Genesis - Calling All Stations

 

...Calling All Stations...

 

Genesis

Veröffentlichungsdatum: 01.09.1997

 

Rating: 2.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 23.02.2018


Ein aufs Gerippe ausgehöhlter Name, ad absurdum geführt mit formlosen Genre-Nichtigkeiten.

 

Ich bin kein traditionsbewusster Mensch, ich hab nur was gegen Veränderungen. Falls sich jetzt jemand fragt, ja, das ist noch einmal unendlich viel fader, als viel auf Traditionen zu geben. Aber es ist so, die bewährten und sympathischen Dinge dürfen gerne bleiben, wie sie sind. Sogar die unnötigen und missliebigen müssen nicht weg, man weiß immerhin, was man da bekommt. Insofern ist es alles andere als schlecht, dass Tony Banks und Mike Rutherford nach dem Abgang von Phil Collins nicht gleich beschlossen haben, den Namen Genesis so einfach sterben zu lassen. Er war immerhin ein Vierteljahrhundert da. Und er hat auch in der Zeit schon Höhen und Tiefen erlebt, so wahnsinnig viel hätte also nicht schiefgehen müssen. Dass man allerdings ein Album aufnimmt und die dazugehörige Tour verstümmelt, weil keiner hin will; dass man innerhalb eines Jahres die ganze Aktion abbläst, weil zukunftslos, sowas lässt tief blicken. Irgendwie immer noch nicht tief genug, um zu "...Calling All Stations..." zu kommen.

 

Wobei die kausalen Zusammenhänge keine komplizierten sind. Man muss nur die Chronologie betrachten. Dass Genesis als majestätischer Pfeiler des Prog Rock die 70er geprägt haben, lag an Leuten mit Namen Banks, Rutherford und Collins, aber zum größten Teil eher an den Herren Gabriel und Hackett. Mag schon sein, dass man gemeinschaftlich Songs gezimmert hat, aber die Meister der Kreativität waren am Ende diese beiden, der Rest fällt in die Kategorie höchst beschlagener Musiker mit bestenfalls sporadischen Anflügen schreiberischer Genialität. Dass die dann trotzdem zu dritt weitergemacht haben, hat immerhin Geld in die Kassen gespült und bei aller Kritik ein beeindruckend ausgewogenes Trio zu Tage gefördert, das Spaß daran hatte, verbliebene Prog-Tendenzen in die poppigste vorstellbare Form zu bringen. Dass die Hooks, die Stimme und die Produktion dafür da waren, ist aber fast ausschließlich Collins' Verdienst gewesen. Und jetzt ist der 1997 auch weg. Das heißt, es bleiben zwei Leute, die meinetwegen fähige Instrumentalisten sind und als solche nicht einmal einflussfrei ihr Musikerleben gestaltet haben. Sie haben aber fast keine kompositorischen, garantiert keine gesanglichen und in Wahrheit noch weniger texterische Fähigkeiten. Das ist sehr mager, um als Basis für eine ganze LP zu fungieren. Auch mit einem Pseudo-Grunger als Aushilfssänger, der mit Ray Wilson den austauschbarsten Namen der englischsprachigen Welt seit Robert Smith bekommen hat.

 

Und an dieser Stelle beginnt jetzt das fünfzehnte Album dieser Band. Aufgebläht, von Rutherford und Banks geformt, von Wilson besungen, von tatsächlich eigentlich niemandem mir Bekannten gemocht. Auf einen gemeinsamen Nenner gebracht, wäre es falsch, die Songs gesammelt als schlecht zu bezeichnen. Nicht alle sind es. Alle sind sie aber beeindruckend fehlgeleitet in ihrer Konzeption zwischen Pop, Prog und einer Ahnung von Alternative Rock. Die prägendste Eigenschaft ist in dieser per Definition widersprüchlichen Genre-Suppe die Richtungs- und Formlosigkeit. So etwas wie Melodien, Hooks, Wiedererkennungswert oder klangliche Prägnanz kennt die LP eigentlich nur aus der Ferne. Wobei man zumindest eines prägnant nennen kann, nämlich die dominante Rolle von Tony Banks, dessen Synthesizer trotz manchmal sphärisch, manchmal rau zum Einsatz gebrachten Gitarreneinsätzen fast immer das Klangbild beherrschen und dabei meist in einer soundtechnisch dermaßen irritierenden Form, dass es weh tut. Nicht vergessen, das war schon der Mensch, der Duke's Travels möglich gemacht und Land Of Confusion oder No Son Of Mine einen genialen Elektronik-Sound verpasst hat. Die Modi Operandi, die er diesmal pflegt, sind allerdings erschreckend, entweder auf die schrille, verstörend dissonante Art, oder aber mittels kitschigster Synth-Teppiche, die Rick Astley verschämt zurücklassen. In diesem Sinne, meet If That's What You Need, die schmalzigste Ballade, seitdem 10 Minuten vorher Shipwrecked aufgehört hat, einen mit der banalsten Metapher aller Zeiten und miserablen Keyboard-Klängen abzuschrecken. Und gleich daneben sitzt übrigens Small Talk, das Ding mit den quietischigen Billig-Synths, die eine Melodie vortäuschen und Wilsons Stimme so konterkarieren, dass man glauben könnte, es wäre ein verunglückter YouTuber dabei, den Song zu covern.

