Belle and Sebastian - Girls In Peacetime Want To Dance

 

Girls In Peacetime Want To Dance

 

Belle and Sebastian

Veröffentlichungsdatum: 19.01.2015

 

Rating: 6 / 10

von Mathias Haden, 13.06.2015


Musikalische Weiterentwicklung und Aufbruchstimmung münden vorerst in ein liebevolles Disco-Chaos.

 

Stille Wasser können bekanntlich tief sein. Verdammt tief. Nicht umsonst hat die Geschichte schon so manch introvertierte Persönlichkeit zutage gefördert, die es hinter der unscheinbaren Fassade auf welche Art und Weise auch immer richtig knallen ließ. Und doch entbehrt es nicht einem leisen Funken Ironie, dass sich ausgerechnet der Parade-Stubenhocker Stuart Murdoch mit seiner Kammerpop-Kapelle Belle & Sebastian nach knapp zwanzig Jahren im Showbusiness und einer kleinen kreativen Schaffenspause plötzlich von seiner aufgeschlossensten Seite präsentiert. Was die Schotten auf ihrer nunmehr neunten LP Girls In Peacetime Want To Dance abziehen, kommt jedoch eher einem breitflächigen Stilwechsel, denn einer altersbedingten Auflockerung gleich. Die heimeligen, intimen Aufnahmen der ersten Alben, die in aufwendiger produzierten Variationen auch weiterhin stellvertretend für den Sound der sechsköpfigen Truppe stehen sollten, sucht man hier jedenfalls vergeblich...

 

Wäre da nicht der sanfte Auftakt mit dem graziösen Nobody's Empire, dem vielleicht persönlichsten Stück aus der Feder Murdochs. Auf diesem spricht der Sänger ganz offen über die Erfahrungen aus der Zeit, in der der sympathische Frontmann am chronischen Erschöpfungssyndrom litt, während die Band ihr Heil wie in alten Tagen in sanften Arrangements und lieblichen Melodien sucht und selbst mit dezenten Synthiespritzern nicht die Freude zu trüben vermag. Auch das anschließende Allie geht in seiner diplomatischen Funktion als Fans des frühen Sounds versöhnender Folk-Pop und mit seinen fetzigen Gitarren noch als Sieger hervor, danach bricht aber das Zeitalter der Disco über die LP herein, lädt das Sextett zum ungehemmten Feierspaß auf den Dancefloor.

 

Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Mit The Party Line, zu Zeiten des 96er-Debüts Tigermilk noch so unvorstellbar wie Neil Young als Frontmann einer Death Metal-Band, lässt sich die Band nicht lumpen, zieht mit flimmernden Synthesizern, polterndem Beat und knalligem Bass in bislang nicht ausgekundschaftete Gefilde. Mag den Langzeitfan womöglich ebenso verschrecken wie den Neueinsteiger, so richtig zünden will das Disco-Kleinod aber auch nach mehreren Durchläufen nicht; auch Murdochs bemühte Anfeuerungen bleiben befremdlich: "Jump to the beat of a party line". Das ist aber gar nichts im Vergleich zu Enter Sylvia Plath, mit dem schließlich alle Dämme der vorsichtigen Zurückhaltung ob des stilistischen Wandels der Schotten davon brechen. Im aggressiven Eurodance-Gezeter rauscht dieser siebenminütige Koloss in all seiner Schwerfälligkeit und Pet-Shop-Boys-Annäherungsversuche vorbei, ist letztlich wohl nicht ganz so ungenießbar, wie sich diese Beschreibung in Verbindung mit B&S-Assoziationen vielleicht anhören möchte, insgesamt aber natürlich ein hart Brocken. Besser macht es da die zweite gewaltige, überlange Komposition Play For Today. Auf diesem setzen Murdoch und Gastsängerin Dee Dee Penny von den Dum Dum Girls zum gehaltvollen Duett an, halten sich auch über die gesamte Länge über einer Decke aus flippigen Keyboards und hübschen, schwungvollen Rhythmen bestens und geleiten die Nummer mit ihrem herrlichem Gesang unbeschadet ins Ziel:

 

"I read a play written today about a boy

Tied in melancholy, takes the weight

Takes the weight of the world

I walked alone, loving a song"

 

So entfaltet sich über die zehrende Laufzeit von knapp einer vollen Stunde ein Wettkampf der Verschiedenheiten, zwischen Kammerpop und Eurodisco, Pop-Pleasure und elektronischem Verbrechen, lyrischer Perle und zum Fremdschämen verleitende Nichtigkeit. Die luftigsten Höhen des liebenswürdig schwungvollen Openers Nobody's Empire werden dabei ebenso wenig mehr erreicht, wie die dunklen Momente des monotonen Eurotrashs von Enter Sylvia Plath, damit mäandert die LP durch leichte Aufs und Abs, behält letztlich aber doch das Überwasser. Denn Belle & Sebastian sind einerseits zu abgebrüht, um sich unvorbereitet in die Disco-Hölle zu begeben, andererseits kann man den neuen Klanglandschaften in einigen Momenten durchaus etwas abgewinnen. So beispielsweise im lebhaft schunkelnden The Book Of You, dem sowohl seine heitere 80er-Ästhetik, als auch Sarah Martin als Leadsängerin gut zu Gesicht stehen - auch wenn es das finale Gitarrengegnidel nicht unbedingt gebraucht hätte - oder im gemächlichen Schlusspunkt Today (This Army's For Peace), bei dem in atmosphärischen Soundsphären plötzlich wieder verträumte Zurückhaltung und berührender Gesang im Fokus stehen.

 

Wer hätte nur vermuten können, Stuart Murdoch und sein Pop-Ensemble Belle & Sebastian würden sich eines Tages von alten Gepflogenheiten lösen, ihrem herzlichen, barock instrumentierten Folk-Pop adieu sagen? Böse sein kann man den Schotten jedenfalls nicht, wer will denn schon mit jeder LP einen immer dünner und dünner werdenden Aufguss des Vorgängers aufgetischt bekommen? Die logische Antwort auf all diese Fragen birgt die Disco-Wundertüte Girls In Peacetime Want To Dance, die zwar in ihrer Euphorie und Aufbruchsstimmung etwas übermütig wird und sich mehrmals etwas übernimmt, für jede mäßige Darbietung aber zumindest eine der besseren Art anbietet. Insofern stellt die Platte im bandeigenen Kanon zwar keine essenzielle Landmarke, nichtsdestotrotz aber eine willkommene, abwechslungsreiche Ergänzung dar. Und so kommt man auch nicht darum herum, seinen befreit aufspielenden Protagonisten ein letztes Mal zu zitieren: "Be popular - play pop / And you will win my love" - machen wir doch glatt!

 

Anspiel-Tipps:

- Nobody's Empire

- Allie

- Play For Today