Billy Joel - The Stranger

 

The Stranger

 

Billy Joel

Veröffentlichungsdatum: 29.09.1977

 

Rating: 6.5 / 10

von Mathias Haden, 28.03.2021


Das Durchbruchswerk des Piano Man als gefällige kleine Packung zwischen Genie und Kitsch.

 

Unter all den erfolgreichen und gefeierten Musikern, deren Werke gleichermaßen in Listen der besten und meistverkauften aller Zeiten aufscheinen, gehört Billy Joel zu jenen, über die ich am wenigsten gern schreibe. Sicher nicht der unsympathischste Geselle seiner Zunft und in jungen Jahren auch immer wieder gerne gehört, fällt es mir tatsächlich bereits schwer, nur wenige Momente in seiner durchaus eindrucksvollen Vita zu schmökern. Vielleicht, weil mir die Geschichte vom überraschenden Erfolg, dem kurzen Niedergang und dem wiederum darauffolgenden, unverhofften Megatriumph mittlerweile ein wenig zu bekannt vorkommt, oder vielleicht, weil mich der Singer-Songwriter mit der charmanten Stimme dann doch stets an eine bemühte, aber insgesamt doch weniger kreative und deshalb auch langweiligere Version von Elton John erinnert - auch wenn mir da die wenigsten zustimmen mögen. Die Krönung seiner künstlerischen Vision stellt für die meisten sein fünftes Studioalbum The Stranger dar, das am 29. September 1977 veröffentlicht wurde. Joels Label Columbia hielt ihm nach dem kommerziellen Reinfall Turnstiles, das es im Vorjahr nicht einmal in die Top 100 der Billboard-Charts geschafft hatte, die Pistole an die Schläfe und drohte, den Piano Man wie eine heiße Kartoffel fallen zu lassen. Der Rest ist Geschichte: The Stranger verkaufte sich über zehn Millionen Mal, die ausgekoppelten Singles kaperten Charts und Radiostationen und Billy Joel wurde über Nacht zum Weltstar.

 

Wie in den meisten Fällen von Lieblingen der Kritiker kann man auch hier immer wieder Passagen vernehmen, die zum Aufhorchen veranlassen oder zumindest dazu führen, die wohlwollende Reputation einigermaßen nachvollziehen zu können. Da wäre etwa das lässige Pfeifen der Melodie vom Titeltrack, das diesen einleitet und ausklingen lässt und sich auch am Ende der Platte noch prominent platziert wiederfindet, damit zwar nicht sehr viel zur Güte des Albums beiträgt, aber immerhin einen der ikonischen Momente liefert. Oder das zwischen all den abgenudelten Hit-Singles versteckte, heimliche Kernstück, Scenes From An Italian Restaurant. Auf diesem sommerlich schwärmerischen Medley, das federleicht zwischen Pop, Jazz und Rock 'n' Roll balanciert, mit seinen Tempowechseln beinahe als kleine Prog-Perle durchgeht und mit dominanteren Funk-Rhythmen als Prototyp für einen japanischen City-Pop-Song firmieren könnte, läuft fast das einzige Mal auf The Stranger wirklich alles zusammen. Dazu kommen interessante Charaktere und gelungenes Storytelling - definitiv einer von Joels größten Momenten.

 

Leider hört man diese Anflüge von Genialität nur in homöopathischen Dosen. Das Meiste bleibt solide eingespielte Kost ordentlich bis gut geschriebener Songs. Man merkt, dass die Band um Richie Cannata und Steve Khan, die Joel von der Touring-Band zur Stamm-Band upgegradet hat, mittlerweile schon sehr gut aufeinander eingestimmt ist, das macht Stücke wie den nervigen Opener Movin' Out (Anthony's Song), dessen Beliebtheit ich tatsächlich niemals auch nur ansatzweise verstehen werde, leider kein bisschen besser. Das trifft auch auf den streichelweichen Lounge-Langweiler Just The Way You Are zu, der zaghaft dahinschunkelt und irgendwann endgültig im eigenen Kitsch ertrinkt. Würde mich nicht wundern, wenn der in diversen deutschen Soaps schon für das eine oder andere feuchte Auge gesorgt haben sollte. Der Gipfel der freundlich gepflegten Langeweile im pathetisch gefärbten Kitsch-Mantel ist aber erst am Ende erreicht. Everybody Has A Dream hört sich nämlich genauso an, wie der Titel vermuten lässt, schlurft seinem endlos fern scheinenden Ende mit Wohlfühl-Orgel und mehrstimmigem Background-Gesang entgegen und führt uns einen Protagonisten vor Augen, dem die exzentrische Art eines Elton John wirklich gut täte:

 

"I know that everybody has a dream
Everybody has a dream
And this is my dream, my own
Just to be at home
And to be all alone with you"

 

Gut nur, dass der Piano Man und seine Band am Rest der Platte öfter ins Schwarze treffen. Einerseits mit den ordentlichen, schwungvollen Nummern Only The Good Die Young und Get It Right the First Time, das mit seinen präsenten Percussions und dem hübschen Rhythmus wie ein cooler Samba einer brasilianischen Jazz-Pop-Straßenband einläuft, andererseits mit den beiden bekannten Balladen Vienna und She's Always A Woman, die ihren Job am Schmalztiegel besser hinkriegen als das oben gescholtene Just The Way You Are. Während Vienna in vielerlei Hinsicht so klingt, als würde sich Joel tatsächlich an einer Adaption eines Elton John-Stückes von 1972/73 versuchen, ist She's Always A Woman in meinen Ohren vielleicht seine stärkste Ballade. Wie Klavier, akustische Gitarren und Flöte hier zusammenfinden und eine magische Melodie heraufbeschwören, das ist wirklich beeindruckend. Dazu kommt, dass Joel auf keinem seiner Tracks besser klingt als hier, feinfühlig, weise und hingebungsvoll.

 

Zieht man nun auch noch den Umstand hinzu, dass die Band zwar souverän und gefällig spielt, aber nur selten so großartige Augenblicke verantwortet wie auf She's Always A Woman oder wie der legendäre Jazz-Trompeter Freddie Hubbard auf Zanzibar von Joels nächster LP 52nd Street, muss man leider wirklich festhalten, dass sich ein starkes Album nicht ganz ausgeht. Was bleibt, sind ein paar feine Melodien, ein tolles Artwork und die Bestätigung, dass sich der heißeste Shit in New York anno '77 doch ein paar Straßen weiter abspielte.