Falco - Verdammt Wir Leben Noch

 

Verdammt Wir Leben Noch

 

Falco

Veröffentlichungsdatum: 18.10.1999

 

Rating: 4.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 14.07.2018


Resteverwertung wider den künstlerischen Perfektionismus.

 

Posthume Veröffentlichungen im Compilation-Sektor sind beinahe immer irgendwie für den nächsten Misthaufen am besten geeignet. Es gibt ganz wenige, die in ihrer Karriere genug und gut genug aufgenommen haben, dass manchmal sogar nach Jahrzehnten noch brauchbare Songs auf Albumformat zusammengesammelt werden. Aber das ist eine elitäre Gruppe künstlerischer Legenden und sogar bei denen scheiden sich die Geister, ob denn wirklich die zehnte LP mit Outtakes auch noch angehört werden muss. Die überwiegende Mehrheit versandet aber sowieso in diesem finsteren Tal der Unnötigkeit, wo noch ein halbes Dutzend Produzenten, die mehr oder weniger als Weggefährten durchgehen, Hand anlegen müssen, um die Tracks irgendwo als fertige Songs dastehen zu lassen. Das ist nicht so schlimm wie der Gipfel künstlerischer Ausschlachtung "Montage Of Heck", aber es nervt trotzdem gewaltig. Falco ist nun hierzulande wichtig genug, dass man sich seines Vermächtnisses in Goldgräbermanier bedient und sogar ein Jahr nach seinem Tod kommt nur etwas so mäßiges wie "Verdammt Wir Leben Noch" heraus.

 

Das mutet etwas merkwürdig an im Lichte der kreativen Schwierigkeiten, in die Falco mit Ende der 80er geraten ist und aus denen er eigentlich nie mehr so ganz herausgefunden hat. Man würde meinen, da waren genug Unsicherheit und verworfene Songideen, um einen Haufen potenziell starker Songs in Schubladen verschwinden zu lassen. Ein Fehlurteil kann das natürlich insofern sein, als dass niemand so genau weiß, wann denn welche Idee verworfen und für eine andere geopfert wurde. Es dürfte im Falle Falcos relativ früh im kreativen Prozess gewesen sein, weswegen da in diesem dreckigen Dutzend wenig zu finden ist, was einen abgeschlossenen Eindruck macht oder tatsächlich Falcos Handschrift trägt. Findet man die und gleichzeitig noch einen kompletten Song, läuft die Sache durchaus rund. Der Titeltrack offenbart in dieser Hinsicht altbekannte Qualitäten, ist klassischer Synth-Pop des Falken und trotz einer relativen Schwachbrüstigkeit dort, wo sonst die coole Socke am Mikro war, einer der gelungensten Ohrwürmer aus seiner Feder und in Wirklichkeit zu Unrecht von "Out Of The Dark (Into The Light)" verbanntes Liedgut.

 

Es ist allerdings so ziemlich der einzige Volltreffer, was auch damit zusammenhängt, dass die Quelle für das Material des Albums hauptsächlich die verunglückten ersten Aufnahmen für "Wiener Blut" und die stilistische Selbstfindung der 90er sind. Das bedeutet einen holprigen Ritt, der inhaltlich zumeist höchst mager ist und musikalisch zwar in altbekannter Form erratisch wirkt, allerdings nicht auf die vitale, erfinderische Art. Abgesehen davon, dass man schon hochoffiziell drei Tracks vorgesetzt bekommt, die musikalisch zur Gänze vom niederländischen Produzenten-Gespann Bolland/Bolland erdacht wurden, auch der große Rest ist ein Amalgam aus Versatzstücken des österreichischen Popstars und diverser Produzentenmangelleistungen. Das Bolland-Schauspiel hat immerhin den Vorteil, dass man ihm die veralteten, aber anheimelnden 80er-Tricks der Brüder anmerkt und deswegen dieser synthetische, zwischen New Wave, Funk und Hip-Hop schwimmende Soundteppich wartet. Der klingt immerhin mit genug Feinheiten und Liebe zum Detail zusammengebastelt, dass man Fascinating Man oder From The North To The South ganz gern als nettes Fillermaterial mitnimmt. Ok, im Fall von We Live For The Night ist es dann doch purer, kaum verdaulicher Kitsch, aber daraus ergibt sich immer noch eine Zweidrittelmehrheit für ordentliches Material.

