Gotye - Boardface

 

Boardface

 

Gotye

Veröffentlichungsdatum: 15.02.2003

 

Rating: 5.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 26.09.2019


Es passiert zu wenig in der jazzigen Downtempo-Indietronica-Welt, Detailliebe hin oder her.

 

Gotye gehört zu den untypischeren Hitfabrikanten der letzten Jahrzehnte. Vielleicht liegt das daran, dass der Australier mit den belgischen Wurzeln nur einen Hit hatte und dementsprechend nicht wirklich in die Riege derer passt, die mit ihrer Musik die Charts belagern. Stattdessen scheint er dort eher hineingestolpert zu sein und damit eben kurz einmal überall auf diesem Planeten Platz 1 erreicht zu haben. Sowas kann einem schon mal passieren. Rund um diese kurze, kommerzielle Sternschnuppe in Form von Somebody That I Used To Know ist es allerdings äußerst ruhig um den eigenwilligen Singer-Songwriter. Das steht sicherlich in Verbindung damit, dass er seit seinem Megahit partout nicht daran denkt, ein weiteres Album aufzunehmen, aber auch davor war Gotye jetzt kein Name, der einem umgehend etwas gesagt haben muss. Doch diese Unbekanntheit hat ihre Gründe, denn man hat es mit einem Mann zu tun, der nicht den Eindruck macht, bekannt sein oder unbedingt auffallen zu wollen, sondern der stattdessen einfach nur seine Musik machen will. Dieser Eindruck verfestigt sich, widmet man sich seinen musikalischen Ursprüngen und damit einem Debüt, das genauso viel in sich geschlossene Einheit wie Stückwerk ist.

 

Die Ursachen dafür finden sich auch und vor allem in der Geschichte hinter "Boardface", das in Wahrheit hauptsächlich eine Compilation von Gotyes davor an diverse Radiostationen und Labels gesendeten Promo-EPs ist. Trotzdem erkennt man einen roten Faden in all dem, der einen durch eine eigenwillige und detailverliebte Mischung von Nu Jazz, Downtempo, Trip-Hop und einem Hauch von Baroque Pop führt. Das Ergebnis ist dabei nicht im Geringsten erratisch, stattdessen lauscht man viel eher einem mäandernden akustischen Strom, in dem sich allerdings diverse unerwartete Kleinigkeiten und rhythmische Brüche finden lassen. Nichtsdestoweniger ist die LP vom ersten Ton an in ihrer Natur unaufgeregt und auf der kontemplativen Seite, thematisch verankert in vage besungenen Geschichten von Liebe, Sehnsucht und Trennungsschmerz, die nur selten von anderem abgelöst werden. Schnulzig ist dabei allerdings, vielleicht abgesehen von mancher weinerlichen gesanglichen Performance Gotyes, so ziemlich gar nichts. Out Here In The Cold präsentiert sich stattdessen zu Beginn als schon fast karges Understatement, das abgesehen vom stimmungsvollen, von drückenden Klavierakkorden und Streichern dominierten Intro einem simplen dahintrabenden Beat folgt. Langsam aber sicher gesellen sich Gitarren dazu, auch das Piano und die Violinen sorgen in der zweiten Hälfte für ein volleres Klangbild, das allerdings trotzdem nicht aufdringlich sein will. Stattdessen fließt es auch mit sporadischer streicherbedingter Dramatik ein wenig an einem vorbei, auch weil die kurzen Einsätze von Bläsern und die Variationen bei der Percussion bewusst zurückhaltend gestaltet sind.

 

