Bob Dylan - Shot Of Love

 

Shot Of Love

 

Bob Dylan

Veröffentlichungsdatum: 10.08.1981

 

Rating: 6.5 / 10

von Daniel Krislaty, 24.09.2014


Irgendwo zwischen Gospel und Rock’n’Roll wird der Schlussstrich gezogen.

 

Der über Nacht neugeborene Christ in Person der (noch immer) lebenden Legende des Great Dylan lässt seine religiöse Begeisterung auch am letzten Album seiner selbsterklärten 'Läuterungstrilogie' vor katholisch korrektem Geschwafel überschäumen, stellt aber zudem erstmals seit dem 1978 erschienenen Street-Legal auch wieder Lieder abseits des gepflegten Gospels ins Schaufenster. Die Auslage hält neben DEM einen Geniestreich also ebenso den von Fans willkommen Rückschritt zu den rockigeren Wurzeln, doch Kritiker als auch die-hard Langzeitanhänger waren nicht mehr darüber hinwegzutrösten, dass der einstige Held der Folk-Protestbewegung und daraufhin kurz Mal Initiator des neudefinierten Folk-Rock sich selbst zum predigenden Einsiedler degradierte. Und gewiss, die zunehmend 'dünnere' Stimme mag dem konvertierten Poeten selbst zu schaffen gemacht haben. Kein leichtes Jahrzehnt nimmt dementsprechend auch keine wirklich leichteren Anfänge, sollte man meinen.

 

Nun, der zunächst bloß wenig hoffnungserregende Opener und Titeltrack sorgt mit einem Mittelding aus oben erwähnten Mixturen eines weltlichen und spirituellen Bob Dylans für einen eher laschen Ankick. Aber nicht etwa weil sich über nicht-Fleisch-und-nicht-Fisch-Diskussionen so schön streiten lässt – in Wahrheit beschränken sich die gottesfürchtigen Einflüsse auf eine Handvoll biblische Verse –, sondern eher weil die prätentiöse Drogenmissbrauch-Thematik, um der ach so harten Realität zu entfliehen, im Kostüm einer Gospelkomposition mitsamt Backup-Sängerinnen doch sehr gestellt wirkt. Das kann und weiß er doch er besser, der Bobby. Gewiss doch, aber dazu kommen wir erst. The Groom's Still Waiting At The Altar hätte eigentlich für eine Rückkehr zu alten Tugenden gelobt werden können. Hätte, hätte, Fahrradkette. Die befremdliche Rock'n'Roll-Nummer, bei der Dylan jegliches Gespür für seine ohnehin bereits strapazierte Stimme hintanstellt, sieht zwar etwas rascheren Bewegungen für die schon Staub ansetzende Umgebung des vorangehenden Materials vor, enttäuscht aber in seiner steifen Konstruktion, die einerseits an Blues erinnert und andererseits mit schlichter Abwechslungslosigkeit in den Wahnsinn treibt. Manchmal ist schneller und lauter eben nicht gleich mehr. Enttäuschend im großen Rahmen spielt sich des Weiteren der Titel Trouble, der zwar auch alles andere als frei von fragwürdigen bis enttäuschenden Momenten im Aufbau und in der Struktur bleibt, sich jedoch über allen restlichen Übel der grausige Text ins Gedächtnis brennt. Ist das wirklich der gleiche Mann, der Desolation Row oder It's All Over Now, Baby Blue geschrieben hat?