 

Schlimmer ist da schon das schmalzige, Ende der 80er von Mende und DeRouge kreierte Poison, das die ganze Schwäche des schwerfälligen Synth-Rock von "Wiener Blut" symbolisiert. Da regiert eigentlich die gleiche Überproduktion wie bei den Bollands, nur dass nichts an Bewegung oder charakterlicher Stärke Falcos zu entdecken wäre. Da bleibt ähnlich wenig an Genussmaterial wie bei Ecce Machina oder Europa über. Das ist einfach alles eine so unbequeme Mischung aus der klassischen, aus dem Synth-Jahrzehnt übrig gebliebenen Glätte und Unnatürlichkeit in der Produktion und einem gleichzeitig wahnsinnig unfertigen und facettenlosen Arrangements. Kein Bekenntnis zur europäischen Gemeinschaftlichkeit, so gut es mitunter auch getextet ist, kann komplett abfedern, wie lähmend träge der Song musikalisch und mit seinen faden "Na Na Nas" im gesamten Refrain ist. Und bei Ecce Machina ist dann gleich gar nichts zum Abfangen da.

 

Ein bisschen Ausgleich wird trotzdem geschaffen, wenn auch relativ magerer. Krise ist als letzter Song, den Falco zu Lebzeiten aufgenommen hat, ein starkes Beispiel für seine Neuerfindung in der harten Elektronik der späten 90er. Um den stampfenden Beat versammeln sich pulsierende, teils chaotisch anmutende Samples, Loops und Synth-Bausteine, die vom unmelodischen, kantigen Sprechgesang stark akzentuiert werden. Dass sich das mit dem lahmen weiblichen Gesang im Refrain spießt, versteht sich fast von selbst, macht aber relativ wenig. Auch da bleibt nur eine Frage, nämlich wie das nicht auf der letzten wirklichen Studio-LP landen konnte. Dort weniger bereichernd, hier aber erfrischend hyperaktiv wirkt Qué Pasa Hombre, das ein textlich nichtiges Latin-Allerlei darstellt und sich als Mixtur von Salsa-Rhythmen, Falcos vordergründig so gar nicht dazu passendem Rap und vor allem den immer wieder eingeschmissenen Textbits im Hintergrund extrem dynamisch gibt.

 

Und das ist so eine Antithese zu der Gesamtheit von "Verdammt Wir Leben Noch", inklusive seiner zwei verzichtbaren Remixes zum Schluss, dass man es gar nicht einmal als Marschrichtung für das Album vorschlagen will. Es wäre sowieso anstrengend, so etwas zwölfmal zu hören zu bekommen. Mehr Leben hätte trotzdem nicht geschadet, mehr Falco in dem Ganzen auch nicht. Es dürfte wirklich wenig Verwertbares übrig geblieben sein, weswegen man ein paar Fragmente dessen bekommt, was vom Österreicher abseits seiner Alben sonst noch so gezimmert wurde, meistens aber mit so viel nachträglichem Nachhelfen anderer verbunden, dass man einen klanglichen Nullsummen-Mischmasch herausbekommt. Manchmal noch mit genug Richtung oder aber schlicht und einfach naturbelassen Falco genug, um einen gewinnenden Charme zu entwickeln, meistens ist es aber Schadensbegrenzung auf Produzentenseite, um aus sehr wenig Material noch irgendwas Hörbares zu machen. Gelingt meistens, braucht aber kein Mensch.