Haim - Days Are Gone

 

Days Are Gone

 

HAIM

Veröffentlichungsdatum: 27.09.2013

 

Rating: 5.5 / 10

von Mathias Haden, 09.09.2015


Durchwachsenes Debüt der gefeierten Schwestern oder Wie ich lernte, den Feministen endlich die Stirn zu bieten.

 

Ein Gruß an alle FeministInnen. So weit habt ihr uns also getrieben, dass auch auf MusicManiac das weibliche Geschlecht langsam die Übermacht gewinnt, die Autoren beim Bewerten auch den gewünschten Blick durch die Feministenbrille werfen und freilich auch brav gegendert wird. Hieß das Leitmotto der 80er noch Girls Just Wanna Have Fun, so müssen wir hier mittlerweile aufpassen, dass uns nicht die Kritik ereilt, wonach zumindest 50% unserer Schreiberlinge nicht ein zweites X-Chromosom vertragen könnten. So sehr wir der Gleichberechtigung der Frau auch mit gereckten Daumen gegenüberstehen, so sehr nervt dieser Trend, der auch in der Musik seine unheilvollen Kreise zieht.

Ob nun die Rezensionen, die das schwesterliche Trio Haim bereits vor ihrem Debüt in den Himmel lobten und Vergleiche mit Fleetwood Mac anstellten, unter dem Druck der Feministen das Licht der Internetwelt erblickten, wage ich aus der Entfernung genauso wenig zu beurteilen, wie die Tatsache, dass Days Are Gone auch am Ende des Jahres von etlichen Bestenlisten lachen durfte.

 

Verwunderlich ist das allerdings nicht, denn mit einigen mächtigen Melodien hatten Danielle, Este und Alana Haim wenig Probleme, uneingeschränkte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Auch singen können die drei und Live gibt's ohnehin jedes Mal die volle Packung! Dass die Energie ihrer Auftritte dann aber doch nicht in probater Form für die LP konserviert werden konnte, haben uns die Experten leider unterschlagen. Seien Sie also unbedingt dabei, wenn hier erstmals Klartext gesprochen wird!

Mit dynamischem Drumbeat poltert sich Opener Falling gleich einmal in eine dichte Schicht aus Synthesizern, beherzten Harmoniegesängen und hübscher Hook. Gibt sicher schlechtere Wege, ein Album einzuleiten, zumal mit Lead-Single Forever gleich das nächste Kaliber seine Aufwartung macht. Mit derselben 80s-Affinität wie schon der Vorgänger wird hier zwischen Echos, Handclaps, quirrligen Synthies und knackigen Gitarrenlicks mitreißender Pop zelebriert, bei dem die Vergleiche mit Fleetwood Mac zumindest in dieser Hinsicht und in Sachen Lässigkeit etwas fußen.

Wer nun glaubt, das Trio würde sich nach einem geglückten Beginn auf seinen Lorbeeren ausruhen und in der Folge nur mehr berechenbaren Pop-Rock mit den altgediegenen Formeln liefern, der soll zumindest teilweise Recht behalten. Honey & I wartet mit coolem Rhythmus auf, verliert sich kurz darauf aber schon in langweiligen Plattitüden und bravem, austauschbarem Gewäsch, nur um plötzlich das Tempo anzuziehen und am Ende erst recht wieder träge in das Fade-Out zu plätschern. Der Titeltrack mäandert nach erneut vielversprechendem Beginn in dünnem Falsett-Refrain und monotoner, lebloser Vielschichtigkeit. Grundsätzliche Probleme der LP, denn kaum ein Track bleibt nach seinen zumeist Neugier weckenden Anfangstakten ähnlich spannend oder bietet eine interessante Neuerung mittendrin; ebenso singen sich die bemühten, aber nicht annähernd brillanten Mädchen unter der geschliffenen, wenig angriffigen Produktion umsonst ihre hilflosen Stimmen aus dem Leib. Wirklich schlecht wird es dann aber trotzdem eigentlich nie. Nun ja, sagen wir fast nie, denn der mittelmäßige Versuch, ihre süßliche Pop-Rock-Mischung mit Elementen aus Hip Hop zu vermählen, scheitert kläglich und lässt My Song 5 mit seinem räudigen Beat doch ganz klar als großen Verlierer des Albums entlarven.

 

Immerhin bietet Days Are Gone genug Momente und ordentliches Songwriting, um das unliebsame Schicksal eines Debüt-Flops noch abzuwenden. Besonders die vierte Singleauskopplung The Wire weiß da doch zu Gefallen. Um die starke Rhythmussektion wird hier eine coole Nummer zwischen frechen Licks, schallenden Claps und einer starken Gesangsleistung der Haim-Schwestern, allen voran Danielle, gebaut, die locker zu den besseren Pop-Tracks des Jahres gezählt werden darf. Auch Closer Running If You Call My Name spart nicht mit der produktionstechnischen Umrandung, zündet wuchtige Drums und paart diese mit der - hier kann man den tüchtigen Beobachtern endlich anerkennend auf die Schulter klopfen - songschreiberischen Finesse einer Stevie Nicks von den Fleetwoods, auch den an deren 80er-Phase angelehnten Sound-Einflüssen mit flimmernden Synthies und mehrstimmigem Echo.

 

Was letztlich bleibt, ist eine brave LP zwischen Pop, Rock und ein paar kümmerlich ausgeformten Elementen aus R&B und Hip-Hop, die in ihren Ansätzen oft großes verspricht, dem aber nur selten wirklich gerecht wird. Die Produktion, bei der die Haim-Schwestern ihre Hände tatkräftig im Spiel hatten, ist zwar glatt und phasenweise ziemlich berechenbar, bietet aber wie die Songs selbst immer wieder Anflüge von großem Pop-Verständnis. Selbiges kann man auch von Danielle, Este und Alana behaupten, die auf ihrem Debüt mal abgeklärt wie alte Hasen - warum nicht Hasinnen - auftreten, dann aber doch wieder ins Vorsichtige abdriften, um schließlich erst wieder mit merkwürdigen Soundexperimenten (My Song 5) Ratlosigkeit aufkommen zu lassen. Wie auch immer, Days Are Gone ist ein durchwachsener erster Versuch, Mainstream-Pop den eigenen Stempel aufzudrücken, der bis auf ein paar wenige Lichtblicke, die für die Zukunft die eine oder andere Überraschung nicht gänzlich unwahrscheinlich erscheinen lassen, doch ziemlich blass bleibt.

 

Anspiel-Tipps:

- Forever

- The Wire

- Running If You Call My Name


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