Chvrches - Love Is Dead

 

Love Is Dead

 

Chvrches

Veröffentlichungsdatum: 25.05.2018

 

Rating: 6 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 09.02.2019


Die Stärken verblassen im bisher straightesten Synth-Pop, der große Bühnen anvisiert.

 

Ich fühle mich schuldig. Konnte ja keiner wissen, dass mein Hinweis darauf, dass "Every Open Eye" ein bissl gar zahm und ruhig dahergekommen ist, darin auch die vielleicht aufdringlichen verführerischen Qualitäten von Mayberry und den dahinter schimmernden Synth-Wänden seltener ausgenutzt wurden, zu so etwas führt. Während nämlich der flüchtige Blick vermitteln könnte, dass man einen wohlüberlegten Schritt zu den Tugenden des Debüts gemacht hat, hat das schwingende Pendel, das die Karriere der Briten beschreibt, nur sehr bedingt eine Kehrtwende hingelegt. Das hat zwar den Vorteil, dass das Trio nicht in Richtung Polka marschiert ist, gleichzeitig hat man sich allerdings mit "Love Is Dead" einiger Facetten des Synth-Pop zugewandt, die man gemeinhin als nervig beschreiben kann. Und das hilft nicht, wenn gleichzeitig die gewinnenden Seiten von vor einem halben Jahrhundert zunehmend verblassen.

 

Das ist ein Einstieg so dermaßen in medias res, dass es schon fast ungewohnt ist. Man könnte es auch bei der obigen Beschreibung belassen und das Feld, auf dem sich die Band austobt, wäre wohl einigermaßen abgesteckt. Zumindest können sich da schon alle entscheiden, ob sie dem stadiontauglichen, zunehmend stromlinienförmigen Elektronik-Sound der Band eine Chance geben wollen oder nicht. Allerdings klingt das so negativ und so sehr nach zynischer Geschäftemacherei nach ernsthafter künstlerischer Betätigung, dass es vielleicht ein paar Worte der Erklärung braucht. Die Schotten um Sängerin Lauren Mayberry waren mit ihrem Debüt ja ein Leuchtturm des Triumphs im so oft so anstrengenden Synth-Pop. Anziehend eingängig, mit charmanter Stimme im Vordergrund und dem Händchen für die reibungslose Verbindung von hymnischen Ohrwurm-Refrains, sporadischen eigenwilligen Soundbausteinen und einem Hauch poetischer Subtilität im ganzen romantischen Gemisch aus Verliebtheit, Trennungsschmerzen und unterschwelligen Rachegelüsten.

 

Was nun "Love Is Dead" definitiv nicht mehr hat, ist irgendeine Form der Subtilität. Zwar sind, streng genommen, die Zutaten immer noch die gleichen, nur wirkt das daraus Konstruierte vereinfacht bis zu einem Punkt, an dem fast nur noch die Eingängigkeit und Mayberrys unwiderstehliche Auftritte das Gesamtbild retten können. Der Rest ist nämlich ziemlich oft müder und berechenbarer Synth-Pop aus der 08/15-Kategorie, ohne eine Form der Exzentrik, die sich von simpler Charttauglichkeit abheben würde. Anders formuliert, ist schon Opener Graffiti mit keiner Eigenheit gesegnet, die den Song tatsächlich hörenswert wirken lassen könnte. Diese Rhythmen und lose zusammengestückelten, schillernden Synthesizer-Einsätze sind belanglos und sonst nicht viel. Vielleicht ein bisschen mühsam, weil elendiglich repetitiv und auch auf textlicher Ebene mit einer Eintönigkeit gesegnet, die frühere Alben wie Meisterwerke der Dichtkunst erscheinen lässt.

