Genesis - ...And Then There Were Three

 

...And Then There Were Three

 

Genesis

Veröffentlichungsdatum: 31.03.1978

 

Rating: 6 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 08.05.2019


Ein Trio zwischen nerviger Keyboard-Dominanz, wässrigen Konturen und den musikalischen Welten. 

 

Hach, Genesis. Kaum eine Band hat es einem je so leicht gemacht, ihre musikalischen Auswürfe mit ihrer personellen Geschichte zu verbinden und damit alles ganz logisch erscheinen zu lassen. Natürlich geht das am besten bei einem Album, das schon mit seinem Titel die Reduktion der Band auf ein funktionales Minimum thematisiert. Genau deswegen wird auch nicht weiter auf diesem ausgelutschten Kaugummi herumgekaut und stattdessen ein bisschen über das Keyboard doziert. Eigentlich ist das ja ein Meilenstein für die musikalischen Instrumente, wie es sonst wenige waren, was allein schon darin begründet liegt, dass das Klavier mit das erste Instrument war, dem man mit dem Strom zu Leibe gerückt ist. Insofern darf man sich vor der weitläufigen Wirkung des Keyboards durchaus verneigen, auch wenn es erst in den 70ern eine wirklich große Rolle in der Musikwelt einzunehmen begonnen hat. Dann aber dafür auch in einer Vielfalt, wie man es eigentlich von nichts sonst kennt. Das bedingt allerdings auch, dass von Anbeginn gewisse Leute diesem Ding Töne entlockt haben, die mehr Fragen als Antworten liefern. Womit unter anderem auch Tony Banks gemeint ist und damit der Bogen zu "...And Then There Were Three" gespannt wäre.

 

Es ist nämlich so, dass viele erst zum unrühmlichen Abschluss, "...Calling All Stations...", begonnen haben, auf ihm und seinen eigenwilligen Soundentscheidungen herumzuhacken, er aber eigentlich seine Keyboards immer schon auf Art verwendet hat, die Schwierigkeiten mit sich gebracht hat. Vielleicht auch schlicht auf kreative Art, die erste LP, die Genesis als Trio zusammengebracht haben, verdeutlicht aber, dass kreativ nicht unbedingt sonderlich hörenswert sein muss. Denn während Banks den größten songwriterischen Beitrag zum Album geleistet hat, ist er auch auf instrumentaler Ebene die Dominanz in Person und das hilft nicht immer. Begründet liegt all das natürlich darin, dass nach dem Abgang von Steve Hackett eigentlich kein Gitarrist mehr da war, weil Mike Rutherford nur die Schmalspurversion eines solchen ist und entsprechend zurückhaltend in Erscheinung tritt. Und sonst sind da nur mehr Collins' Drums, die Banks irgendwie das Rampenlicht streitig machen könnten, es aber viel eher unterstützend verstärken. Blöderweise klingt Banks' Arbeit an vorderster Front meistens schleppend und verfängt sich in träger, hymnischer Übersteigerung, die pastoralen Orgelcharme mitbringt, oder aber schrillem, eine Hook imitierendem elektronischem Krächzen. Und es bleibt über den Albumverlauf hinweg unerklärlich, warum das und die in ähnliche Sphären verzerrten Riffs den musikalischen Kern der Tracklist ausmachen, wenn nicht gerade minimalistisch mit Klavierunterstützung musiziert wird.

 

Bemerkenswert ist allerdings, dass das die LP nicht in den Abgrund reißt. Nimmt man sich die bescheidene erste Hälfte zur Brust, schaut es zwar zeitweise danach aus, selbst dort ist aber eigentlich eher eine biedere Fadesse der Schwerpunkt des Schaffens. Genesis klingen nicht unharmonisch, aber im übersteigerten Pathos gefangen und das eigentlich nur in Down And Out auf einigermaßen dynamische und energische Art, sodass zumindest der Opener auch dank eines kantigen Riffs überlebt. Wirklich rettend eingreifen kann das Trio da aber nur mit Ballad Of Big, dessen Tempo- und Stimmungswechsel reibungslos und punktgenau zum richtigen Zeitpunkt kommen, in dem auch Collins albumumspannend am besten in die Musik eingebettet ist. Es ist auch der beste Versuch, Rutherfords minimalistische Beiträge an der Gitarre und seine wenig abenteuerlichen Basslines einzubauen, sodass sie tatsächlich die Szenerie bereichern und nicht nur nebenher mitlaufen. Dadurch ist auch Banks nicht unvorteilhaft dominant und darf sich sogar ein paar schrillere Momente erlauben, genauso wie der eine oder andere verunstaltete Riff zum Songende nicht wahnsinnig stört.

