Genesis - Selling England By The Pound

 

Selling England By The Pound

 

Genesis

Veröffentlichungsdatum: 13.10.1973

 

Rating: 9 / 10

von Mathias Haden, 28.07.2015


Eine Ode auf Farbenreichtum, schrullige Exzentrik und bessere Zeiten, Part XXXVII.

 

'O Tempora, o Mores', hörte man einst einen alten Römer sagen. Und obwohl es mittlerweile einer schweren Last gleichkommt, seine im Zeichen des Progs stehenden Rezensionen mit der ausgelatschten Altersdebatte einzuleiten, nun, es passt doch einfach immer. Wo soll man sich in Zeiten der grauen EDM oder des braunen Einheitsbreis der wenig kreativen, immerhin aber in technischen Belangen immer wieder erquickenden Revivalaktionen aber auch hinwünschen?

Hier kommen wieder einmal Peter Gabriel und seine tollkühne Crew voller Filigranmusiker ins Spiel und injizieren der verkümmerten Fantasie eine ordentliche Portion ein. Nur allzu gerne erinnert man sich doch an wilde Racheepen über Giant Hogweeds und heiß antizipierte Suizidakte, wie sie seinerzeit nur auf Nursery Cryme, der ersten LP im klassischen Line-Up zu finden waren. Einmal eingetaucht, macht es einem die britische Gauklertruppe aber auch wirklich schwierig, ihren eigenwilligen Hirngespinsten nicht bis zum letzten Atemzug hinterherzuhecheln und sich über weitere Stunden in comichaften Karikaturen über besungene Themen zu verlieren. Den Punkt für lyrische Versiertheit und Fantasie anregende Bildsprache hatte also bereits der 1971 veröffentlichte Longplayer, ganz abgesehen von der technischen Finesse, die sich von Hackett bis Rutherford erstreckte. Und doch, irgendwie wollte der letzte Funke aufgrund seines muffigen Rumpelkammer-Sounds nicht so wirklich überspringen. Besser machte es da schon das exzentrische Foxtrot, heimliches Magnum Opus und persönlicher Favorit. Trotzdem musste die Band ein weiteres Jahr warten, um erstmals auch über den Tellerrand der Progster die Menschen zu begeistern und sogar Robert Christgau ein wohlwollendes B zu entlocken. [/Ironiemodus]

 

Angefangen - und das nicht nur in Bezug auf die Tracklist - bei Dancing With The Moonlit Knight, ziehen die Engländer hier aber auch alle Register. Von der fragilen Schönheit des umwerfenden Firth Of Fifth über Monthy Python'esque, humorvoll epische Dramatik von The Battle Of Epping Forest hin zum edlen Pop von I Know What I Like (In Your Wardrobe), hier wurden die Erfahrungen, die die letzten Jahre brachten, eindeutig und effizient eingeflochten, Neues ward geboren und Altes forciert. Auch produktionstechnisch läuft das Werk, weicht der dezent angestaubte Sound einem klaren, bei dem man jedes einzelne Instrument perfekt heraushört, von Collins präzise gesetzten Schlägen bis zu Banks nimmermüden Keyboards. Aber erst einmal der Reihe nach - und zurück zu den ekstatischen Fanfaren im Walzertakt, zu Dancing With The Moonlit Knight. In diesem Bandklassiker vor dem Herrn kulminiert die hauseigene Kreativität, mächtige Tempo- und Szenenwechsel halten bei der Stange, Hackett und Gabriel zeigen sich in bester Verfassung, der Rest gibt im Windschatten ebenfalls Vollgas; ergo: die acht Minuten zwischen Dramatik, voranpreschender Dynamik und beseelter Inbrunst in Kombination mit Flöten, Mellotron und Co. unterhalten bestens, ebenso seine gewitzten Zeilen:

 

"'Paper late!' cried a voice in the crowd

'Old man dies!' The note he left was signed

'Old Father Thames' - it seems he's drowned

Selling England by the pound"

 

Wie nahe Genie und purer Wahnsinn aber beinander liegen, bekräftigt einmal mehr das schräge The Battle Of Epping Forest. Live aufgrund seiner extremen Tempowechsel ohnehin unspielbar, hat man auch an den zwölf Minuten der Studioversion zu nagen. Einiges wirkt schwierig, exzentrischer Humor und die unterschiedlichsten Leute, denen Gabriel in den verrücktesten Stimmlagen sein Organ zur Verfügung stellt, plus die etlichen Tapeten- und Stimmungsschwankungen; alles zumindest fordernd. Macht aber wenig, denn die Band spielt einfach großartig; Gabriel explodiert in seinen Rollen förmlich, seine Kollegen spielen sich ebenfalls die Seele aus dem Leib und wenn der Protagonist die Kavallerie ansagt, dann herrscht für einen Moment Gänsehaut und aufrichtige Bewunderung für solch ein verschrobenes Schauspiel.

 

Die schwächeren Momente der LP sind rar gesät, fallen in ihrer Intensität auch nicht zu schwer ins Gewicht. Das Instrumental After The Ordeal, das nach den deftigen Kampfszenen aus dem Walde ein wenig Ruhe hineinbringen soll, fällt trotz mittelalterlich beschwingtem Melodienreichtum leider deutlich zu lang aus, der kurze Closer Aisle Of Plenty recycelt die Melodie des mächtigen Openers, bleibt in seiner gutgemeinten Konsumkritik aber eher blass und More Fool Me bietet die Blaupause für Collins'sche Süßholzraspelei, bei der sich der Drummer erstmals so richtig und in schmachtender Hingabe hinter dem Mikro austoben darf. Es sollte sein letzter Einsatz als Stimme von Genesis bleiben, bis zu Gabriels Ausstieg keine zwei Jahre und ein überambitioniertes Album später.

Traurig ist man ob dessen aber nicht, denn gerade sein gewandter Vorgänger ist es hier meistens, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht. In Single I Know What I Like (In Your Wardrobe) schlüpft er in die Rolle eines Rasenmähers und scheitert trotzdem nicht daran, seine schrullige Geschichte mit mitreißender Pop-Ästhetik zu unterbuttern. Firth Of Fifth punktet mit seinen exzellenten Klaviereinlagen, die Gabriels wirkungsvollen Gesang gekonnt in Szene setzen und The Cinema Show wird mit seinen geschichtlichen Referenzen und seinen herrlichen Instrumentalparts zum berührenden Leckerbissen.

 

Zählt man 1 und 1 zusammen, erhält man meistens 2 - es sei denn, man ist ohnehin hoffnungsvoll verloren. Während Selling England By The Pound, die fünfte LP der Briten, keineswegs perfekt ist, sogar den einen oder anderen garstigen Füller zu verbuchen hat, ist sie in den wichtigsten Momenten, meistens gleichbedeutend mit den längsten Stücken, zur Stelle und beweist erneut, was für Teufelskerle diese merkwürdigen, in ihren Fantasiewelten verlorene Kapelle doch war. Nein, diese LP ist in all ihrer Komplexität, all ihrer Exzentrik und all ihrer ermüdenden Meriten keine klassische 2, sondern ein unberechenbares Stück Musikgeschichte, das uns an Zeiten erinnern soll, als die Musik noch mehr Farben zu bieten hatte, als grau und braun. 'O Tempora, o mores...'