Falco - Nachtflug

 

Nachtflug

 

Falco

Veröffentlichungsdatum: 25.09.1992

 

Rating: 7 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 23.09.2017


Mit alten Mitteln und dem angriffigen Schein von Selbstvertrauen zurück in lichte Höhen.

 

So ganz sicher ist es in meinen Augen nicht, ob sich Falco wirklich beleidigt gefühlt hätte, hätte man ihn schlicht und einfach als Pop-Musiker bezeichnet. Er war ohne jeden Zweifel vor allem das, aber im Selbstverständnis manches Musikers gereicht der Terminus Pop nicht der künstlerischen Leistung, die sie erbringen. Und bei Falco besteht keine Chance auf ein eindeutiges Urteil zur Frage, ob ihm die Würdigung seiner Arbeit als künstlerisch wertvoll wirklich so wahnsinnig wichtig war, dass er darüber eine emotionslose musikalische Einordnung nicht hinnehmen hätte können. Bezeichnend ist allerdings, dass Hans Hölzels Alter Ego ausgerechnet daran zerbrochen ist, dass er in den USA an der Chartspitze war. Wiederholung dessen war ausgeschlossen und so ging es bergab. Aber eben aus eigentlich so trivialen Gründen, nicht etwa wie bei Brian Wilson wegen einer nicht zu meisternden musikalischen Vision und Illusion. Der schnöde kommerzielle Erfolg war Nährboden der Legende und der Anfang seines Endes zugleich. Womit man sich wohl darauf einigen könnte, dass Falco vielleicht nicht gern Pop-Musiker, wohl aber sehr, sehr gerne Pop-Star war. Und da kommt auch der "Nachtflug" ins Spiel.

 

Denn die immerhin doch schon siebente LP des Falken war der ultimative Schrei nach Aufmerksamkeit, nachdem ihn der Abschied von den Gebrüdern Bolland und das zeitweise Versinken in gefühlsschwangerem Schmuse-Pop hier, in bemitleidenswert effektfreiem Retro-trifft-Zukunft-Elektronikschmarr'n dort ins öffentliche Nirgendwo befördert haben. International zumindest, in Österreich war der Status des ewigen Weltstars immer noch sicher. Trotzdem brauchte es die Bollands, damit aus Falco wieder Falco werden konnte. Die kreativen Spannungen waren wohl eher nicht ausgeräumt, aber Zweckehen sind zeitlich begrenzt und sollen von A (hier die Erfolglosigkeit) nach B (hier das Erfolgscomeback) führen, mehr ist nicht nötig. Weder die niederländischen Produzenten noch der österreichische Exzentriker waren dabei wirklich auf Neuerfindungen aus, weswegen schon die Leadsingle Titanic nach einem puren Wiedererstarken klingt. Das allerdings auf die beste erdenkliche Weise, mit der an Junge Roemer oder Wiener Blut so nahtlos angeschlossen wird, dass Großes erhofft werden darf. Titanic kennt zwar keinen ultracoolen Funk, auch keinen genialen Rock-Riff, dafür aber im Gegensatz dazu die unwiderstehliche Kombination erhärteter elektronischer Hip-Hop-Anleihen und der das Klassische imitierenden Synth-Hook. Das ist ziemlich genial und es beschert einem vor allem einen Falco, der plötzlich den Esprit, die Energie und seine ureigene Arroganz fast vergessener Tage wiederentdeckt.

 

Was die fast vergessenen Tage kaum einmal geboten haben, war konstant hohe Qualität. "Nachtflug" bemüht sich allerdings redlichst darum, geht wahrscheinlich deswegen auch wirklich wenige musikalische Risiken ein. Eigentlich ließe sich das Schauspiel, das in Dance Mephisto seinen aggressiven, in Yah-Vibration seinen exotischen Höhepunkt erreicht, als eine Art gestählter New Wave beschreiben. Nach Bolland'schem Pop-Verständnis dürfen die Synth-Wände und knackigen Beats nirgendwo fehlen, nur produzieren die beiden hier nur selten mit dem an Soul, Funk und Post-Punk angelehnten Drall, der einem Album wie "Falco 3" zu eigen war. Selbst das verhältnismäßig geschmeidige Monarchy Now ist von knöchernen, trockenen Beats und latenter, in jedem Keyboard-Akkord spürbaren Ruhelosigkeit gekennzeichnet. Es fehlt mitunter nicht gar viel und man würde dem Album eine Nähe zum Industrial bescheinigen, gerade Dance Mephisto spielt sich da mit abgehackt-brachialen Soundkombinationen und einer stampfenden Unmelodik, die Rammstein vorwegnimmt.

