Blur - The Great Escape

 

The Great Escape

 

Blur

Veröffentlichungsdatum: 11.09.1995

 

Rating: 6 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 06.07.2019


Spürbare Lebensmüdigkeit raubt Dynamik und Treffsicherheit, zynischer Humor und cooler Sound bleiben.

 

Mit den Jahren hat sich verdammt viel an geschriebenen Zeilen angesammelt, die sich mit dem Britpop und dessen beliebtester Rivalität, der zwischen Oasis und Blur beschäftigen. Es ist auch verdammt viel Wasser die Themse runtergeflossen, seitdem dieses Genre seinen Zenit hatte. Blur waren 1995 mit die Ersten, die wirklich spüren durften, dass der bereits vorbei war und der Niedergang dieses zutiefst britischen Sounds folgen würde. Absurderweise eingeläutet vom Sieg der musikalischen "British Heavyweight Championship" (Copyright liegt bei NME) mit Leadsingle Country House, gefolgt von einer herben Niederlage gegenüber den Gallagher-Brüdern, die damals kurzzeitig von allen gemocht wurden. Wie jeder weiß, war das der Anfang vom Ende der Britpopband Blur und läutete den Wechsel hin zum dann wohlwollender aufgenommenen Alt Rock späterer Alben. Geblieben ist eine LP, die der Band selbst nicht gefällt und die ihr letztlich vor allem einen Titel endgültig sichert: Den als zynischsten Vertreter des Britpop.

 

Diesen Zynismus darf man allerdings nicht als einen kommerzieller Natur verstehen. Tatsächlich ist "The Great Escape" ein emotionaleres und folgerichtig auch weit weniger hörerfreundliches Album als die Vorgänger. Dass sich die Spitze der UK Charts trotzdem ausgegangen ist, ist wohl sehr passende Ironie. So oder so ist dieses vierte Album der Briten der weniger freudvolle, weniger dynamische, weniger sortierte und weniger treffsichere Bruder von "Parklife". Das führt dazu, dass man auf den ersten Blick meinen könnte, beide verbindet eigentlich nahezu nichts. Wurde der zynische Blick auf die britische Heimat am Vorgänger zelebriert und mit einer unglaublichen musikalischen Farbenfreude garniert, klingen Albarn und seine Kollegen diesmal gesetzter und mitunter nahe dran an der Depression. Das zerstört ein wenig die innere Harmonie des Albums und dessen Wirkung, sorgt aber auch für den Eindruck, dass die vielen stilistischen Einflüsse, die sich mal Beatles-esque, mal nach Reggae, mal nach College Rock und dann wieder nach Synth-Pop anhören, mitunter ein Höchstmaß an zynischem Humor versprühen. Immerhin spricht aus diesen Songs nie ein wohlwollender Humor oder Lebensfreude, sondern im äußersten die lebhafte Aggressivität des großartigen Openers Stereotypes, dessen gesellschaftskritischer Anklang eher nach Vorschlaghammer als Subtilität klingt, damit aber auch umso eindringlicher wirkt. Gepaart mit den absurd schrillen Synth-Sounds, den drückenden Riffwänden und auf der anderen Seite an Surf Pop erinnernden Harmonien ist das ein verdammt effektives Gemisch.

 

In der Folge ist man allerdings seltener beeindruckt, was daran liegt, dass die teilweise ausgefallenen Sounds zwar wie der mediterrane Hauch der Synths in Top Man oder aber die quietschige Elektronik von Globe Alone durchaus versiert und gelungen eingebaut sind, allerdings weniger anziehend wirken, als dass sie den Songs eine verstörende Dissonanz beimengen würden. Dieser abweisende Charakter hat etwas Imposantes an sich, er hört sich nur meistens nicht annähernd so gut wie die besten Minuten der vorangegangenen Alben. Was aber nichts daran ändert, dass Blur hier eindeutig am besten klingen, wenn eine Geradlinigkeit und ein Hauch von Härte aus diesen Songs spricht, sodass man trotz aller Britpoppigkeit schon den späteren Alt Rock und ein bisschen Garage-Charme spürt. Mr. Robinson's Quango ist dahingehend wunderbar chaotisch und spielt sich mit seinen Bläsern in der unförmigsten Weise, Globe Alone besorgt den gehetzten, punkigen Rock und Entertain Me schafft es, seinen plumpen, gemächlichen Beat bestmöglich durch verzerrte Riffs, akrobatische Basseinlagen und Albarns gewohnt unenthusiastischen Gesang zu komplettieren.

