Bloc Party - Intimacy

 

Intimacy

 

Bloc Party

Veröffentlichungsdatum: 21.08.2008

 

Rating: 6 / 10

von Daniel Krislaty, 14.09.2014


Gar nicht mal so vertraut wie der Titel verspricht.

 

Bloc Party sucht also weiter neue Wege, um sich abzuheben. Berührungspunkte mit dem grundanständigen Banddebüt Silent Alarm geben sich am bereits dritten Longplayer dann tatsächlich teilweise bloß noch unter der Lupe zu erkennen. Damit möchte ich aber keinesfalls andeuten, dass ein ach so hoher Niveauabfall Intimacy bis zur Undeutlichkeit gekennzeichnet hat, aber die vielen neuen elektronischen Einflüsse distanzieren sich doch eindeutig von den eher konventionellen 'Indie Rock'-Elementen, für welche die Band noch beim Erstling einstand. Resultierend aus dieser Entwicklung, die schon beim Zwischenwerk A Weekend in the City von Frontmann Kele Okereke und Co. als klare Devise ausgegeben und nun konsequent weitergeführt wurde, ergibt sich gesamtgesehen ein interessanter Ideenkessel leider bloß halbherzig eingelöster Möglichkeiten.

 

Mercury hingegen – ein Lied mit der Lizenz, einen unheilvollen Ohrwurm in Umlauf zu bringen – birgt weder ausbaufähige Aussichten noch eine Existenzberichtung jeglicher Art, geht es nach mir. Denn auch wenn der zuständige DJ einen soliden Trompeten-und- Posaunen-treffen-Electronica-Mix als Basis legt, zerstört Okerekes flapsiges "Mercury, merc-merc-mercury", was man gefühlt ununterbrochen an den Kopf geworfen bekommt, jede noch so gutgesinnte Geduld meinerseits. Einen dem Anstand entsprechenden Verabschiedungsbrief an die vergangenen, einfachgelagerten Tage von Silent Alarm lassen sich die Londoner mit dem sonnigen Halo dann auch schon relativ früh entlocken. Synthesizer für den Moment in weggesperrten Kisten verstaut und die E-Gitarren wieder zum Heulen gebracht, bringen sich die Jungs in die richtige, rotzfreche Stimmung, um von feuchtfröhlichen Eroberungen und hormongetriebenen Eindrücken zu palavern. Bildhafte Veranschaulichung zu den doch recht eindeutigen Zeilen und Anspielungen bietet das Cover des Albums - wie praktisch!

 

"Paralyze me with your kiss

Wipe those dirty hands on me

And maybe we're looking for the same thing

Maybe you're the one who'll complete me"

 

Nachdem Biko die hochgehenden Wogen dieses Rockbekenntnisses mit entspannten Melodien und minimalistischen Experimenten wieder zu glätten versucht, schäumt das konsistente Trojan Horse ebendiese mit verzehrten Gitarren sowie lauthallenden Stimmen erst wieder auf. Dieser Hin-und-Her-Charakter der beiden tüchtigen Ouvertüren setzt sich auch im unbestreitbaren Herzstück des gesamten Albums fort. Das scheinbar unverwüstliche Signs, ein ruhiger Popsong in Perfektion, brilliert mit einem komplexen Percussion-Konzert im tatsächlich 'intimen' Rahmen. Leider bleibt Track Nummer 6 nur ein Ausreißer im positiven Sinne, als dass sofort der Follow-Up One Month Off wieder in eher unliebsame Muster zurückfällt. Oberflächlich näher am bekannten Indie Rock dran und elektronische Experimentierfreude etwas in den Hintergrund gedrängt, kämpft das Lied vor allem mit seiner schon teilweise wortwörtlichen, und dafür ständig nervigen Einsilbigkeit ausgehend von Okerekes Text bzw. Gesang. Eine Wiedergeburt der anstrengenden Angewohnheit bloß Wortfetzen in die Welt zu entsenden wie bereits meisterhaft zermürbend während Mercury praktiziert, hat sich wohl keiner mehr erhofft. Und um Gottes Willen, wie oft will er seine Punchline "I can be as cruel as you" noch loswerden? Über interessante, lauter und leiser werdende Rhythmen liefert Talons, das ursprünglich bloß als Bonustrack angedacht war und es immerhin zur 2. Single gemacht hat, schon einen deutlich besseren Job als wildes Zwischenspiel ab. Und schließlich findet Bloc Party mit Ion Square sogar noch einen großartigen Closer, dem man wenn überhaupt nur die etwas gestreckte Laufzeit von sieben Minuten vorwerfen kann. Die zugeknöpfte Stimmung, in der sich Okerekes Gesang am wohlsten fühlt oder zumindest anhört, täuscht nicht über die trotzdem üppige Instrumentation im Fundament hinweg. Bei so viel Klasse nimmt man Ion Square die ausgedehnte Länge auch gar nicht mehr krumm.

 

So viel also dazu. Bloc Party hätte sich das Leben einfacher machen können. Sie hätten radiotaugliche Popsongs mit Indie Rock-Charakter zusammenkleistern können. Bestimmt. Aber bereits was die angesprochene Länge einiger Lieder betrifft, taten sie das nicht und alleine dafür muss man ihnen schon Respekt zollen. Die Band hat sich für den – unter Anführungszeichen – künstlerischen Weg entschieden, dessen Tücken sie aber immer mal wieder ins Hintertreffen der eigenen verwirrenden Loops und fragwürdigen Texten verirren ließ. Nun, Kraft des mir eigens verliehenen Amtes des offiziell passionierten Musikhörers befinde ich Bloc Partys Griff nach dem elektronischen Sternenhimmel für nett und/aber ausbaufähig. In Intimacys Reihen befinden sich zweifelsohne gute bis wirklich sehr gute Lieder, obwohl ich das Prädikat 'großartig' wohl an keinem Punkt bemühen würde. Gleichzeitig sind auch immer wieder Titel vorhanden, die im Grunde bloß einen Platzhalteranschein erwecken, ohne wirklich etwas Substanzielles beizutragen – schlicht übergehbare Songs. Dem nicht genug hält die LP auch so manch Momente gemeingefährlicher Blackouts bereit, denen ich lieber gar nicht erst begegnet wäre. In diesem Sinne: Schuldig im Sinne der Potentialverschwendung.

 

Anspiel-Tipps:

- Mercury

- Signs

- Ion Square