EAV - Neue Helden Braucht Das Land

 

Neue Helden Braucht Das Land...

 

EAV

Veröffentlichungsdatum: 05.02.2010

 

Rating: 4.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 12.01.2019


Trotz starker Themen enttäuscht die Kombi aus Vorschlag- & Gummihammer musikalisch und textlich.

 

Es ist so schwierig mit ihnen. Jetzt, nach über 40 Jahren, wird das äußerst lange und von diversen Missverständnissen gekennzeichnete Kapitel EAV ohnehin bald sein Ende finden, glaubt man der Band selbst. Doch die Rückschau bleibt und sie offenbart einen so schwer einzuordnenden Anblick, dass man nicht so ganz weiß, ob man lachen oder weinen soll. Unabhängig davon, dass von wirklicher musikalischer Finesse bei den heimischen Regenten des humorvollen Pop ohnehin nie die Rede sein konnte und dementsprechend ein Abwärtstrend auf dieser Ebene verschmerzbar war, wurde man spätestens mit den 90ern der Band und ihrer Einlagen müde. Das ist auch Jahrzehnte später so. Kaum erreicht man in der Diskographie das Jahr 1990, wird es in zunehmendem Maße anstrengend. Und langweilig. Im schlimmsten Falle beides, selbst bei den LPs mit den markantesten Vorzügen. "Neue Helden Braucht Das Land..." gehört wohl zu diesen, weil es sich inhaltlich und damit tagespolitisch so aktuell und dringlich präsentiert wie lange davor nichts von dieser Band. Das kaschiert aber nur sehr notdürftig, was an ihr mittlerweile so lästig ist.

 

Vielleicht lässt sich das am ehesten mit dem Verlust jeglicher Subtilität beschreiben. Natürlich ist es legitim, die Stirn zu runzeln, wenn irgendwo EAV und subtiles Werken miteinander in Verbindung gebracht werden. Aber auch im Falle der offensichtlichsten Themen war in der textlichen Akrobatik und so manch gelungener stilistischer Persiflage der 80er einiges zu finden, das einem nicht lieblos in die Ohren gepumpt wurde. Das fehlt anno 2010 ganz gewaltig. Beinahe alles, was einem hier geboten wird, ist sowohl lyrisch als auch klanglich dermaßen plakativ, dass man die Flanken für Kritik komplett öffnet. Auf bittere Art ironisch ist das, weil man sich mit dem Konsumwahn, Rassismus, Esoterik religiösem Extremismus und so vielem anderen durchaus Dingen zuwendet, die alles andere als vorgestrig daherkommen. Die Bearbeitung dieser Themen kann man aber im besten Fall als hemdsärmelig, realistischer aber wohl nur als hölzern bezeichnen. Schon das eröffnende Dummheit An Die Macht zerbricht am Mangel jeglichen Humors und den kitschigen, ungelenken Zeilen, die zusammen mit dem angestaubten Synth-Rock undynamisch, witzlos und doch kaum ernst zu nehmen klingen:

 

"Die Dummheit, die tut weh, nur dass sie keiner spürt
Das ist, was mir weh tut und mein Herz berührt
Die Dummheit, die tut weh, kommt auf leisen Pfoten
Blöd sein ist erlaubt - doch Rauchen ist verboten"

 

Irgendwas in mir sträubt sich nun dagegen, der als Klamauk-Truppe verschrienen EAV einen Schritt in Richtung Ernsthaftigkeit zu verwehren. Problematisch daran ist nur, dass man sich zwar offensichtlich in der Bearbeitung so mancher gesellschaftlichen Schwäche weniger dem Jux hingeben will, gleichzeitig aber eher lächerliche Texte dafür zimmert. Das lässt einem als Zuhörer nicht mehr als einen Zwiespalt in der Bewertung. Mit aller verfügbaren Nüchternheit kann man nur urteilen, dass Songs wie Neue Helden (Braucht Das Land) oder Männer Brauchen Tritte ziemlicher Schrott sind. Ob quietschender Synth-Sound oder Annäherung an das, womit Michael Bublé Welterfolg hat, ist dafür komplett irrelevant, zu banal und leblos ist man in puncto Arrangements unterwegs, zu weit weg sind auch irgendwie geartete, denkwürdige Zeilen aus Klaus Eberhartingers Mund. Mit anderen Worten: Das Gebotene wirkt müde.

