Green Day - Insomniac

 

Insomniac

 

Green Day

Veröffentlichungsdatum: 10.10.1995

 

Rating: 5.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb & Mathias Haden, 22.03.2014


5% mehr Härte, 50% weniger Melodien, 80% weniger erfassbare Zeilen. Da spielt's keinen würdigen 'Dookie'-Nachfolger.

 

Anno 1994 hieß das große Erfolgsmodell des US-Trios: Wir machen das, was wir immer gemacht haben, nur besser. So entstand ein beinahe schon finalisierter Prototyp des Pop-Punk-Albums, der mehr als nur einen Klassiker unter die Leute brachte. Im Jahre '95 soll's dagegen etwas härter, etwas ernster, vielleicht auch endlich mehr Punk sein. Eine unüberwindbare Hürde für Green Day, wie's scheint.

 

Dabei ist die große Wandlung ohnehin alles andere als groß. Denn sie machen immer noch, was sie immer gemacht haben, abgesehen davon, dass Billie Joe versucht ernster zu klingen, ohne es zu schaffen, gleichzeitig auch gesunde Härte in die Musik zu bringen, ohne es zu schaffen, und einem in kaum einer Sekunde klar ist, was denn eigentlich gesungen wird. Grob umrissen wäre es das eigentlich. Etwas genauer unter die Lupe genommen, offenbart "Insomniac" dann aber doch ein paar Mal alte Stärken. Sowohl zum Anfang als auch zum Ende bekommt man nämlich etwas, was hier Seltenheitswert hat: Starke Melodien. Und dazu erkennbare Message. Denn Armatage Shanks darf als 1 zu 1-Fortsetzung von "Dookie" angesehen werden, beginnt mit vielversprechendem Drum-Intro und geht mit vielversprechendem Riff weiter. Ähnlich ergeht's Walking Contradiction als melodischstem und textlich wohl bestem Track. Dank Zeilen wie "I must insist, that I am a pessimist" und allen voran "I have no believe, but I believe I'm a walking contradiction" verdient die Band zumindest hier für ihre Lyrics ein wenig Lob.

 

Vielleicht auch anderswo, dort hört man's nur nicht. Denn die LP wurde ganz bewusst zu einem einzigen großen Riff, der zumeist wenig begeistert. Vielfach gibt's nur Wortfetzen rauszuhören, dazu kommen eher träge, unmelodische Gitarren- und Drumparts, die Green Day nun offiziell beweisen, dass sie sich vom Punk-Rock besser fernhalten sollten. Dafür fehlt es dem Album nämlich entschieden an Tempo. Die einzige Ausnahme bleibt das starke Jaded, dem vor allem Drummer Tré Cool ordentlichst auf die Sprünge hilft. Ansonsten bleiben Tracks wie Stuck With Me, No Pride oder Westbound Sign, die zwar allesamt keine klanglichen Monstrositäten darstellen, aber charakterlose, kaum voneinander zu unterscheidende Songs sind. So steht großteils eine zähe Masse an kurzen, leider aber wenig knackigen Momenten da - negativer Höhepunkt ist der Pseudo-Metal-Riff von Brain Stew -, denen man kaum den Vergleich mit Longview oder Basket Case vom Vorgänger antun will.

 

Die Entscheidung für rudimentäre Produktion, härtere Riffs und vor allem weniger Melodie in den Songs war also mit Sicherheit nicht die beste für Billie Joe & Co. Damit haben sie nämlich nicht nur die sympathische Performance eines gelangweilten Trios für nicht einmal noch pubertäre Wut-Anstriche getauscht, sondern auch die vielleicht zu poppigen, aber eben doch mit unendlicher 'Catchiness' ausgestatteten Songs von "Dookie" gegen einen selten überzeugenden Einheitsbrei eingetauscht. Die wenigen Ausnahmen sind dann zwar auch nicht das Allergelbste vom Ei, aber doch ein Beweis für die Stärke der Band, wenn sie denn nur will. Meistens begnügt sie sich aber mit dem Mittelmaß.

