David Bowie - Space Oddity

 

Space Oddity

 

David Bowie

Veröffentlichungsdatum: 04.11.1969

 

Rating: 7 / 10

von Mathias Haden, 03.11.2013


Von kleinen Meilensteinen und erfolglosen Alben.

 

Im Europa des 21. Jahrhunderts ist es nicht unüblich, sich mit zweiundzwanzig Jahren inmitten eines Studiums zu befinden oder anderweitigen arbeitsfreien, verantwortungsbefreiten Tätigkeiten nachzugehen. Man gilt als jung und hat ja noch genug Zeit, sich über die Zukunft Gedanken zu machen. David Bowie wusste bereits früh, wohin die Reise gehen sollte. Immerzu engagiert, steuerte er seine Karriere trotz seiner Jugend eindrucksvoll in Richtung Weltruhm. Mit zweiundzwanzig, nachdem er schon in einigen Bands gesungen und bereits ein erfolgloses erstes Soloalbum veröffentlicht hatte, traf er den Zeitgeist (erste Mondlandungen) mit seiner bekannten (von Stanley Kubricks '2001' inspirierten) Single Space Oddity und konnte erstmals ein Weltpublikum erreichen. Über Nacht wurde aus dem unbemerkten Talent ein anerkannter Songwriter.

 

Denn trotz dem kontrovers diskutieren Inhalt vom fiktiven Astronauten Major Tom, der nach geglücktem Start von der Erde die Verbindung zur Raumstation verliert und ziellos durchs Weltall treibt, der zwei Jahre nach einer gescheiterten Startübung als sehr pessimistisch galt, wurde der Song zu Bowies erstem kleinen Durchbruch und dem Soundtrack zur Periode der Mondlandungen.

 

Da musste natürlich schnell ein Album nachgelegt werden, um sich am erfolgreichen Momentum festzukrallen. Und so erschien das zweite selbstbetitelte (das zur Ziggy Stardust-Zeit nochmal unter dem Namen Space Oddity veröffentlicht wurde) wenige Monate später und wurde zu einem neuerlichen Flop. Erst bei der Wiederveröffentlichung drei Jahre später verkaufte sich das Album und stieg in die Charts ein.

 

Während mit der Erfolgssingle Space Oddity ein fein ausgetüftelter Pop-Song auf das Album gepackt wurde, um die Verkaufszahlen in die Höhe zu treiben, war der Rest des Albums nämlich nicht so zugänglich. Grundsätzlich bietet das zweite Album eine Mischung aus Folk, der kürzlich im Trend stehenden Psychedelia und dem aufkommenden Progressive Rock. Nach seinen poplastigen, die 3 Minuten selten übersteigenden Songs des ebenfalls selbstbetitelten Debüts, folgte hier mit einem neunminütigen Epos wie dem spannenden Cygnet Committee die erste in einer Reihe von zahlreichen, musikalischen Umpolungen. Letzterer, fast schon klassischer Prog Rock, ist bis dato Bowie ambitioniertestes Stück. In dessen dystopischer Geschichte verarbeitet er angeblich seine negativen Erfahrungen, die er zuvor mit Hippies gemacht hatte.

 

David Bowie war immer schon ein überaus kreativer Songwriter. Das macht sich schon auf seinem zweiten Longplayer bemerkbar. "The Children of the summer's end / Gathered in the dampened grass / We played Our songs and felt the London sky / Resting on our hands" erinnert sich Bowie etwa in Memory Of A Free Festival an eine hippieske Veranstaltung die er kürzlich arrangierte. Und auf An Occasional Dream träumt der junge Brite "In our madness / We burnt one hundred days / Time takes time to pass / And I still hold some ashes to me / An Occasional Dream". Generell lässt sich der Einfluss der Flower Power-Generation erkennen, wenn er dieser auch etwas skeptisch gegenübersteht.

 

Die kreativen, teils ein bisschen zu übertrieben verträumt niedergeschriebenen, Texte beiseite, finden sich ein einige musikalische Glanzminuten. Bowie selbst und ein Haufen an Studiomusikern ermöglichen ihm einen erfrischenden Mix aus akustischen Folk- und härteren Rockakzenten. Dass man Bob Dylan zu jener Zeit auf fast jedem Album in irgendeiner Form vorfindet, ist ja ohnehin bekannt. Auf diesem Album ist es das von einer beißenden Mundharmonika angetriebene Unwashed And Somewhat Slightly Dazed, das dem alten Meister huldigt. Dass dieser zwar nicht gänzlich funktioniert, sich aber ganz nett anhört, tut hier nichts zur Sache. Mit bizarren Textzeilen wie

 

"I'm a phallus in pigtails

And there's blood on my nose

And my tissue is rotting

Where the reats chew my bones"

 

und

 

"I got eyes in my backside

That see electric tomatos

On credit card rye bread"

 

ist besagter Song schon klassischer Psych-Folk.

 

Es gibt ja die These, man könne in Krisensituationen oder emotionalen Wendepunkten die besten Songs schreiben. Der beste Song ist das an Bowies kürzlich entschwundene Freundin Hermione Farthingale gerichtete Letter To Hermione sicher nicht, bestimmt aber der ergreifendste Track ("The hand that wrote this letter / Sweeps the pillow clean / So rest your head and read a treasured dream / I care for no one else but you"). Ein wirklicher Höhepunkt ist dann noch das symphonische, mit großem Orchester untermalte Wild Eyed Boy From Freecloud, das eine epische Geschichte erzählt.

 

Dass nicht jeder vor Dylan-Einfluss triefende Song ein beeindruckendes Ergebnis abwirft, bezeugt das angenehm sozialkritische, gleichzeitig leider irgendwie uninteressante God Knows I'm Good. Richtig schlecht ist er dank feiner Instrumentierung natürlich trotzdem nicht. Genauso wenig wie das rockige Janine mit seiner einprägsamen Hook.

Man sieht, an den einzelnen Songs liegt es nicht, dass Bowies zweites Album zwar einen starken Eindruck hinterlässt, aber doch nicht ganz an seine Glanztaten der 70er heranreicht. Viel mehr sind es die musikalische Divergenz der Tracks die ein flüssiges Zusammenspiel verhindern und den Gesamteindruck verschlechtern.

 

Das selbstbetitelte zweite Album des großen Künstlers reiht sich mit Sicherheit in die stärkere Hälfte des breiten Kanons ein. Aus dem Hippie des Debüts wurde innerhalb von zwei Jahren ein seriöser Songwriter, der vom Ruhm späterer Tage höchstens träumen konnte. Dies tut er auf seinem an Post-Hippietum infizierten Texten tatsächlich auch noch. Und doch wirkt er um einiges gereifter, langsam bereit für den großen Tag. Dass mit diesem Album noch kein Meisterwerk erschaffen wurde, ist allerdings mindestens so klar wie die Annahme, dass hiermit schon tolle Songs unter die Menschen gebracht wurden. Leider wussten diese es zu jener Zeit noch nicht zu schätzen.