Gram Parsons - GP

 

GP

 

Gram Parsons

Veröffentlichungsdatum: ??.01.1973

 

Rating: 9.5 / 10

von Mathias Haden, 13.03.2021


Das brillante Solo-Debüt steht seinem legendären Nachfolger fast in nichts nach.

 

Let's talk about love. Nein, stopp, falscher Film. Dem Betreiber dieser Webseite soll nicht wieder eine Ader in seinem Auge platzen. Lasst uns lieber über Mother Country Music reden, die auch nach Jahren der Revivals unterschiedlichster Art und globalisierungsgeschuldeter Aufweichungen zwischen dem europäischen und amerikanischen Musikmarkt in unseren Breitengraden keinerlei Lobby hat. Die Geschichte von Gram Parsons, der praktisch im Alleingang die Grenzen zwischen den uramerikanischen Stilrichtungen Country, Blues und Soul aufbrach und mit den Manierismen der aufstrebenden Pop- und Rock-Kultur anreicherte, ist mittlerweile an vielen Lagerfeuern weitererzählt worden, sein Vermächtnis bzw. sein Einfluss reicht aber noch viel weiter als man sich beim bloßen Lesen seiner Vita vorstellen könnte. Jede Pedal Steel im Pop-Kosmos lässt sich im Prinzip indirekt auf seine Person zurückführen, auch die ganze Alternative-Country-Community sieht in Parsons ihren Schutzpatron.

 

Dass der Visionär nicht nur Wegbereiter, sondern selbst fähiger und kreativer Verfechter bzw. Umsetzer seiner Ideen war, bezeugt ja schon seine Arbeit auf den Alben der International Submarine Band, der Byrds und der Flying Burrito Brothers. Nach einer schwierigen Schaffenspause, die auf seinen Rauswurf bei den Burritos folgte, war es schließlich an der Zeit, seine Begabung als "Solo"-Künstler unter Beweis zu stellen. Emmylou Harris wurde auf Empfehlung von Kumpel Chris Hillman als Hintergrundsängerin und Duett-Partnerin ins Boot geholt, dazu gesellten sich mit Glen Hardin, James Burton, Byron Berline oder Al Perkins einige der versiertesten Musiker ihrer Zeit. Obwohl Parsons ein Country-Album im Sinn hatte, das traditioneller instrumentiert sein sollte als seine transzendierenden Ausritte mit den Burritos, zeigen gleich die einleitenden Augenblicke seines Debütalbums GP, warum er für die konservative Country-Crowd immer schon zu progressiv war. Auf diesen brettern Fiddle, Pedal Steel und die Rhythmusabteilung bereits dahin, als gäbe es kein Morgen, nach zehn Sekunden setzt der Protagonist erstmals an und verkündet trotz jugendlichen Alters voller vom Leben gezeichneter Überzeugung: "Time can pass and time can heal / But it don't ever pass the way I feel".

 

Dieser für das Genre fast revolutionäre Zugang, keine abgedroschenen Phrasen über verlorene Liebe zu kitschigen Streichern und jaulender Pedal Steel zum Besten zu geben und stattdessen auf persönlicheres, ja eigentlich auch urbaneres Jargon zurückzugreifen, ist neben der großartigen Musik, die natürlich trotzdem für nichts mehr Platz anbietet als für Emotion, der große Trumpf von GP im doppelten Sinne. Nicht umsonst ist praktisch jeder Song ein Volltreffer. Die von Parsons selbst geschriebenen, herrlich gefühlvollen Stücke wie A Song For You, She oder The New Soft Shoe fügen sich dabei nahtlos neben Klassikern wie Harlan Howards Streets Of Baltimore oder George Jones' That's All It Took ein. Er selbst klingt zwar nach seinen von Drogen korrumpierten Jahren als Groupie der Rolling Stones, frischvermählter Bräutigam und Lebemann, wie er immer war, noch nicht so perfekt bei Stimme wie am Meisterwerk, das wenig später und nach seinem verfrühten Ableben als Grievous Angel das Licht der Plattenläden erblicken würde, das macht er aber mit viel Gefühl, Poesie und dieser natürlichen Fragilität wett, die man nur in seiner Stimme vorfindet.

 

Dazu kommt natürlich, dass Harris als kongeniales Gegengewicht in Form von wunderschönen Backgroundgesängen auf den meisten der Stücke wie eine Sonne auch die letzten schattigen Flecken im Klanggebilde ausleuchtet. So brilliert sie etwa am eindringlich reumütigen Duett We'll Sweep Out The Ashes In The Morning auch als Solostimme, wenn beide gleichzeitig singen und die Session-Musiker im Hintergrund an ihre subtilen Grenzen gehen, herrscht ohnehin eine ganz magische Atmosphäre der Sündhaftigkeit. Gemeinsam schwingen sie sich in ungekannte Höhen, lassen auf That's All It Took das Original von George Jones und Gene Pitney ganz alt aussehen und harmonieren auch sonst in jeder Sekunde, die ihnen das Album zusammen vor dem Mikrophon lässt.

 

Was hier lange Zeit auf ein perfektes Gesamtresultat zusteuert, verheddert sich kurz vor der Ziellinie leider noch auf unangenehme Weise. Weniger am Closer Big Mouth Blues, der der Bezeichnung Country Rock in seiner buchstäblichen Bedeutung hier deutlich am nächsten kommt und sich etwas in seiner Sturm-und-Drang-Mentalität verzettelt, mehr aber noch an der seltsamen Coverversion eines Stückes der J. Geils Band, Cry One More Time. Diese eigenwillige Interpretation, die als ziellos mäandernder funky Country-Blues-Jam mit präsentem Bariton-Saxophon einläuft, ist nicht nur als Song per se die schwächste Nummer auf der Debüt-LP, sondern überlässt den Platz hinterm Mikro gleich Parsons' Kumpel aus früheren Tagen, Barry Tashian. Ein schwieriges Experiment, das zwar wohlig schunkelt, auf diesem makellosen Album aber leider ziemlich deplatziert wirkt.

 

Zieht man das nun in Betracht und erinnert sich an den beeindruckenden Fakt, dass Gram Parsons kein Jahr später ja noch ein besseres, formvollendetes Album aufnehmen konnte, so fällt es doch nicht schwer, am nahezu perfekten GP ein halbes Pünktchen abzuziehen. Die Musik ist über jeden Zweifel erhaben, die Songs sind fast alle top notch und das Duo Gram & Emmy brilliert in den hohen Künsten der Sangeskunst. Wäre da nicht dieses überlebensgroße Vorurteil, das uns Schlager-Country-Künstler wie John Denver oder nahezu alles ab den 80ern aus den Country-Formatradios gebracht hätte, könnten sich bestimmt noch viel mehr Leute an seiner bereichernden Vision und dem übermittelten Lebensgefühl erfreuen, das Parsons uns Zeit seines kurzen Lebens in Form von Cosmic American Music hinterlassen hat:

 

"Well, it's said my life has been so free and easy
But I'll tell you now the story isn't so
'Cause I've spent a lot of time down on the corner
Tasting tears and spilling whiskey on the floor"

 

Wer selbst mal an diesem Punkt in seinem Leben war, kann es womöglich besser nachempfinden.