Green Day - Kerplunk

 

Kerplunk

 

Green Day

Veröffentlichungsdatum: 17.01.1992

 

Rating: 5.5 / 10

von Mathias Haden, 19.08.2016


Durchwachsenes Pop-Punk-Handwerk, dem der härtere Klang auch keinen Auftrieb bringt.

 

Auf wen verlässt man sich im äußersten Notfall? Den besten Freund, die hiesige Feuerwehr, die überwältigenden Kräfte des Ant-Man? Alles falsch, zumindest wenn es um die eloquente und unbefangene Musikkritik geht. Dort bleibt einem nur eine Anlaufstelle - also neben uns natürlich -, nämlich Robert Christgau. Wie könnte es auch anders sein? Dieser ergraute Rezensenten-Veteran mit Brillen, die aus den 70ern übriggeblieben und von ihm wohl auf einem Flohmarkt erstanden worden sind. Eine verkannte Allmacht und das ausgerechnet wegen der aus der Ferne gedeuteten Fähigkeit, die ihn eigentlich zum Reviewer prädestiniert: Ihn kümmert es einfach nicht mehr. Wo andere künstlerische Gerechtigkeit suchen, die Musik zum Kern des einzigen Lebensstudiums erklären, sie gar zur objektivierten Wissenschaft erklären oder wie Piero Scaruffi vielleicht einfach alles zusammen, ist Christgau das alles wurscht. Der hört einfach Musik und schreibt Schwachsinn drüber. Das Wichtige dabei: Er weiß, dass das meiste Schwachsinn und nicht mehr als eine Meinung von vielen ist.

Relevant ist das, weil er über "Kerplunk" kurz und knapp geschrieben hat: "beats masturbating" und damit eine durchaus kontroversielle Sicht der Dinge kundgetan hat. Jetzt wissen wir - Manitu sei es gedankt - nicht, wie er das einsame Handwerk anlegt, wenn er aber wirklich die zweite LP von Green Day dem vorzieht, dürfte er ein Problem haben.

 

Vielleicht war er auch einfach zu entzückt von den ersten Minuten, um noch angemessen in diesem ungleichen Wettkampf zu urteilen. Was BJ Armstrong und seinen Kumpanen zu Beginn nämlich gelingt, ist ein treffender Vorgeschmack auf "Dookie" und die Hooks, die sie für eine Generation offensichtlich bemitleidenswert gelangweilter Jugendlicher unentbehrlich machen sollten. 2000 Light Years Away hätte auf alle Fälle auch zwei Jahre später noch ein Plätzchen haben können und dürfen, stürmt der Track doch ähnlich los wie Burnout, ohne dabei die Melodie in den Power Chords zu begraben oder den Gesang zu sehr zu vernachlässigen. Deswegen bleibt der etwas gar verrohte Wohlklang, der einem geboten wird, hängen und man versteht sogar den Text - zum damaligen Zeitpunkt eine Sonderleistung der Band. Und so geht es weiter, zuerst mit One For The Razorbacks, dann mit Klassiker Welcome To Paradise, der sich in dieser Version mit markanterem Bass und der tief getunten Gitarre eigentlich besser anhört, als es in der späteren Single-Version der Fall sein sollte.

 

Es wird ihnen aber irgendwann zu schwer, nennenswerte Hooks, Texte oder zumindest knackige Riffs rauszuhauen. Zuerst bekommt man noch mit der, nun ja, "Power-Ballade" Christie Road einen soliden Gewinner, der mit schleppenden Riffs und gemächlicher Gangart zur sympathischeren, aber weniger wirksamen Variante von Longview gerät, immerhin aber den allerersten Anflug von Emotion in einen Green-Day-Song injiziert. Dominated Love Slave markiert dann als grenzdebiler Pseudo-Country-Gag-Song recht genau die Grenze zwischen den starken Anfängen und dem mürben Fortschreiten der LP. Der Track selbst will nur eines, nämlich der Welt zeigen, dass es einerseits die Bloodhound Gang eigentlich schon viel früher und schlechter gab, als es jeder vermutet, und dass andererseits Tre Cool und das Mikrofon keine Freunde mehr werden. Das Produkt geht einem auf die Gogerl und ist auch nach bald 25 Jahren noch der Tiefpunkt der Bandhistorie, der nur immer schlechter wird, je öfter man ihn hört.

