Emmylou Harris - Roses In The Snow

 

Roses In The Snow

 

Emmylou Harris

Veröffentlichungsdatum: ??.05.1980

 

Rating: 9 / 10

von Mathias Haden, 19.06.2016


Anachronistisches Meisterwerk im Zeitalter des "Urban Cowboy"-Craze.

 

Wenn ich darüber sinniere, was ich in meinen dreiundzwanzig Jahren denn so gelernt habe, drängt sich mir rasch ein besonderer Gedanke auf: Traue niemals einem Film mit John Travolta! Dass dieser nun 1977 oder 1994 aktiv daran beteiligt war, die Leute mit krassen Moves und fragwürdigem Wortwitz in jeweils neue Ären zu geleiten, oder 2007 das Älterwerden fast schon cool machte, darüber kann man ja noch locker hinwegsehen. Sich aber beinahe im Alleingang der Country-Musik zu entledigen, ist aber nicht so einfach zu verzeihen. Als sich Emmylou Harris im Jahr 1979 in Nashville ans Werk machte, ihren eigenen Horizont, der sie von Folk über Country-Rock zu traditionellem Country führte, zu erweitern und tiefer in die Geschichte des Genres einzudringen, war das Genre nämlich kurz davor, ein neues Level der Belanglosigkeit zu erreichen. Während im Jahr darauf der Film "Urban Cowboy" erschien, dem Country Hand in Hand mit seinem glatten, Pop-orientierten Soundtrack eine ungekannte Nähe zum Formatradiomainstream auf den Weg mitgab und so salonfähig machte, war Harris gerade dabei, ihre Vorliebe für Bluegrass auf 33 Runden per Minute in die Läden zu bringen. Roses In The Snow sollte letztlich der Titel dieser einmaligen Hommage werden und damit auch dreißig ihrer schönsten, auf Vinyl gebannten Minuten bedeuten.

 

Zum einen liegt das natürlich daran, dass Harris zu jener Zeit nach wie vor einige der besten Musiker zur Seite standen, die man in der Hauptstadt Tennessees hätte aufgabeln können. Obwohl ihrer Hot Band mit James Burton, Glen D. Hardin und Rodney Crowell erst seine wohl namhaftesten Mitglieder abhanden gekommen waren, verfügte sie u.a. mit Gitarrist Albert Lee, ihrem Noch-Ehemann, Multiinstrumentalisten und Produzenten Brian Ahern und dem aufstrebenden Ricky Skaggs weiterhin über eine verdammt schlagfertige Truppe. Besonders Letztgenannter, dem auf Roses In The Snow die Rolle als fähiger Duettpartner zukommt, versteht es, die gebotene Bühne zu seinen Gunsten zu nutzen. Nicht umsonst sticht Darkest Hour Is Just Before Dawn als bester Cut der LP heraus. Wie ein sanfter Frühlingswind säuseln die beiden himmlischen Stimmen zu den irdischen Klängen von Mandoline, Fiddle und einem zarten Bass. So anachronistisch Country-Musik in diesem entschlackten Bluegrass-Gewand um die Wende zu den 80ern auch ausfallen konnte, so sehr bringen die herrlichen Arrangements um den Verstand, so sehr haben die beiden Gesangsorgane schmachtende Gefühle zur Wirkung. Diese sind ohnedies wenig überraschend die mächtigsten Waffen, die das Album zu bieten hat. Hört man Stücke wie Green Pastures, auf dem Harris' und Skaggs' (gemeinsam mit Dolly Parton im Hintergrund) Stimmen zu einem engelsgleichen Gesang verschmelzen oder Gold Watch And Chain, bei dem dasselbe mit Linda Ronstadts Zutun geschieht, versteht man schon bald die ungeheuren Vorzüge der - mind my words - größten Sängerin aller Zeiten. Ganz abgesehen davon, dass Harris seit Gram Parsons nie wieder so gut mit einem männlichen Duettpartner harmoniert hatte und dies auch in weiterer Folge nicht mehr würde - ohne damit die Güte irgendwelcher anderen in Frage kommender Kollaborationen schmälern zu wollen.

 

Was hinzu kommt ist freilich, dass die Sängerin, bekanntlich nicht als nimmermüde Songwriterin bekannt, von 1975 bis 1980 einen Lauf hatte, was die Selektion ihrer interpretierten Songs anbelangt. So finden sich neben traditionellen Standards wie Wayfaring Stranger oder Jordan (mit überraschendem, aber passendem Gastspiel von Johnny Cash), die Harris ganz im Sinne ihrer Vorlagen beherzt vertont, auch Paul Simons The Boxer, der mit seinem Kollegen Garfunkel zum Hit wurde. Hätte man dem Song fast gar nicht zugetraut, dass der zwischen Autoharp, Banjo und 12-String-Guitar so aufgehen kann. Ausfälle sucht man hier sowieso vergeblich, am ehesten könnte man noch dem etwas zu kraftvoll vorgetragenen Country-Waltz I'll Go Stepping Too oder dem etwas zu reduzierten Schmachtstück Miss The Mississippi And You den göttlichen Status abzusprechen versuchen - ohne Gewähr jedenfalls. Viel mehr muss man zu Roses In The Snow dann auch gar nicht mehr sagen. Die Arrangements sind formidabel, Harris am Höhepunkt ihres Schaffens und die Band spielt trotz vorangegangener Umstellungen herzzerreißend. Und weil auch die Songauswahl keine Wünsche übrig lässt, ist der Longplayer neben Luxury Liner das Must-Have für jede ernstzunehmende Sammlung. Warum ihre Alben - abgesehen von ordentlichen Ratings beim fast schon essenziellen Allmusic Guide - dennoch praktisch immer durch den Raster fallen und keine Listen bereichern, bleibt mir indes ein vorerst ungeklärtes Mysterium, an dem ich weiter zu knabbern habe. In diesem Sinne: travel safe, enjoy your meal and all that bluegrass! Ach ja, der Film ("Urban Cowboy") ist übrigens auch sehr okay.