, und konstruiert so ein penetrant glitzerndes Nichts, dem man höchstens noch seine fehlende Tiefe als eindeutiges Charakteristikum zugestehen kann. Das ermüdet mehr, als dass es einen Fokus auf die darin verborgenen Melodien und die starken Gesangsperformances erlauben würde. Daran schließt die traurige Ironie an, dass ausgerechnet ein Album mit diesem Titel sich dadurch auszeichnet, dass es eben so ziemlich nichts zu sagen hat. Nichts, was einem als Botschaft im Gedächtnis bliebe, keine Emotionen die überspringen könnten und das Album mit Leben erfüllen. Stattdessen ist das hier mühsam und letztlich vergeblich aufgeputzte Leere, die sich lediglich durch ihre relative Belanglosigkeit und sporadische Erinnerungen an ein besseres Pop-Gefühl retten kann.