Bob Dylan - The Times They Are A-Changin'

 

Another Side Of Bob Dylan

 

Bob Dylan

Veröffentlichungsdatum: 08.08.1964

 

Rating: 7 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 18.02.2018


Poetischer Symbolik verfallen und gleichzeitig Nahbarkeit und Hooks fast aufs Spiel gesetzt.

 

Bob Dylan in den 60ern hat etwas Mythisches an sich. Eine oft genug eher schäbig gekleidete Lichtgestalt, die der jugendlichen Rebellion der damaligen Zeit die kratzigste vorstellbare Stimme verliehen hat. Angeblich wollte er selbst das weniger, allerdings hat er sich mit seinen Hymnen wider die Unnahbarkeit und das empathiefreie Walten der Mächtigen höchstselbst in die Pole Position jener begeben, die ihre adoleszente Unzufriedenheit ausgelebt haben. Soll so sein, auf alle Fälle ist es ja nicht dabei geblieben. Masters Of War war das eine, der Literaturnobelpreisträger Dylan das andere. Und die reichhaltige fachkundige Rezeption des Songwriters benennt ausgerechnet "Another Side Of Bob Dylan" als so wichtigen Schritt auf dem Weg vom Folk-Barden hin zum bissig-romantischen Poeten mehrerer Generationen. Dass das Album diesem vermeintlichen Stellenwert nicht gerecht wird, ist eine Sache, dass es aber zum verblassenden Mittelbau einer genialen Schaffensphase verdammt ist, die Geschichte klingt schon eher interessant.

 

Man könnte jetzt natürlich sagen, es liegt einfach daran, dass sich Dylan von den angestammten, altbekannten und von ihm bis zur Perfektion exekutierten Folk-Gewöhnlichkeiten der vorangegangenen Alben distanzieren wollte. Die vierte LP erscheint einem nicht ganz umsonst wie die Antithese zum düsteren Vorgänger "The Times They Are A-Changin'." Eine wutgetränkte, ernüchterte, zynische Abrechnung hier, der Beginn romantischer und tief persönlicher Anwandlungen auf der anderen Seite. Ob man das an und für sich will, ist eine Streitfrage, die schlichter Subjektivität unterworfen ist und also nicht restlos geklärt werden kann. Nur war eben Masters Of War schon das eine, mit dem sich Dylan auf wirksamste und prägnanteste Art des folkigen Protestsongs bedient hat. Der Elferpack, den All I Really Want To Do einleitet, kennt nichts dergleichen, abgesehen vielleicht von der Leidenschaft. Nicht, dass jetzt speziell die aus dem Opener sprechen würde. Der ist auch miserabel und dementsprechend schon ganz allein dafür verantwortlich, dass die LP, umringt von Klassikern, ein Mauerblümchen-Dasein fristet. Wobei Dylan dem durchaus zu entgehen versucht, sonst würde er den Song mit dem stimmlosen Jodeln im Refrain nicht noch mühsamer machen, als er, beladen mit Kitsch und lediglich auf Reimebene imposanten Zeilen, sowieso schon ist.

 

Es ist natürlich ein wenig passender Anfang, weil das Album sich in diese Tiefen nie mehr wirklich hinunter begibt. Nicht einmal das ganz bewusst anstrengend gestaltete I Shall Be Free No. 10 kann einen mit der zähen Aneinanderreihung banaler Gleichnisse und dem schnell blass wirkenden Mundharmonika-Part ähnlich anöden. Trotzdem passt er ins Bild, weil sich die erste Seite der LP äußerst höhepunktsarm gibt. Das liegt weniger daran, dass dem primus inter pares der Songwritergilde plötzlich nichts mehr einfallen würde. Eher das Gegenteil ist der Fall. Neben dem sekundenweisen Jodel-Festival, das im Opener stattfindet, erlaubt sich Dylan sogar noch den Black Crow Blues und damit den allerersten Song aus seiner Feder, der ohne die Akustikgitarre auskommt. Dass er dort eine eher durchwachsene Klavier-Performance abliefert, die getrost etwas Feinschliff vertragen hätte, sei ihm verziehen. Dass der Track klingt, als wäre er ein unbearbeitetes Outtake aus früheren Sessions, nagt schon eher an der Qualität. Rhythmisch tut sich zumindest immer noch nicht viel, die Gangart ist im Fall der sentimentalen Ballade To Ramona und der traditionellen Hymne für den kleinen Mann und alle anderen, Chimes Of Freedom, alles andere als revolutionär. Jetzt könnte man natürlich gern sagen, er hat textlich genug zugelegt, um in dem eher lauwarmen musikalischen Unterbau, der sich einem ohne legendäre stimmliche Melodien wie die von Blowin' In The Wind oder The Times They Are A-Changin' offenbart, trotzdem zu obsiegen. Nur ist die äußerst persönliche Note, die Dylan in diesen Songs selbst finden will, eine von Angriffigkeit, Unmittelbarkeit und Direktheit befreite. "Another Side Of Bob Dylan" ist lange ziemlich zahm, selbst in Chimes Of Freedom, das in den Augen vieler einen lyrischen Glanzpunkt des Nobelianers darstellt, letztlich aber nicht viel mehr tut, als sicherzugehen, dass das Donnergrollen auch wirklich jedem gilt, der sich selbst in Not und Elend sieht.

