Bruce Springsteen - Greetings From Asbury Park, N.J.

 

Greetings From Asbury Park, N.J.

 

Bruce Springsteen

Veröffentlichungsdatum: 05.01.1973

 

Rating: 6.5 / 10

von Mathias Haden, 04.10.2016


Auf den Spuren von Dylan geht es holprig nach oben.

 

Der amerikanische Wahlkampf nähert sich seinem Ende und wir alle stellen uns nur eine Frage: Wie dumm ist bei den Amis denn noch erlaubt? Sollte sich westlich des Atlantiks tatsächlich die noch unsympathischere und weit hirnlosere Version von Papa Frank durchsetzen, dann kann man die Staaten erneut für einige Jahre komplett abschreiben. Einer jener ruhmreichen US-Amerikaner, der die absurden Entwicklungen und die pure Stumpfsinnigkeit Donald Trumps gleichermaßen erkannt und öffentlich angeprangert hat, ist der Boss himself, Bruce Springsteen. “The republic is under siege by a moron, basically. Without overstating it, it’s a tragedy for our democracy", meinte er erst neulich und ließ seiner Unzufriedenheit damit freien Lauf. Immerhin hat Springsteen ja auch einige Präsidenten kommen und gehen gesehen in seiner langen Karriere. Als sein Debütalbum Greetings From Asbury Park, N.J. veröffentlicht wurde, war da z.B. noch ein gewisser Richard Nixon an der Macht...

 

Damals, im Januar 1973 war der Boss noch ein gutes Stück davon entfernt, sich seines Spitznamens verdient zu machen. Wo wenig später schon druckvolle Gitarren und hymnenhafte Hooks durch die Stadien schallen sollten, lässt es Springsteen hier noch wesentlich ruhiger angehen. Irgendwo zwischen Dylan'scher Erzählkunst und dem erst später in dem Jahrzehnt aufkommenden, erdigen Roots Rock der Dire Straits schlüpft der Sänger schon an diesem frühen Punkt seiner Karriere und bereits von seiner treuen E Street Band begleitet in die Rolle des Beobachters und indirekt letztlich in die des Sprachrohrs der Arbeiterklasse. Bleiben wir aber vorerst bei Dylan, denn wer sollte Springsteen bei Zeilen wie diesen vom Opener Blinded By The Light denn auch sonst beeinflusst haben:

 

"Madman drummers bummers and Indians in the summer with a teenage diplomat
In the dumps with the mumps as the adolescent pumps his way into his hat
With a boulder on my shoulder, feelin' kinda older, I tripped the merry-go-round
With this very unpleasing sneezing and wheezing, the calliope crashed to the ground
"

 

Keinen Schlimmer worum's geht? Old Bob war bestimmt stolz. Musikalisch gibt es weniger Parallelen, haben die galoppierenden Drums und das schier unermüdliche Saxophon doch wenig gemein mit dem ruhigen Folk des Altmeisters, der dafür kein ganzes Jahr mit seinen Freunden von der Band ähnliche Töne für sich wiederentdecken würde.

Genug Dylan für heute. So wie der Boss auf Mary Queen Of Arkansas raunzt und winselt, hat man diesen sowieso nie gehört und hätte vielleicht auch niemals hören wollen, auch wenn die Lyrics wieder verdächtig ("Mary Queen of Arkansas, it's not too early for dreamin' / The sky is grown with cloud seed sown and a bastard's love can be redeeming") sind. Hier tut sich aber das schwerwiegendste Problem auf, denn so richtig viel kann ich mit der Stimme Springsteens und seinem rauen Gesang nicht anfangen. Zu 100% nebensächlich wird das nur ein einziges Mal, nämlich beim Magnum Opus der LP, dem hypnotisch aufwühlenden Lost In The Flood, das, von Piano angetrieben und später zwischen Sax und Orgel ausbrechend, immerhin einer der besten Songs aus seiner Feder ist. Andersrum verhält es sich freilich ähnlich, deswegen ist die alles andere als hypnotische, spärlich instrumentierte Ballade The Angel, die alles auf eine ausdrucksstarke, brüchige Darbietung legt, weitaus schwieriger zu schlucken.

 

So ordentlich die E Street Band aufspielt und so exzentrisch etliche Textzeilen anmuten, so wenig geht einem letztlich nahe. Man spürt die Chemie, die zwischen Springsteen und seinen Mitstreitern herrscht, man lernt die Intensität, die Nummern wie Mary Queen Of Arkansas oder Lost In The Flood durchströmt, rasch schätzen, doch bleibt der Zugang verwehrt. Zugängliche Nummern gibt es auf der neun Tracks fassenden LP zwar durchaus, rauschen diese wie das beschwingte Does This Bus Stop At 82nd Street doch ebenfalls an einem vorbei. Gefühle stellen sich allerdings mitnichten ein, vielleicht noch auf Growin' Up mit seiner schönen Piano-Melodie oder dem überaus dynamischen It's Hard To Be A Saint In The City, das sich ein letztes Mal Dylans charakteristischer Bildsprache bedient und unter seinem angezogenen Tempo ein tristes Bild der Realität vermittelt. Dem gegenüber steht mit dem swingenden Spirit In The Night zwar ein Klassiker in Springsteens Repertoire, aber einer, dem mit seinem geschwätzigen Klavier und dem aufdringlichen Saxophon kein Altern in Würde gegönnt schien.

 

So schlimm verhält es sich mit der LP Greetings From Asbury Park, N.J. als Gesamtwerk freilich nicht. Klar, seine E Street Band driftet in ihrem lässigen Zusammenspiel gerne mal ins Beliebige ab und der Fädenzieher selbst nervt wiederholt mit seinem anstrengenden Gesang, aber haben die beteiligten Musiker doch einige klasse Songs geschrieben. Das Debütalbum vom Boss ist eigentlich eines dieser Werke, an denen man bis auf ein paar Kleinigkeiten nicht viel auszusetzen hat, die nur leider über weite Strecken einfach nicht berühren wollen. Insofern ist die strenge Bewertung für eine LP ohne Ausfälle zwar hart, aber nicht ungerechtfertigt, sollte Springsteen selbst ja noch an sich arbeiten und schließlich deutlich bessere Werke zusammenzimmern. Bleibt nur zu hoffen, dass seine Landsleute ebenfalls das Kunststück vollbringen können, irgendwann aus den eigenen Fehlern zu lernen. Vielleicht ja schon am 8. November.

 


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