 

Effektiv scheinen simple Stadion-Tracks mit endlos wiederkehrenden Refrains und eher stumpfen, mäßig dynamischen Beats das Gebot der Stunde zu sein. Ob das so ist, weil die Band das unbedingt wollte oder doch eher wegen der mit Sicherheit unvorteilhaften Entscheidung, die komplette musikalische Selbstbestimmung einzutauschen gegen den stetigen Input durch Produzent Greg Kurstin, ist nicht klar. Aber dass die von der Band in Eigenregie produzierten Vorgänger mehr an eigenem Charakter zu Tage gefördert haben, lässt sich schwer leugnen. Hier herrscht dagegen recht oft das Primat des Austauschbaren, was Get Out zu einer öden Leadsingle macht, God's Plan trotz unüblichem Leadgesang von Martin Doherty zu einem mäßigem Dancefloor-Track mit Draht zu Rave-Sounds der 90er werden lässt. Naturgemäß überleben anderen Songs besser, die Durchschnittlichkeit ist noch nicht wirklich der Regelfall hier. Allerdings kommt man nicht umhin, auch Forever oder Heaven/Hell ein bisschen misstrauisch zu beurteilen, weil man zwar in beiden wieder mehr davon mitbekommt, dass die Band ein unglaubliches Gefühl für starke Melodien mitbringt, gleichzeitig aber der glitzernde Elektro-Aufbau allerdings über Gebühr penetrant und entsprechend wenig variantenreich klingt.

 

Manchmal begegnet einem genau das, es klingt aber trotzdem ziemlich großartig. Deliverance ist zumindest in den vielen Refrains nichts anderes, paart allerdings die laute Synthetik mit einem gesetzteren, mit schwelenden Dissonanzen überzeugenden Strophen und sorgt so für den gebotenen Ausgleich. Gibt es den, ist wenig auszusetzen an den 80er-Reminiszenzen in den simplen Refrains, die man da zu hören bekommt. Allerdings kann man sich dahingehend nur mehr auf Miracle und Graves wirklich verlassen. Ersterer bringt mit Produzent Steve Mac ein wenig EDM ins Spiel, punktet entsprechend mit dem trockenen Beat und zumindest in Maßen auch mit dem Hauch von R&B, der den wuchtigen, voluminösen Refrain und dessen Backgroundgesang durchzieht. Dass man dann einen verzichtbaren Drop vorgesetzt bekommt, damit nur ja irgendeine Bridge da ist, passt allerdings leider ins Bild eines teilweise verdammt fehlgeleiteten Albums. Graves spart sich das und ist stattdessen zur Abwechslung straightester Synth-Pop, der hauptsächlich deswegen besser funktioniert als die übrigen, hier anzutreffenden Songs aus der Kategorie, weil Mayberry leidenschaftlicher klingt und gleichzeitig ein bisschen mehr Tempo mitgebracht wird. Das mag nicht nach viel klingen, es hilft allerdings merklich.

Andererseits hätte es auch helfen können, einfach ein bisschen weniger zu machen. Jetzt widerspricht das zwar meiner These zur Vorgänger-LP, allerdings agieren Chvrches hier oft so penetrant, dass das stark ausstaffierte Duett My Enemy trotz unpassend tonlosem Gastpart von Matt Berninger eine mehr als willkommene Abwechslung darstellt, genauso wie Wonderland die Formel von Deliverance umkehrt und mit abgebremsten, melodischeren Refrains für einen gelungenen Abschluss sorgt.

 

Nur ist der nicht so gut, dass er die eher mäßige Ausbeute des Albums wirklich ausbügeln kann. Relativierend muss man natürlich einwenden, dass Chvrches im Großen und Ganzen immer noch ein musikalisches Gesamtpaket mitbringen, das auf der sympathischeren Seite des Elektronik-Pop gelagert ist. "Love Is Dead" scheint allerdings dahingehend mehr denn je von Mayberrys Stimme zu leben und musikalisch nur mehr sporadisch Wege zu finden, über die man der Monotonie und der klanglichen Aufdringlichkeit, die das synthetische Soundpaket so oft mit sich bringt, entgehen kann. Wenn das passiert, schafft man es zwar immer noch nicht, den Höhepunkten der vorangegangenen Alben voll Paroli zu bieten, doch es entstehen unterhaltsame, melodisch verführerische und dynamische Songs, selbst wenn sie von der etwas anstrengenderen Sorte sind. In Summe gelingt aber auch das zu selten, um mehr als einen passablen Beitrag zu einem Genre zu leisten, das ohnehin schon viel größer ist, als es aufgrund seiner klanglichen Limitierungen sein müsste.

 

Anspiel-Tipps:

- Deliverance

- Graves

- Wonderland