Dem folgend, könnte man "Boardface" für ein Album halten, das geprägt ist vom Bemühen um Stimmung und Atmosphäre. Das stimmt wahrscheinlich auch, nur bleibt beides meist eher auf der Strecke, weil die klanglichen Spielereien des Singer-Songwriters einerseits den emotionalen Aufbau stören, andererseits nicht genug Eindruck hinterlassen, um die Songlängen von fünf, sechs, vielleicht gar über sieben Minuten zu rechtfertigen. Am oberen Ende dieser Skala begegnet einem The Only Thing I Know, dessen helle, lockere Riffs eigentlich das Höchstmaß hier zu findenden Pop-Appeals darstellen. Nur endet man nach langen, wirklich, wirklich langen Minuten dort, wo man angefangen hat, ohne dass dazwischen abgesehen vom überzeugenden, klanglich gedämpften Gesang viel hängen bleiben würde. Kurze Samples mit weiblicher stimmlicher Unterstützung und zwischenzeitlich aufflammende Drum-Ekstasen sind etwas wenig, wenn man ansonsten mit dem monotonen Gitarren und mühsam kratzigen Elektronikeinsatz vorlieb nehmen muss. Gotyes Gefühl dafür, aus solchen kurzen Bits stimmige Arrangements zu formen, ist nicht zu leugnen und gewinnt einen auch hier durchaus für sich. Aber man könnte das alles auch weitaus schneller abhandeln. Leider gilt das für relativ viel hier, egal ob nun den schleppenden, aber stark besungenen Downtempo-Soul von Loath To Refuse, das ineffektiv nach beklemmender Atmosphäre suchende Wonder Why You Want Her oder im schlimmsten Fall den mit angestaubtem Saxophon-Solo und lebloser Klavierhook gesegneten, ungut veraltet klingenden Pop von Here In This Place, dessen World-Music-Einflüsse alles andere als belebend wirken. All das passiert vor dem Hintergrund, dass hier durchaus ansprechend mit Ideen hantiert wird. Nur eben auf eine Art, die einem am Ende zu wenig anbietet, um diese Songs zu einem wirklichen Gewinn zu machen.

 

Natürlich gibt es Gegenbeispiele, ziemlich großartige sogar. Allen voran den Nu-Jazz-Pop von What Do You Want?, dessen dynamischer Ton nicht nur eine ungleich lebendigere Szenerie mit starken, abgehackten Gitarrenspritzern und durch den Song schwebenden Streichern ergibt, sondern dem auch der inhaltliche Schwenk vermutlich in religionskritische Richtung gut tut:

 

"Few here'd be true to your point of view
If they knew
What you want
Who here would choose
To walk in those shoes
Even you can't

 

[...]


What do you want
What do you want that you cannot say
Show us the faith we're supposed to display
Come what may
You can't!"

 

Befeuert von einer überzeugend unaufgeregten Performance Gotyes ergibt sich ein großartiger Gesamteindruck, gleichzeitig rhythmisch unwiderstehlich und mit gespenstischer Atmosphäre gesegnet. Weniger melodisch, dafür zumindest genauso atmosphärisch präsentiert sich Noir Excursion, das ein Sample von John Coltranes Blue Train zu einem beklemmend emotionalen Song formt. Wobei das auf keinen Fall möglich wäre ohne die großartige weibliche Gaststimme, deren gefühlvoller Gesang die beklemmende Geschichte von der ungewollten Mittäterschaft beim Bankraub umso intensiver macht. Es ist Gotyes Verdienst, dass der Track, seinem Titel folgend, eher ein im Jazz verwurzelte Szenerie gleich einem Noir-Thriller zeichnet, statt in unwillkommene Melodramatik zu verfallen. Unheilvolles Glockengeläut und untersetzte Klavierpassagen werden erst zur Songmitte merklich von lauter werdenden Drums und einem elektronischen Beat gestört. Leider, muss man sagen, der Track wäre ohne beides ausgekommen. Nicht so das schon fast dem Reggae verfallene Out Of My Mind, dessen gemächlicher Rhythmus passend mit starken Bläsern ausstaffiert wird und darin auch über die gesamte Songlänge sein Heil findet.

 

Das sind die Momente, in denen man Gotye nicht mehr nur gute Ansätze zugestehen will, sondern vollendete Songs hört, die einen eigenständigen, ideen- und abwechslungsreichen Sound verkörpern. "Boardface" kann damit zu selten punkten, ganz einfach weil das Gebotene zu oft zu zurückhaltend und minimalistisch ist. Das macht dann schnell einmal aus potenziell atmosphärischen und interessanten Songs ziemlich langatmige Gebilde, denen es ziemlich deutlich an Fülle fehlt. Zumindest so sehr, dass man ihnen eine kürzere Laufzeit vergönnen würde. Dessen ungeachtet gibt es Momente, in denen die Genialität durchscheint und einen über mehrere Minuten packt. Und selbst abseits davon hat man es mit einer LP zu tun, die einen zwar potenziell langweilen kann, dabei aber trotzdem nicht ohne so manch interessante Facette und Soundspielerei bleibt. Trotzdem ist das Album wohl eher ein Schritt auf dem Weg zur finalen Form dessen, was Wally De Backer unter dem Namen Gotye so anfangen wollte, als dass man schon von Vollendung sprechen könnte.