Emmylou Harris - All I Intended To Be

 

All I Intended To Be

 

Emmylou Harris

Veröffentlichungsdatum: 10.06.2008

 

Rating: 7.5 / 10

von Mathias Haden, 04.05.2017


Schönes Spätwerk als vorläufige und teilweise Rückkehr zu den Wurzeln.

 

Der würdevolle Alterungsprozess, er ist nur den wenigsten Musikern gegönnt. Zumindest denen, die über mehrere Jahrzehnte tätig waren. Logisch, wie könnte es auch anders sein. Während die Klugen rechtzeitig w.o. gaben, die Gepeinigten rasch verglühten und die Unersättlichen dem Teufel nicht nur Seele, sondern einigermaßen kritische Wahrnehmungsfähigkeit geopfert haben, bleibt da nur noch Emmylou Harris. Nicht, dass der US-Amerikanerin im Lauf ihrer mittlerweile sechs Dekaden umfassenden Karriere keine mäßigen Platten und fragwürdigen Entscheidungen entwischt wären. Doch ist mangelnde Unfehlbarkeit auf einer langen Reise weit erträglicher, denn ganze Perioden unsäglicher Inspirationslosigkeit. Waren es bei unzähligen, heute als Klassiker verehrten Bands die 80er, die mit ihren eigenwilligen Sound- und Produktionskaprizen Sand ins irreparable Getriebe brachten, die 90er für Springsteen oder für nicht wenige die 00er für R.E.M., so stehen für die beste Sängerin des letzten Jahrhunderts die 60er als schwächste Dekade. Und das wohl nur, weil Harris hier lediglich ein eigenartig zustande gekommenes Debüt veröffentlichte, das ihre Karriere vorerst auf Eis legen sollte.

 

Chris Hillman und Gram Parsons ist es bekanntlich zu verdanken, dass es dabei nicht blieb und damit eines der lohnendsten musikalischen Gesamtwerke entstehen konnte. Eines, in dem auch All Intended To Be eine übergeordnete Rolle spielt. Dieses 25. Soloalbum, das fast vierzig Jahre nach dem missglückten Debüt Gliding Bird veröffentlicht wurde und die große Kunst einer Ausnahmekünstlerin ein vermutlich letztes Mal in diesem Ausmaß hochleben ließ. Denn Harris ist hier trotz einem Alter von über 60 bestens bei Stimme und hat wie schon im vorangegangen Verlauf der Dekade einiges an eigenem Songmaterial beigesteuert. Etwa die Hommage an das legendäre Carter-Paar Sara und A.P., die sie mit den beinahe so legendären McGarrigle-Schwestern schrieb und hier gemeinsam vertont, zwischen deren gefühlvollem Gesang, 12-String-Guitar und Banjo sie sich mit fragil brüchiger Stimme durchmanövriert. Oder die andere der beiden Kompositionen mit den beiden, Sailing Through The Room, das sich trotz seinem atmosphärisch dichten Klangkonzept höchst filigran voran bewegt. Oder auch das reuevolle Gold ("But no matter how I glittered, baby,
I could never be gold"
), das immerhin auch Dolly Parton für ein Comeback als Harmoniepartnerin gewinnen konnte.

 

Der große Trumpf der Platte ist zweifelsohne Harris' Gesang, der praktisch nichts von seiner Anmut eingebüßt zu haben scheint. So klingt sie trotz aller Verletzlichkeit, die in ihrer Stimme mitschwingt, wie eine Frau, die alles miterlebt hat, die nichts mehr aus dem Konzept bringen kann. Das funktioniert allerdings nicht zuletzt so effektvoll, weil die beteiligten Musiker der Sängerin den passenden Rahmen liefern, besonders auf den zurückhaltenden, akustisch instrumentierten Nummern, die von deren unaufdringlicher Performanz profitieren. Besonders in Erinnerung bleibt da Phil Madeiras Akkordeon, das etwa dem Moon Song eine weitere Ebene nachhaltiger Melancholie mit auf den Weg gibt und maßgeblich daran beteiligt ist, dem famosen Abschluss Beyond The Great Divide, das in sich schon ein kleines, irgendwie hypnotisches Faszinosum darstellt, die schönste Melodie der LP zu vermachen.

 

Leider hat es sich Harris in dieser späten Phase ihrer Laufbahn fast zur Angewohnheit werden lassen, die Spielzeiten ihrer LPs auf durchschnittlich fünfzig (hier fünfundfünfzig) Minuten zu strecken. Eine Entwicklung, die auch All I Intended To Be am eigenen Leib erleben muss. Auch wenn das Album nicht zuletzt dank dem starken Schluss dem Schicksal immer knapp entgeht, Ermüdungserscheinungen aufzuweisen, hätten zwei Songs weniger dem Album vielleicht noch ein bisschen besser getan und letztlich auch an der Liga ihrer besten Veröffentlichungen anklopfen lassen. Entbehren können hätte man etwa die leicht blutleere Midtempo-Ballade Hold On, die mit ihrem zwischenzeitlich aufwallenden, aufpolierten Rock-Sound und mühsamen Background-Chants nur der Abwechslung halber nicht komplett unerwünscht ist. So wie andersrum die in ihrem spärlichen Klangkostüm etwas eigenartig anmutende Tracy Chapman-Nummer All You Have Is Your Soul nicht so recht zünden will und letztlich für einige der zähsten Minuten der LP verantwortlich zeichnet.

 

Was wiederum nicht viel daran zu ändern vermag, dass sich der 25. Solo-Longplayer in eine beachtliche Reihe unentbehrlicher Platten einreiht. Die große Überraschung ist wie beschrieben, dass Harris auch 2008 noch unter den schönsten Stimmen der populären Musik reüssieren kann. Auch abgesehen davon gibt es wenig, worüber man sich bei All Intended To Be mokieren könnte. Die Songs sind tight, der Sound etwas glatt, aber einnehmend und die Entwicklung, eine leichte Abkehr von der Rock-infizierten Produktion der vergangenen Jahren zu forcieren und damit wieder mehr in Richtung klassischem Country zu marschieren, eine gute. Wenig zu meckern also, über dieses gediegene Spätwerk und ein weiterer Beweis dafür, dass es nicht nur für des Kollegen Toten Hosen möglich ist, in Würde zu altern.