Emmylou Harris - Brand New Dance

 

Brand New Dance

 

Emmylou Harris

Veröffentlichungsdatum: 16.10.1990

 

Rating: 6.5 / 10

von Mathias Haden, 16.04.2015


Starker Auftakt und Ende können über die akkumulierte Sicherheit einer langen Karriere noch hinwegtäuschen.

 

Das Jahr 1990. Grunge steht unmittelbar vor seiner Explosion, Deutschland feiert seine Wiedervereinigung und im Fußball holt sich Argentinien den WM-Pokal, während Österreich nur durch eine peinliche Niederlage gegen die Färöer auf sich aufmerksam macht. Währenddessen, im tiefsten Westen - genaugenommen in Nashville -, nimmt eine der ganz großen Damen des Country ihr sechzehntes Studioalbum auf, um sich nach zuletzt schwächelnden kommerziellen Erfolgen auch in der neuen Dekade wieder zu etablieren. Brand New Dance heißt das gute Stück, auf dem Emmylou Harris im Stile der Zigeunerin Esmeralda vom 'Glöckner von Notre Dame' abgebildet ist.

Der Plan ging allerdings nicht auf, weder die LP, noch die dazugehörigen Singles konnten sich verkaufen und bildeten nur die nächste Ebene der kommerziellen Talfahrt, die erst im kommenden Jahrtausend enden sollte. Zudem hatte die Sängerin ihren Kredit bei den Kritikern verspielt, denn zur Zeit der Veröffentlichung wurde das Album nicht nur zum finanziellen Flop erklärt.

 

Immerhin kann man sich sicher sein, dass bei Harris in jeder Phase dort Qualität geboten wird, wo ihr Name draufsteht, wenn auch nicht immer über die gesamte Spieldauer. So ist sie auch einige Jahre nach ihrer besten Ära noch bei bester Stimme, hat wieder einen Haufen an schönen Songvorlagen mitgebracht und wie so oft das richtige Personal am Start. Mit Wheels Of Love beginnt das Schauspiel auch wie man es bereits kennt, mit einer hübschen, schwungvollen Ballade, die bereits nach wenigen Augenblicken jegliche Zweifel an Harris' stimmlichen Qualitäten in ihrem bereits dritten Jahrzehnt im Keim erstickt. Neben dem reibungslosen Arrangement, welches dem tadellos homogenen Zusammenspiel der Studiomusiker entgegenkommt, sind es beim Opener besonders seine schwebenden Harmoniegesänge, die der LP einen Auftakt nach Maß bescheren. In der Folge bleibt die Gangart eine eher gemächlichere. Was auffällt: Im Gegensatz zu den vorangegangenen Alben der Country-Queen aus Alabama verzichtet die Protagonistin hier komplett auf den obligatorischen Quoten-Rocker der Marke Amarillo oder (You Never Can Tell) C'est La Vie. Stattdessen bleibt die Stimmung entspannt, mit der einen oder anderen melancholischen Note. Das Springsteen-Cover Tougher Than The Rest sticht das ordentliche Original aus, ersetzt den stark synthetischen Sound mit country-esker Instrumentierung; ohne aber seinen rockigen Charakter einzubüßen.

 

Im Mittelteil flacht das Geschehen ab, auch ohne das Tempo weiter zu drosseln. Obwohl Harris weit davon entfernt ist, irgendwo ins Schlechte abzudriften, haben die hier aufgereihten Nummern zwischen Liebe und Herzschmerz, die mit einem dezent rockenden Unterton ein kleines bisschen in Richtung Mainstream schielen, kaum bemerkenswerte Momente vorzuweisen. Als wirklich langatmig entpuppt sich lediglich der wehmütige Fünfminüter Better Off Without You, der mit seinem wenig erquickenden Gitarrensound nicht gerade Wände einreißt. Überhaupt wirkt gerade diese Passage mit Nummern wie In His World oder Easy For You To Say wie eine klassische Routineübung, ohne Risiko und rechte Inspiration. Auch nach etlichen Jahren als professionelle Musikerin darf man sich hier schon etwas mehr erwarten, als diese zwar schön vorgetragene, aber wenig druckvoll und motiviert klingende Mischung aus gefühlvollen Stücken.

 

Letztlich fängt sich die LP ja auch wieder, gerade die letzten drei Tracks versöhnen für das vergleichsweise überwiegend mühevolle Hörerlebnis im zweiten Drittel. Den Rock 'n' Roll-Klassiker Never Be Anyone Else But You macht sich die Protagonistin mit einer hingebungsvollen Performance zu eigen, während auf dem knackig kurzen Stück auch die Begleitmusiker und Harmoniepartner nicht viel falsch machen. Der von Paul Kennerley verfasste Titeltrack lässt ebenfalls nichts anbrennen, punktet womöglich mehr als der Rest auf Brand New Dance mit Harris' starken Vocals und bringt mit einem kurzen Akkordeon-Intermezzo noch etwas Abwechslung knapp vor dem Ende. Apropos Schlusspunkt: den setzt der wundervoll vorgetragene Lovesong Red Red Rose in tadelloser Manier, vereint noch einmal Melancholie mit flammender Liebe und sorgt dafür, dass auch noch lieblich sanfte Mandolinenklänge zum Ausdruck kommen: "This love of ours is no common flower / You know this love is like a red, red rose...".

 

Während sich Sinéad O' Connor und Madonna um den erfolgreichsten Hit des Jahres raufen, arbeitet Emmylou Harris mal wieder an einem brandneuen Tanz und einem soliden Schritt in ein neues Jahrzehnt, das für sie noch so manche Überraschung und Umschwung bereithalten sollte. Auf ihrer sechzehnten Studio-LP ist die Zeit der großen Neuorientierung jedenfalls noch nicht gekommen; auf den zehn tempomäßig nicht gerade abwechslungsreichen Tracks hat sich so etwas wie Sicherheit und abflachende Inspiration eingenistet, die bei knapp zwanzig LPs in ebenso vielen Jahren natürlich nicht von ungefähr kommt. Die Performance der Country-Chanteuse und ihrer Crew ist souverän wie immer, nur ab und an etwas matt und unspannend. Dennoch hat Harris auch in schwierigeren Zeiten wie diesen genügend Erfahrung und Talent, um stets für die eine oder andere Glanztat gut zu sein. Dank diesen, die sich anfangs und gegen Ende vermehrt ausmachen lassen, bleibt uns eine LP, die für Fans freilich essenziell, für den Einstieg und/oder Country-Muffeln indes ungeeignet scheint.