 

K-Rating: 5.5 / 10

 


Das Trio wirkt zwar nicht reifer, aber clever genug, kein zweites Dookie zu schaffen.

 

Es kann niemals ein gutes Zeichen sein, wenn man sich bei einem Album am liebsten an das Artwork erinnert und die Musik in einem Hinterzimmer des Gedankenguts aufbewahrt. Gut, die coolste Band von 1994 und 2004 (kommt da heuer vielleicht noch was!?) macht es einem tatsächlich nicht einfach, das vierte Album richtig zu genießen. Zu hoch die Erwartungshaltung nach dem Überraschungskracher Dookie, zu laut auch die skeptischen Stimmen an der qualitativen Halbwertszeit des Trios. Insofern tut man Insomniac ohnehin nur Unrecht, von welcher Seite man das auch zu betrachten vermag. Dennoch, Billie Joe, Tré Cool und Mike Dirnt fahren auch noch 1995 gut mit ihrem Projekt Green Day.

 

Dabei sind die drei Burschen echte Könner, was das Thema Selbstvermarktung angeht. Ein flotter Einstiegstrack und schon sind die ersten Zweifel beseitigt. Man erinnert sich da ja gern an Nuclear Family vom ersten Album der völlig überflüssigen 2012er-Trilogie. Nun ist es also Armatage Shanks, das - wie mein Kollege sehr richtig analysiert hat - einen musterhaften Übergang vom vielgeliebten Vorgänger liefert. Im Prinzip haben Green Day ja in ihrer Karriere bis zu diesem Zeitpunkt immer dasselbe gemacht. Schon am Debüt 39/Smooth tummelten sich einfache Riffs, eingängige Hooks und grenzwertige Songtexte über den alltäglichen Schwachsinn. Am vierten Longplayer hat man zwar das Momentum einer erfolgreichen Bandphase, ein besseres Budget und einen motivierteren Produzenten an der Seite, an der Marschroute ändert sich grundsätzlich aber weiterhin nicht viel.

 

Deswegen gibt es gar nicht viel zu sagen, was mein Vorschreiber nicht schon längst aufgeworfen hat. Die Höhepunkte sitzen, Walking Contradiction ist tatsächlich der einzige Track, der auch als Song für sich genommen funktioniert. Brain Stew ist der lausige Versuch, hart zu klingen und ernst genommen zu werden, und der Panic Song ist ein mehr oder weniger gelungenes Bemühen, ernstere Themen als Langeweile, Masturbieren und noch mehr Langeweile zu thematisieren. Abseits davon ist Insomniac in seiner Verworrenheit, seinem liebevollen Chaos, seiner Unzugänglichkeit und seiner schlichten Unfähigkeit, einprägsame Melodien zu schaffen ein holprig fröhlicher Ritt durch unfröhliche Thematiken wie im Panic Song oder Geek Stink Breath. Die neu gewonnene 'Härte' tut da nicht viel zur Sache, schmeichelt im Endeffekt aber nur den wenigsten Tracks.

 

Tja, an das tolle Artwork reicht die Musik der drei Pseudo-Punker dann doch nicht heran. Aber das muss sie nicht. Einheitsbrei? Kann man so sagen. Zähe Masse? Ja, vielleicht. Aber unüberwindbare Hürde? Nicht unbedingt! Ein Jahr nach ihrem Megaerfolg präsentieren sich die drei Amis nicht viel reifer, aber clever genug, kein zweites Dookie zu kreieren. Somit stellt Insomniac einen ordentlichen Übergang zwischen Megaerfolg und musikalischem Übergangsalbum Nimrod dar, wird selbst zum großen Hit und ist im Übrigen auch zu kurz, um zu langweilen.

 

M-Rating: 6 / 10

 


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