Bald folgen dann Songs, die fast durchgehend an einem vorbeirauschen. Android und 80 mangelt es an Kanten und jeglichen interessanten Facetten. Locker runtergespielte Punk-Songs versinken eben, sofern sie nicht mit starken Hooks oder sich festbeißenden Halbweisheiten beladen sind, doch irgendwann im Durchschnitt. Man kann die, dem Pop noch näher gebrachte, Ramones-Formel auch irgendwann auswendig, insbesondere im Kanon dieser Band, die vier Alben lang über Langeweile, pubertäre Desillusionierung und noch nicht einmal halbgare Lebensmüdigkeit referiert hat.

Da hilft auch das partiell der Ruhe zugeführte No One Knows wenig, weil Armstrongs Stimme damals noch geklungen hat, als wäre einfach auf der Couch sein klangloses Genöle aufgenommen worden.

 

Sie reißen sich schon raus mit One Of My Lies, Who Wrote Colden Caufield und dem Beweis, dass die Ramones vielleicht doch das passende Vorbild sind. Anders geschrieben, nützt es dem Trio sehr, wenn man das thematisch uniforme Gebrabbel von Armstrong nicht im Mittelpunkt stehen hat, stattdessen die kratzigen Riffs ihr Rampenlicht abbekommen. Kratzig sind sie übrigens deswegen, weil die Produktion noch ausbaufähig ist. Nein, nein, keine Sorge, so eine spartanische Herangehensweise an das Produzieren des Eingespielten kann schon auch gut funktionieren. Aber nicht unbedingt bei einer Band, die jedes Mal wieder bewiesen hat, dass sie als wirkliche Punker nicht sonderlich viel taugen. Da kann Armstrong noch so sehr im Hintergrund versinken. Ich will jetzt gar nicht die an das Album angehängte "Sweet Children" EP als Beispiel für solch klangliche Verrohung hernehmen, die vier Tracks wirken nämlich überhaupt nicht produziert. Der Titeltrack gerät trotzdem passabel, aber diese acht Minuten mit Demo-Charakter hätte keiner mehr wirklich gebraucht. Das Entstehungsdatum soll ja sogar bis 1988 zurückreichen, mögen manche als Verteidigung anführen. Klingt mies, egal, wann musiziert wurde, entgegne ich. Abgesehen davon, dass man Mike Dirnt am Bass kaum mitbekommt - immerhin so ziemlich der beste Musiker der Band -, klingt Armstrong endgültig untragbar und gemeinsam berauben sie sogar noch Klassiker My Generation dem Großteil seiner Qualität.

 

Das Rating kommt auch nur zustande, weil "Sweet Children" nicht so wirklich zu "Kerplunk" gehört. Deswegen nehmen wir es mal nicht so genau und sagen, dass die zweite LP der US-Amerikaner immerhin ein ordentlicher Schritt nach vorne ist. Immer noch einer, der dem Songwriting durch den gewöhnungsbedürftigen Klang ein Bein stellt und eher vergeblich nach der Abwechslung sucht. Ein Eingrooven für den legendären Nachfolger quasi. Dementsprechend ist es auch nicht ohne Qualitäten, insbesondere dort, wo das Tempo hoch ist und die Hooks einem nachlaufen. Der Rest findet sich in der Ursuppe des Mediokren wieder oder ist einfach ein WIRKLICH schlechter Scherz. Aber vielleicht muss man auch einfach schlechte Scherze machen, um zum Teen-Helden zu werden. Christgau könnte dabei helfen, das zu beantworten. Wer sonst?