Deichkind - Befehl Von Ganz Unten

 

Befehl Von Ganz Unten

 

Deichkind

Veröffentlichungsdatum: 10.02.2012

 

Rating: 5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 18.01.2020


Es ist ein lautstarker Elektronikangriff auf die Ohren und Normen, leider aber zu selten geil.

 

Wenn man sich trotz mehrerer inspizierter Alben nicht zu einem klaren Urteil zu einem Interpreten hinreißen lassen will, hat man wohl entweder nicht genau genug oder aber an der falschen Stelle hingehört. Ich gebe zu, beides könnte bei meinem Eintauchen in die wunderbare Welt von Deichkind der Fall sein. Die deutschen Electropunker mit dem Hip-Hop-Background gelten ja als ausgewiesene Live-Spezialisten, weswegen es schon einmal ein moderater Fehler sein kann, ihrer Genialität ausschließlich über die Studioarbeit auf die Schliche kommen zu wollen. Nun bin ich jemand, der da nichtsdestotrotz sehr genau hinhören kann und das auch oft genug will, weswegen zumindest ein klares Fazit zu den Alben der Band ein Leichtes sein sollte. Erschwert wird das merklich dadurch, dass in der Musik der Band die Fähigkeit steckt, einen in den Zustand reizüberfluteter Betäubung zu versetzen, wenn sie es nicht schafft, einen zu begeistern. "Befehl Von Ganz Unten" liefert einem beide Extreme und ist somit vielleicht nicht gerade der Höhepunkt des Deichkind'schen Schaffens, aber zumindest gutes Anschauungsmaterial.

 

Musikalisch gilt das wohl insofern nur bedingt, als dass der fünfte Auftritt in Albumlänge die Auswüchse elektronischer Soundkulissen auf ein neues Höchstmaß getrieben hat. Irgendwo in einem schwierigen Eck zwischen Electropunk, Dance-Pop und dem von der Band erdachten "Tech-Rap" macht es sich das Quintett bequem und auch wieder nicht, weil man relativ schnell mitbekommt, dass die Rastlosigkeit einmal mehr Programm ist. Es geht also energiegeladen zu, während einmal mehr der Spagat zwischen denkwürdiger Party und angriffiger Kritik am Status Quo gewagt wird. Diese schwer auszubalancierenden Pole bekommt die Band hier kaum in Einklang, weswegen man es mit einer fast schon gehetzten Hin- und Hergerissenheit zu tun hat, die Songs wie 99 Bierkanister auf der hedonistischen und Illegale Fans auf der inhaltsstarken und kritischen Seite nicht ganz unter einen Hut bekommt.

Gepaart wird das mit Musik, die sich schwieriger präsentiert, als gewünscht. Hektisch, chaotisch, penetrant, laut, unförmig. Das sind alles Adjektive, die viele Tracks hier beschreiben und doch nicht dazu in der Lage sind wirklich einzufangen, woran es hier krankt. Von allem ein bisschen wahrscheinlich, weswegen man sich nie so ganz anfreunden kann mit dieser synthetischen Klangkanonade, die sich so sehr mit unterschiedlichen Sounds austobt, dass man schon früh, genauer gesagt mit dem Titeltrack, einer latenten Reizüberflutung unterliegt. Deswegen ist die ganze Angelegenheit schnell einmal etwas anstrengend, wenn sie doch eigentlich ziemlich cool anklingt.

 

Denn die Basis all dessen ist nicht unsympathisch, Deichkind sind es ganz generell selten bis nie. Zeigen können sie das in Reinform allerdings nicht oft. Wird etwas daraus, nennt sich das dann Bück Dich Hoch und thront vielleicht gar als Karrierehöhepunkt über allem. Dass dem so ist, liegt auch daran, dass man sich musikalisch zurückhält und die geniale Hook nicht klanglich ertränkt, stattdessen auf einen voluminösen Beat und ein angenehm reduziertes Synth-Gewirr setzt, das es nicht schafft, einen von den genialen Zeilen abzulenken. Stattdessen kommt man fast in Partystimmung, während man mit lautstarker Begeisterung über die poetischen Ergüsse aus dem Hause Deichkind die wunderbare Welt der Arbeit besingt:

 

"Ach du Schreck, Bonus-Scheck ist schon weg
Bück dich hoch
Fleißig Überstunden, ganz normal
Bück dich hoch
Unbezahlt, scheißegal, keine Wahl
Bück dich hoch

 

[...]