 

Der Kern des Ganzen: Es funktioniert. "Nachtflug" ist rundum revitalisierend für eine damals bestenfalls als im Leerlauf zu definierende Karriere. Der Drive, den Skandal und insbesondere das mit Latin-Charme antanzende Propaganda mitbringen, zwingt Falco schon fast dazu, sich zur Abwechslung von seiner besten, seiner charakterstärksten und seiner rappenden Seite zu zeigen. Die textliche Trefferquote kann da nicht so ganz mit, zumindest erkennt man die einfachen Strickmuster der LP auch in so manchen Zeilen wieder. Nichtsdestoweniger verlangen einem der unglückliche Golftrip nach Jamaika in Yah-Vibration oder das plötzliche Faible fürs Royale, das Monarchy Now ausmacht, genauso ein ordentliches Schmunzeln ab, wie sich Titanic als treffsicherste Mischung aus pointierter Gesellschaftskritik und einer coolen Arroganz, die fast nur dem untergangsaffinen Nihilismus entspringen kann, seit dem Titeltrack von "Wiener Blut" präsentiert. Apropos Titeltrack, Falco und das atmosphärisch-gefühlvolle Liedgut treffen jetzt nicht wahnsinnig oft aufeinander, der finale Nachtflug dieses Albums kann aber mit einer Art lockerem Synth-Blues den emotionalen Abschluss bereiten, den sonst eigentlich nichts in der Diskographie des Falken kennt.

 

Das ist auch gut so, denn direkt davor kommt mit Cadillac Hotel einer der womöglich drei schlechtesten Songs in Hölzels reichhaltigem und durchaus wechselhaftem Fundus. Zumindest ihm selbst merkt man das Bemühen an, aus dem Track ein stimmungsvolles Stück zu machen. Nur sind die komplett wirkungslosen Refraingesänge der Background-Damen, vor allem aber die dem puren Schmalz verpflichtete Soundkulisse alles andere als hilfreich dabei und machen das Ding zu einer wirklich bösartigen Katastrophe. Im Verbund mit dem in Endlosschleife vermuteten Refrain des ohnehin sehr mäßigen Time garantiert das immerhin, dass nicht entgegen aller Erwartungen eine Falco-LP zu einer rundum starken Tracklist kommt und vielleicht gar "Falco 3" als sein stärkstes Werk entthront wird.

 

Das hat seine Vorteile, so bleiben die Proportionen gewahrt. Innerhalb dieser ist "Nachtflug" die vitalste und beste Arbeit, die dem Falken seit einiger Zeit ausgekommen ist. Dass das den Bollands zu verdanken ist, wäre womöglich ungerecht gegenüber dem Mann am Mikro, aber der Konnex zwischen ihrer Beteiligung und der Qualität seiner Alben ist ohne Zweifel sichtbar. Mit den Niederländern und also einem neuen paar Flügel, das eigentlich ausschaut wie das alte, nur ein bisschen härter, ein bisschen angriffiger, ein bisschen direkter und auch monotoner, fliegt es sich gleich wieder sehr ordentlich. Eigentlich genug, um ein veritables Falco-Revival Anfang der 90er möglich zu machen. Dass es dazu nicht gekommen ist, liegt wohl an der Vergänglichkeit des 80er-Synth-Sounds, dem der heimische Star trotz allem verpflichtet war. Diesem Hindernis entkommt auch er nicht, aber immerhin liefert er eine starke Show ab. Er bleibt damit übrigens immer noch im Pop sitzen. Ob ihm das gefällt oder nicht, ist doch mir wurscht.

 

Anspiel-Tipps:

Titanic

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