 

Gleichzeitig trifft die Band thematisch einen Nerv nach dem anderen, gräbt sich so effizient durch die Wirren der Menschheit im 21. Jahrhundert, dass man im Lichte der Komplettausfälle auf vorangegangenen Alben darüber staunt. Dass man dem noch dazu mit einer ungeahnten stilistischen Vielfalt begegnet und sich für Obama im klischeebehafteten Country wiederfindet, die katholische Kirche in Nostradamus im apokalyptischen Hard Rock anklagt, für Supertürke auf billige Orientalik zurückgreift und Toleranz zwischen Jazz und Wienerlied intoniert, ist eine Leistung für sich. Wer sich auf die Suche nach einer eloquenten Verarbeitungen all dessen macht, wird natürlich nicht fündig. Aber wann wäre das bei der EAV jemals anders gewesen?

 

Insofern möchte man die Band fast verteidigen, weil die angefassten Eisen keine kalten sind. Der Kompromiss lautet, den Großteil der Songs als die Manifestation biederer Fadesse anzusehen, der er nun einmal ist, während man den paar Treffern ausreichend Platz einräumt. Solche gibt es, wenn man auch wirklich lange darauf warten muss. Dafür kommen sie dann gleich im Triple, noch dazu aus äußerst verschiedenen Ecken. Während Eloise & Die Krise den stumpfen Dance-Pop der Band für ein Mal nicht mit amourösen Abenteuern ausfüllt, sondern stattdessen die durchaus passenden Worte für die absurden Seiten der Wirtschaftskrise und Finanzwelt findet, fasst der Doppelpack aus Supertürke und Toleranz die Schwierigkeiten mit den weniger offenen muslimischen Einwanderern, genauso aber die heuchlerischen Anwandlungen verdeckter Fremdenfeindlichkeit gekonnt zusammen. Trotzdem wünscht man sich anderes. Ein bisschen hintergründig und mit bissigerem Ton soll es sein, dafür weniger mit dem aufdringlichen erhobenen Zeigefinger. Und weil das nur Beim Cseijtei Im Hof hinbekommt, ist das auch der späte Höhepunkt dieses Albums. Wehmütig balladesk mutet der Song an, dabei auch erfrischend organisch und dank der Kombination aus Klavier, Akkordeon und schweren Bläsern ziemlich urig, während im Hintergrund die Drums dahinmarschieren. Der Trumpf ist aber der Text, der ein ganzes Jahrhundert ins Auge und zusammenfasst, sich dabei dem Auf und Ab eines steirischen Wirtshauses widmet und dabei mehr als eine geniale Zeile findet, mit der die Gesellschaftskritik urplötzlich wieder mit dem nötigen Feingefühl kredenzt wird.

 

Dass man das nur ein einziges Mal wirklich so hinbekommt, ist insbesondere in Anbetracht dessen, dass man sich mit "Neue Helden Braucht Das Land..." vom auf den Vorgänger-Alben tatsächlich Überhand nehmenden, dümmlichen Klamauk verabschiedet hat, ziemlich schade. Die EAV findet die richtigen Themen, handelt sie allerdings auf eine facetten- und einfallsarme Art ab, dass lange Zeit nur die zumindest vordergründig gegebene musikalische Vielfalt Abhilfe schafft. Was trifft, ist entweder angriffig oder aber doch wieder intelligent genug, um zu altem Humor und der nötigen Effektivität zurückzufinden. Passiert zu selten und so bleibt einem ein Album, das zwar beeindruckend treffsicher ist bei der Wahl, worüber gesungen wird, umso weniger allerdings, wie das getan wird. Das kann man an und für sich nehmen, wie man will, es reiht sich aber ein in die Riege der vielen EAV-LPs, die man nicht ohne ein gewisses Bauchweh hören kann.