 

Zu wenig für legendäres Liedwerk, wie auch ganz schnell die zweite Seite des Albums beweist. Dort geigt nämlich plötzlich einer auf, der die durchschnittlichen Auswüchse zu Beginn ausbügeln will. Mit dem unverkennbaren, gnadenlosen Humor des unermüdlich Reisenden in Motorpsycho Nitemare, mit der fast altklugen Weisheit des melancholisch-liebevollen Troubadours im finalen It Ain't Me Babe, mit der schwelenden Wut des Betrogenen in I Don't Believe You (She Acts Like We Never Have Met). Es sind nicht nur relativ dankbare, weil äußerst nachempfindbare Höhepunkte und ein gefundenes Fressen für den Geschichtenerzähler, der in Dylan steckt. Den pflegt er hier erfolgreich, nachdem er ihn eine Albumhälfte lang vernachlässigt hat. Nichts anderes braucht man, um einen denkwürdigen kleinen Song abzuliefern, in dem der arme Bob zwischen der Schrotflinte des Bauern und den unbequemen Avancen der Bauerstochter steht, nur um sich auf die einzig wahre Weise aus der Affäre zu stehlen:

 

"Well, I couldn't leave
Unless the old man chased me out
'Cause I'd already promised
That I'd milk his cows
I had to say something
To strike him very weird
So I yelled
'I like Fidel Castro and his beard'"

 

Es ist der vermeintlich gewöhnliche Erzähler in Bob Dylan, der hier besticht. Mit Wortwitz und natürlicher sprachlicher Gewandtheit, bis zum Closer auch mit romantischer, kaum aber kitschiger Emotionalität, die sich nur in der übersteigerten Pseudo-Poesie von My Back Pages und der elendiglichen Länge von Ballad In Plain D negativ äußert. Dass er sich in letzterem seine eigenen Beziehungsprobleme zur damaligen Zeit vom Leib schreibt, entschuldigt vielleicht die ausschweifende und relativ leblose Präsentation, macht das Zuhören aber nur sehr bedingt leichter.

 

Vielleicht fasst das auch die LP als Ganzes zusammen. Dylan ist nicht wirklich auf irgendeinem Holzweg mit dieser LP, die ihn ruhiger und persönlicher als auf den Vorgängern präsentiert. Da ist kein Repräsentant einer ganzen Generation mehr, sondern ein gleichermaßen lebensfroher wie sentimentaler Solist, dem mehr auf dem Herzen liegt als die Schwierigkeiten des kleinen Mannes. Im Lichte dessen ist es trotzdem merkwürdig, dass er ausgerechnet dann den Pfad der direkten Botschaft verlässt und sich stattdessen zunehmend kryptischer Symboliken bedient. Passt nicht ganz zusammen und nagt an der atmosphärischen Tiefe der Tracklist. Die spürt man eigentlich nur in der zweiten Hälfte, die sich mehr denn je der persönlichen Ebene widmet, den Romantiker in Dylan zu ein, zwei Höchstleistungen antreibt. Das reicht dann nicht wirklich für die eigene Hall of Fame, dort war aber schon in den 60ern nur mehr wenig Platz.

 

Anspiel-Tipps:

- Motorpsycho Nitemare

- I Don't Believe You (She Acts Like We Never Have Met)

- It Ain't Me Babe