 

Doch überzeugen kann die Band eher in Hälfte zwei, auch wenn einem dort schmerzlich bewusst wird, wie weit der Weg vom hier Gebotenen zu erstklassigem Material ist. Die LP ist auch dort zu lethargisch und stilistisch wie inhaltlich zu vage und richtungslos, um einen nachhaltig zu überzeugen. Unterhalten können einen Collins & Co. allerdings durchaus, was einem in Scenes From A Night's Dream am deutlichsten gemacht wird. Eigentlich schade, dass niemandem aufgefallen ist, wie belebend es wirkt, wenn sich Rutherford ein bisschen austobt und seine Gitarre in die Welt des Jangle Pop entführt, darunter ein galoppierender Beat antreibt und Banks einfach mal nicht omnipräsent ist.

Tatsächlich kann man sich aber mit allem, ausgenommen dem komplett unauffälligen Say It's Alright, Joe, anfreunden, was das Trio zum Albumende hin anbietet. Selbst explizit dem Pop zugewandte Songs wie der abschließende Hit Follow You Follow Me oder die großartig anklingende, allerdings zunehemend in schmalzigen Soundwänden versinkende Ballade Many Too Many tun sich durchaus positiv hervor. Das liegt möglicherweise bei ersterem nur an der relativ leichten Verdaulichkeit und bei zweiterem auch nur daran, dass man den emotionalen Gehalt des Songs als konkret genug wahrnimmt, um ihn deuten zu können. Aber in Kombination mit der versierten, wenn auch stilistisch nicht einwandfreien Ausgestaltung beider Tracks ist das schon nichts Schlechtes. Selbiges gilt auch für The Lady Lies, auch wenn nichts hier so sehr nach verschenktem Potenzial schreit wie diese sechs Minuten. Denn der Song ist ein strukturelles Abenteuer, eine Komposition mit so manchem geschickten Winkelzug, wobei keiner davon ideal zur Geltung käme in der aufgeblasenen und auf Banks fokussierten Produktion, die als einprägsamen Höhepunkt nur die Synthesizer-Ausbrüche in der ersten Hälfte des Tracks zulassen. Ändert nichts daran, dass das Schauspiel trotz seiner Länge zu den kurzweiligsten des Albums zählt.

 

Was uns allerdings natürlich der Erkenntnis näher bringt, dass "...And Then There Were Three" nicht zwingend ein Hörgenuss ist. Dafür ist einerseits der bankszentrische Sound verantwortlich, damit verbunden natürlich auch eine musikalische Theatralik, die die Grenzen des guten Geschmacks zeitweise überschreitet. Andererseits gehen einem fast überall die Konturen ab, musikalisch wie textlich, wobei letzteres einigermaßen schwer zu beurteilen ist, weil die Lyrics einen nicht unbedingt dazu drängen, ihnen aufmerksam zu folgen. Dieses latente Desinteresse, das das Album in einem weckt, wird allerdings durch dadurch konterkariert, dass man immer wieder, oft genug im richtigen Moment, mit positiven Eindrücken der Lethargie entflieht und dann vielleicht gleich zu einem mehrminütigen, abwechslungsreichen Ritt durch diese merkwürdige Zwischenwelt zwischen Prog Rock und Synth Pop ansetzt. Hätte ruhig öfter passieren dürfen, denn so bleibt einem eine LP, die schwer zu mögen ist, deren Qualitäten aber gleichzeitig nicht mager genug sind, als dass man sie unter den Teppich kehren könnte. Auf alle Fälle scheint das Trio noch nicht ganz herausgefunden zu haben, wie man die neue Bandkonstellation umsetzen kann und soll, weswegen man sich an der eigenen Vergangenheit festhält, ohne die wirklich reproduzieren zu wollen, was wiederum in überschaubarer Begeisterung beim Zuhören mündet.