 

Pass dich an, du bist nichts, glaub ans Team
Bück dich hoch
Halt die Schnauze, frisch ans Werk und verdien
Bück dich hoch
Aufgebraucht, Akku raucht, ausgetauscht
Bück dich hoch"

 

Illegale Fans wiederum taucht Kopf voran in die elektronische Überservicierung ein, ist aber gerade deswegen als Hymne auf die Filesharer dieser Welt ein weiterer Treffer, dessen eindringliche Aggressivität einen eher mitreißt als schlaucht. Schon dann wird die Luft allerdings etwas dünn da oben. Egolution und Der Mond sind sehr gern gehörte Minuten, die ihre Schwächen aber deutlich hörbar vor sich her tragen. Ersterer als melodiearme, störrische Techno-Nummer mit mächtigem Auftritt in den Strophen, dafür aber unterwältigendem Refrain, dem Gaststimme Raffaela Jungbauer nicht im Geringsten steht. Der Mond ist im Vergleich dazu zahmer Elektronik-Pop und dabei zwar musikalisch wie textlich mehr als nur ein bisschen kitschig, aber trotzdem mit Ohrwurmqualitäten gesegnet und auch mit wuchtigem Beat im Albumkontext eine fast schon luftig-leichter Verschnaufpause.

 

Mit all dem kann man sich wahnsinnig gut anfreunden, was es umso schwerer ertragen lässt, dass es das mit den positiven Eindrücken das Albums gewesen ist. Das hängt nicht zuletzt mit einem latenten Mangel an griffigen, kritischen Texten in den übrigen Tracks liegt. Ausnahme dessen ist natürlich das zum geflügelten Wort mutierte Leider Geil (Leider Geil), das einen wunderbar sarkastischen Blick auf alle denkbaren schlechten Angewohnheiten und Einstellungen wirft, dabei aber an seiner lähmenden Tonlosigkeit scheitert. Die macht einen gar nicht mal langen Song zu etwas endlos monotonem, dem man zwar seines Textes wegen immer noch einigermaßen gerne zuhört, das aber ultimativ weniger hergibt, als zwei, drei großartige Zeilen zum Schluss retten können:

 

"In diesem Lied hat sich gar nichts gereimt
Hat niemand gemerkt

Leider geil"

 

Was sonst noch passiert, ist eigentlich kaum der Rede wert, abgesehen von der Feststellung, dass es ziemlich langweilig und/oder anstrengend ist. Partnerlook oder Pferd Aus Glas geben ähnlich wenig her wie 99 Bierkanister, kommen noch dazu an einem Punkt, an dem man vom Sound des Albums bereits genug hat. Das trägt auch dazu bei, dass man das trashige Der Strahl nicht wirklich erträgt und sich beim abschließenden Die Rote Kiste fragt, warum eigentlich eine Zusammenarbeit von Deichkind mit Punkband Slime nicht mehr machen kann aus der unbändigen Energie, die beide mitbringen, als einen solchen erinnerungsunwürdigen Albumabschluss.

 

Weil ein paar Songs hier zu den besten der Band gehören und das so ist, obwohl sie von reichlich unterwältigendem Material umgeben sind, ist das alles ein bisschen eine verpasste Chance. Offenbar ist es nicht einfach das Mehr an Elektronik, das "Befehl Von Ganz Unten" zu einer so schwierigen Vorstellung macht. Zum einen weil Deichkind auch davor nicht gerade unglaublich konstant auf ihren Alben agiert haben, zum anderen weil damit ja auch so etwas wie Bück Dich Hoch herauskommen kann. Mit dem Maßhalten haben es die Deutschen aber offensichtlich nicht so und das rächt sich, wenn man das in Form elektronischer Reizüberflutung und manchmal einfach billig klingendem Elektronik-Pop verarbeitet. Die fünfte LP von Deichkind ist also ein idealer Kandidat dafür, sich einzelne Songs - möglichst per illegalem Download - zuzulegen, um damit auf effektive Art dem bescheidenen Geilheitsniveau eines anstrengenden und löchrigen Gesamtpakets zu entgehen.

 

Anspiel-Tipps:

- Illegale Fans

- Bück Dich Hoch

- Egolution


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