 

„Trouble

Trouble, trouble, trouble

Nothin' but trouble

 

Trouble in the water, trouble in the air

Go all the way to the other side of the world, you’ll find trouble there

Revolution even ain't no solution for trouble

 

Trouble

Trouble, trouble, trouble

Nothin’ but trouble“

 

Would the real Bob Dylan please stand up. Ronnie Wood und Ringo Starr erheben sich und helfen dem bis hierhin arg gescholtenen Dylan auf die Beine. Zusammen grooven sie auf der Welle des etwas funkigen Heart of Mine, dem besten Song der ersten LP-Seite. Der Hauch von Rehabilitation und Frühlingsbrise liegt in der Luft, so unbeschwert und fehlerfrei wie sich das Trio durch die knapp fünf Minuten wiederentdeckter Freude und ohne Zwang, wirklich Spezielles oder Großartiges auftischen zu müssen, bewegen. Es fließt ganz einfach. An dieses Gefühl knüpft später auch Watered-Down Love an, das allerdings abermals den religiösen Bezug sucht und abgekürzt von der von Menschen eigentlich unerwünschten Empfindung der wahren Liebe vorliest. In leicht abgeänderter Form aus der Bibel nämlich – na schau, der traut sich was. Von Anfang an bei den Buchmachern hoch im Kurs als ein Lied mit dem ein oder anderen christlichen Zusammenhang galt Property of Jesus. Und tatsächlich – wer hätte es gedacht – kommt der Glauben im Zuge dieses soliden Gospeltrips zur Sprache, auch wenn die stark verallgemeinernde Satire von bekenntnislosen Bullys, die den armen Katholiken zusetzen, schon fast wieder unchristlich sein dürfte. In The Summertime ist der nächste Verwandte zum angenehm frühlinghaften Heart of Mine, auch wenn sich das angenehme Sommerliedchen richtigerweise erst gegen Ende die Ehre gibt. Dylan bläst fröhlich und sanft in seine Harmonika, erfreut sich an einer Lovestory unter den schattenspendenden Palmen und dürfte selbst wieder den Drang nach Strandurlaub verspürt haben.

 

Alles appetiterquickendes Hors­d'œu­v­re zu dem, was noch folgt. Ein Händchen für Closer hat er schon, der Bobby. Denn egal was man von Shot of Love als Ganzes halten mag, an Every Grain of Sand scheiden sich wohl kaum die Geister. Es ist zweifellos das Like a Rolling Stone oder Blowing in the Wind seiner Glaubenstrilogie und rechtfertig als alleinstehendes Lied bereits ebenjene Schaffensperiode. Neben der nahezu perfekten musikalischen Abstimmung zwischen nachdenklicher Einsamkeit und vornehmer Natürlichkeit kenne ich keinen besseren oder berührenderen Einsatz einer Mundharmonika. Wenn man einmal rührselig und wirklich wahrhaftig gottesfürchtig im Zuge dieses Albums werden darf, dann genau jetzt. Selbst für einen Bob Dylan dürfte die textliche Brillanz seiner bewegenden Selbsterforschung neue Maßstäbe erreichen oder zumindest auf eine andere Art und Weise neu definieren. Amen, Pater Dylan.

 

"I have gone from rags to riches in the sorrow of the night

In the violence of a summer's dream, in the chill of a wintry light,

In the bitter dance of loneliness fading into space,

In the broken mirror of innocence on each forgotten face.

 

I hear the ancient footsteps like the motion of the sea

Sometimes I turn, there's someone there, other times it's only me.

I am hanging in the balance of the reality of man

Like every sparrow falling, like every grain of sand."

 

Shot Of Love hat so manche Schwächen, aber wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein, richtig Bobby? Die Handvoll wirklich gelungenen Lieder halten sich allerdings nicht nur die Waage, sondern überwiegen diese 'Sünden' sogar. Übrigens ohne Every Grain of Sand in diesen Vergleich mit einzubeziehen. Der 'Alte-bis-Neue-Testament'-Jargon kann bei Zeiten bestimmt gehörig auf den Zeiger gehen, jedoch hilft der Silberstreif des tollen Schlusspunkts gut darüber hinweg. Auch wenn ein einzelnes Lied ein ansonst nicht weiter großartiges Album keinesfalls aus dem Schlamassel der anständigen Durchschnittlichkeit ziehen kann, muss ich gestehen: Es hilft.

 

Anspiel-Tipps:

- Heart Of Mine

- In The Summertime

- Every Grain Of Sand