 

Was übrigens kein Urteil gegen Wilson sein soll, sondern nur gegen seine Rolle als kurzzeitiges Genesis-Mitglied. Er passt hier einfach nicht rein in diese Nicht-Songs, die ihm Banks und Rutherford vor die Füße geworfen haben. Wahrscheinlich würde sowieso niemand hineinpassen, weil einfach die Musik zu unförmig, zu zerrissen und doch viel zu lethargisch ist, um irgendeiner Stimme entgegenarbeiten zu können. Der Stiltskin-Sänger gehört aber auf alle Fälle nicht hierher. Wobei die Sache harmlos und vermeintlich passend anfängt. Der Titeltrack kann mit seinen kratzigen, bluesigen Riffs schon ein bisschen Lust auf mehr machen, auch wenn das übergelagerte, omnipräsente Schwelen der Synthesizer nur wenig Atmosphäre mitbringt. Und auch die tiefe Stimme wirkt da gut eingebettet. Dass von einer wirklichen Melodie weder gesanglich noch instrumental etwas zu spüren ist, kann da ja mal egal sein. Es wirkt passend arrangiert. Beinahe ein Meilenstein auf dieser LP. Trotzdem ist das Problem, dass eine Band, die sich mit der energischen Theatralik eines Peter Gabriel und der hellen, soften Wärme eines Phil Collins arrangieren konnte, nichts mit dem knochigen, wenig farbenfrohen Organ eines erdigen Rockers wie Wilson anfangen kann. Nur ein einziges Mal erkennt man eine Art wirklicher Harmonie zwischen Vocals und instrumentaler Untermalung. Wenig überraschend in einem Track, den Wilson mitgeschrieben hat, wenig überraschend auch in einem Song, der zur Abwechslung auf abgespeckte und wenig synthetische Klänge setzt. Heißt Not About Us und ist vergleichsweise gewöhnliche Pop-Rock-Kost der 90er, immerhin aber harmonisch und mit etwas, das hier sonst vergeblich gesucht wird, nämlich einer erkennbaren Hook.

 

Nicht, dass es so eine unbedingt immer überall sofort braucht. Songs dürfen langatmig sein, sie dürfen sich stilistischen und rhythmischen Veränderungen hingeben und sie müssen sich garantiert nicht dem leicht zugänglichen Pop anbiedern. Sie müssen aber doch entfernt erinnerungswürdige Qualitäten mitbringen und nicht wie in Alien Afternoon einfach so mit zwei komplett unterschiedlichen Parts einen gemeinsamen Song vortäuschen. In Wahrheit beginnt der ja ordentlich, mit überraschenden Reggae-Avancen und klanglich eigentlich dort, wo die Marke Genesis zu "Abacab"-Zeiten angesiedelt war. Aber zum einen spielt der verschrobene Sound wiederum Wilson und seinem bodenständigen Gesang wenig in die Hände, zum anderen gibt es keine Rechtfertigung für fast acht Minuten Länge und das Abdriften in sphärische, fast pastoral anmutende Synth-Wände, die in puncto Inaktivität Walgesängen Konkurrenz machen. Das passt nicht, auf keiner Ebene. Das lässt sich übrigens auch über die merkwürdige Leadsingle Congo sagen, die zwar soundtechnisch mit zum Besten gehört, was Banks und Rutherford zu bieten haben, aber absolut keinen Zusammenhang zwischen Inhalt und dem titelgebenden Refrain herstellt und die coolen, dissonanten Proto-Industrial-Sounds in den Strophen absolut nicht auszunutzen weiß.

Ein Mal, ein einziges verdammtes Mal gelingt dem Trio der unfassbare Meilenstein, dass ein Track sich wirklich einreiht in die Riege starker Genesis-Songs. Natürlich ohne Anstalten zu machen, an die größten Momente der Band heranzukommen. The Dividing Line ist trotzdem stimmig, atmosphärisch und abseits der kitschigen Schnulz-Balladen der einzige Track, bei dem Form und Inhalt harmonisch Hand in Hand gehen. Wunderbarstens eigentlich, wobei selbst die starke Keyboard-Hook und die knochigen Riffs nicht wirklich an den Punkt kommen, wo man ihnen wiederum fast acht Minuten lang zuhören will. Aber soll sein, wenn sich schon irgendwas hier lohnt, soll es wenigstens in einem der längsten Songs sein.

 

Nicht, dass das insgesamt viel ausmachen würde. Was für Alien Afternoon gilt, kann auch als pauschales Statement hergenommen werden: Das passt nicht, auf keiner Ebene. Ein eigentlich ausreichendes Gesamturteil bezüglich eines Albums, dessen Entstehungs- und Jahrzehnte umspannende Vorgeschichte zwar hinreichend erklärt, warum es so miserabel ist, aber trotzdem nicht wirklich darauf vorbereitet. "...Calling All Stations..." ist jämmerlich mies, vielleicht in der Wahrnehmung noch mehr, weil es unter einem durchaus prestigeträchtigen Namen veröffentlicht wurde. Gejubelt hätte aber auch niemand, hätten sich die drei Bananarama genannt und dann das hier präsentiert. Während der Inhalt der LP an sich erklärbar scheint - mangelndes Talent als Songwriter, Texter und Arrangeure ist etwas, das man den beiden musikalisch Hauptverantwortlichen definitiv vorwerfen muss -, ist der mysteriöse Aspekt daran der, wie die Beteiligten einfach so sagen konnten, das ist fertig, das gehört veröffentlicht. Nichts an dem Album legt so einen Schluss nahe, warum also? Vielleicht, weil sie es als Genesis releast haben. Aber auch wenn man es so sehen will, dass die Band eigentlich zu dem Zeitpunkt auf ihr Gerippe reduziert war, waren es mit Tony Banks und Mike Rutherford anscheinend nur mehr die verrissene Bandscheibe und das rechte Schienbein, nicht viel mehr.

 

Anspiel-Tipps:

- Not About Us

- The Dividing Line