Tatsächlich ist der einzige Song, der nach Blur in bis dahin gewohnter Manier klingt und damit trotzdem sehr gut fährt, ausgerechnet Leadsingle Country House. Die ist genau der Pop-Rock mitsamt Bläsern und locker-leichtem Rhythmus, der Albarns zynischem Blick auf die Irrungen der britischen Gesellschaft erst zu seiner Wirkung verhilft. Ähnliches Format hat sonst nur Charmless Man, dessen Piano-Rock und lächerliche Background-Gesänge beinahe schon parodistische Züge annehmen.

 

Allerdings bedeutet das nun nicht, dass man nicht trotzdem oft genug gesitteter und poppiger musiziert. Blöderweise sind die Beispiele dafür auch meistens gleichzeitig die Schwachpunkte des Albums. Best Days beispielsweise schleppt sich als melancholische Ballade müde dahin und kann mit seiner durchaus gelungenen Hook im Refrain nichts anfangen. The Universal driftet mit seinen romantisierenden Streicherpassagen und Bläsersätzen dafür in den Baroque Pop ab und findet dort nichts außer Fadesse und Pomp, der in einem wiederum melodisch ansprechenden, abseits davon allerdings unsympathisch aufgeblasenen Refrain gipfelt. Überhaupt fragt man sich, wozu es ruhige bzw. langsame Tracks auf dieser LP gibt. Das finale Yuko & Hiro kann man zwar nicht als klassischen Britpop bezeichnen, die schräge Ballade kann mit ihren sporadischen Klavier- und Keyboardeinsätzen, dem unwillkommen piepsigen weiblichen Gastgesang und seiner rhythmischen Nichtigkeit allerdings auch so äußerst wenig anbieten. Ernold Same bringt einem dagegen wieder streicherlastige Melancholie, die sich allerdings mit Jahrmarktsmelodien paart und damit absurd überladen klingt. 

 

Das sind Minuten, die einen dazu bringen, selbst das mäßige He Thought Of Cars wegen dessen psychedelisch-sphärischem Sound und bluesiger Riffs schätzen zu lernen. Und das bedeutet am Ende des Tages oder auch nur des Albums, dass "The Great Escape" einfach viel zu löchrig ist, um sich gegenüber den besten LPs der Band behaupten zu können. Man bekommt es hier meist mit einem ständigen qualitativen und stilistischen Auf und Ab zu tun, sodass man gar nicht auf die Idee käme, das Album wirklich zu mögen. Denn die Songs, für die es sich wirklich lohnt - und es gibt einige davon - werden meist umgehend durch langweilige, in nahezu depressiver Melancholie schwimmende Songs abgelöst, deren schleppende Schwere absolut nichts transportiert. Das ist insofern verwunderlich und schade, als dass gerade Damon Albarn im Laufe seiner Karriere oft genug unter Beweis stellen sollte, dass ihm diese persönliche Ernsthaftigkeit durchaus liegt, vielleicht sogar sein Steckenpferd darstellt. Zu Zeiten, als der Übergang vom zynischen Britpop hin zum persönlicheren Alt Rock bevorstand, war davon allerdings wenig zu spüren. Stattdessen heißt es, sich an die schnelleren, härteren und textlich angriffigeren Momente zu klammern. Dort spielt nämlich die Musik, die Blur die längste Zeit erfolgreich ausgemacht hat.

 

Anspiel-Tipps:

- Stereotypes

Country House

- Entertain Me