EAV - À La Carte

 

À La Carte

 

EAV

Veröffentlichungsdatum: ??.??.1984

 

Rating: 7.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 02.11.2015


Mit rockigerem Anstrich wird aus dem künstlerischen Nebenprodukt der beste Auftritt der Austropopper.

 

Zufälle gibt es im Leben des öfteren. Man schreibt sie gerne dem Glück oder Pech zu, einfach weil das mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung für Viele ein nicht ganz so sympathisches Konzept ist. Ist aber auch trocken und emotionslos, zugegeben. Es gilt jedoch, auch dort wo die Wahrscheinlichkeitskurve in den alleruntersten Prozentregionen angekommen ist, passiert üblicherweise irgendwann irgendwas. Deswegen ersticken auch gegen alle Widerstände in seltenen Fällen Leute am Sandwich, deswegen schneit es wohl einmal auch im Mai und deswegen kommt - man kann es kaum glauben - angeblich sogar von der FPÖ ausnahmsweise hie und da ein nicht gänzlich intelligenzbefreiter Kommentar. Wo doch so viel Unwahrscheinliches passieren kann, darf wohl auch zur Abwechslung eine 'Zwischenlösung', quasi ein B-Sides-Album zur Krönung der Diskographie werden. Das zu schaffen ist eigentlich ein Kunststück, für den Kunstschaffenden an sich also genau das Richtige. Ergo steht die EAV mit "À La Carte" schon am richtigen Plätzchen.

 

Für die heimischen Humor-Fanatiker bedeutete das 1984 den Höhepunkt vor dem eigentlichen Höhepunkt, in anderen Branchen nennt man es auch verfrühte Ejakulation. Weil aber mit den Nachfolgern der Erfolg mitnichten ausblieb, macht so eine zeitliche Fehlplanung ja gleich viel weniger. Nur haben auf die Art wenige mitbekommen, was die klassische Besetzung der Band mit dem Master of Ceremony Klaus Eberhartinger eigentlich so alles kann. Die Gitarren noch im Vordergrund, ein bisschen Rock in der Luft allenthalben, dazu eine trockene, gemütliche Produktion, die gerade diese wüst zusammengeschnipselte Platte zu einer der geschlossensten der EAV werden lässt. Nach oben ausreißen dürfen Tracks aber trotzdem noch, was eindeutig gute Nachrichten für das eröffnende Duo Wir Jetten und Go, Karli, Go sind. Mit lockerem Beat und prickelnden Gitarrenspritzern legt man entspannt los und bietet damit auf unaufdringliche Art eine der treffsichersten Humor-Perlen, die man auf Lager hat. Denn der Opener wird zur genialen Säuferhymne, die dank ironischem Abdriften in volkstümliche Musikgefilde mitsamt Horn und Ziehharmonika nicht etwa resigniert, sondern das Augenzwinkern mit idealem Drive und großartigen Zeilen bestens umsetzt. Dass der Rock 'n' Roll ähnliches abbekommt, dafür sorgt Hitsingle Go, Karli, Go. Die Parodie sitzt von vorn bis hinten, lässt Thomas Spitzer und Mario Bottazzi an Gitarre und Keyboard im besten Licht erscheinen.

 

Man quält sich in der Folge mit dem Hinterherhecheln hinter diesen ersten Eindrücken weniger, als man meinen möchte. Vielleicht ist dafür die vorteilhafte Mischung aus ständig neuen Stil-Anleihen und dem doch großteils einheitlichen Klang verantwortlich. Die eingängigen Pop-Nummern Schweine-Funk und Oh Bio Mio laufen diesmal mit dezenter elektronischer Prägung nicht viel weniger rund, profitieren insbesondere von Eberhartingers Auftritten. Mal ist er als g'standener Bayer Biograph eines Schweins, leitet dabei ein horrendes Solo charismatisch genug ein: "Und jetzt, weu gråd Zeit is, ein Gitarren-Solo", quittiert es ähnlich euphorisch: "Jå, jå. Üben!" Dann relativ kontrastreich plötzlich gequälter Zwangsvegetarier, der vom Background-Chor als Mellanzani-Hasser geoutet wird. Dass all das nicht in die Lächerlichkeit mündet, die es in geschriebener Form nahelegt, dafür sorgt der frische Sound und die liebevollen Parodien, derer sich die Band auf den folgenden Alben mal um mal weniger sicher sein konnte.

 

Auch deswegen entfalten sich bei diesem akustischen Zehnerpack keine Momente, bei denen es einem kalt den Rücken runterläufen könnte ob des miserablen Humors. Das bewahrt die Band nicht ganz davor, einem ein paar Minuten zu servieren, deren Witz nicht zur zündenderen Sorte zählt. Mit der gar billig klingenden Karibik-Nummer Aloahe und ihrer von Eberhartinger übertrieben interpretierten Liebesgeschichte der anderen Art tut man sich keinen Gefallen, genauso wenig mit dem von Mario Bottazzi gesungenen Die Intellektuellen, das sich zwar als Blues-Persiflage ordentlich verkauft, textlich aber dem Intellekt eher ungriffig den Kampf ansagt. Der Rundumschlag wird zwar dank Guru, dem Tribut an geldgeile Religionen, thematisch vollendet, urplötzlich kirchliche Töne anzuschlagen macht sich aber auch weniger gut, sodass man sich zum Songende mit starken Salsa-Rhythmen daraus retten muss.

 

Deswegen ein kleines Ja zum Hans Moser-Gedenkauftritt in Form des Vortrags von Produzent Peter Müller in Liebelei, dem selbst der 80er-Kitsch-Refrain nur wenig der schrulligen Qualität nehmen kann. Ein großes Ja hab ich noch über, das bekommt Knieweich. Als musikalisch wie textlich großartiger Blick auf das Spießer- und Mitläufertum ist die Nummer abseits von der aus Russland importierten Refrainmelodie kaum zu definieren, parkt irgendwo zwischen Hard-Rock und klassischem EAV-Pop. Viel wichtiger aber sind die klassischen EAV-Zeilen:

 

"Herr Knieweich ist ein guter Christ

Im Zweifelsfalle auch Faschist

Seine Rasse, die sieht er bedroht

Angstgelb ist sein Morgenkot

 

Er geht durch's Leben basisfremd

Meinungslos im Unterhemd

Er ist der Hemmschuh der Aktion

Die Combo singt den Oberton"

 

Das lässt einem nur ein Urteil: "À La Carte" ist eigentlich keine außergewöhnliche Arbeit für die österreichischen Veteranen. Es ist genau das, wofür man sie kennt und mag, so nebenbei spart man sich mit dieser LP aber viele der Fehler, die die Band über die Jahre allzu oft gemacht hat, landet stattdessen bei ihrem konstantesten, frischesten, rundum einfach besten Werk. Ein praktisches Beispiel des altbekannten 'Take the good, leave the bad' so quasi, denn weder vermisst man die eigentümlich starken Gesangsperformances, noch muss man soundtechnisch Abstriche in Kauf nehmen. Eher ist es das Gegenteil. Vielleicht war es ja nur einer dieser Zufälle, dass ausgerechnet dieses gar nicht so wirklich beabsichtigte Album zum Höhepunkt des EAV'schen Schaffens wurde. Unverschämtes Glück wahrscheinlich...

 

Anspiel-Tipps:

- Wir Jetten

- Go, Karli, Go

- Knieweich