Bad Religion - No Control

 

No Control

 

Bad Religion

Veröffentlichungsdatum: 02.11.1989

 

Rating: 9.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 25.01.2020


Der aggressive Höhepunkt nach dem aggressiven Höhepunkt.

 

Die späten 80er waren eine gute Zeit, um wütend zu sein. War man gefangen im Kommunismus, war das Ende der 80er endgültig das Ticket zu wirtschaftlichem Stillstand und Rückschritt, leeren Geschäften und einer schwächelnden Großmacht, gegen die es sich zu revoltieren gelohnt hat. War man nicht dort, hatte man immer noch mit Leuten wie Ronald Reagan oder Margaret Thatcher zu tun, deren Vision einer Welt der Wirtschaft und des ellbogengestärkten Einzelnen in einer zerlegten Gesellschaft nicht unbedingt den rosigsten Ausblick für kommende Generationen weniger gut betuchter Menschen zu bieten hatte. Und selbst wenn man die nicht hatte, war man konfrontiert mit dem grauenvollen Kitsch der 80er, der dauernden Reizüberflutung einer in Neon getunkten Kunst und Medienwelt, deren hohle, glitzernde Aura fast ausschließlich von ihrem Drogenverbrauch übertroffen wurde. Da lohnt es sich schon einmal, ein bisschen auszuteilen. Die Glanzzeit des Punk war damals trotzdem nach landläufiger Meinung bereits ein Ding der Vergangenheit, Synth Pop, Hair Metal und manch Zwischenstadium dessen dominierten, mehr oder weniger ordentlicher Metal, Grunge und Alternative Rock erst langsam einen Umsturz einleiteten. Gut, dass da auch noch Bad Religion waren.

 

Das klingt vielleicht etwas zu optimistisch, weil die breite US-Öffentlichkeit damals von den Kaliforniern ungefähr so viel mitbekommen hat wie vom heimischen Cupfinale zwischen Austria und Rapid. Die Punker agierten also im sprichwörtlichen Untergrund, waren aber genauso wie manch andere Ihrer Zunft im Aufwind. Um diesen auszunutzen, hat man sich intelligenterweise dazu entschlossen, den mit "Suffer" begonnen Siegeszug fortzusetzen und sich langsam, aber sicher zu einer der stilistisch monochromsten Bands des Universums zu entwickeln. Weil man bereits damals den perfekten Farbton gefunden hatte, klingt auch "No Control" durch und durch großartig. In der richtigen Lautstärke ist das Gebotene von einer so durchdringenden Wucht, dass man beinahe schon dazu neigen könnte, sich nicht mehr um die Texte zu scheren. Das wäre allerdings ein dramatischer Fehler, denn von einem textlichen Leistungsabfall kann genauso wenig die Rede sein. Greg Graffin, Brett Gurewitz und die anderen drei sind also in Topform, was in klassischer Manier eine Aneinanderreihung von High-Speed-Power-Chords und politischer Anklagen in bissiger, direkter und doch irgendwie eloquenter Form bedeutet. Was will das Herz mehr?

 

Vielleicht ja ein paar Songtitel. Will man die besseren, blickt man auf die erste Hälfte der LP, wo man mit Liedgut frischester Art und in höchster Qualität versorgt wird. Lautstarke Punkhymnen hier und da, ob sie nun Big Bang, Automatic Man oder I Want To Conquer The World heißen. Weil man sich schwer tut, zwischen 155 und 160 Beats pro Minute zu unterscheiden, kann man leicht in die Verlegenheit kommen, zwei Songs als ein und denselben wahrzunehmen, die energiegeladenen, explosiven Riffs verschmelzen zu sehen und deswegen ein bisschen den Überblick zu verlieren. Trotzdem lässt man sich alsbald dazu hinreißen, zwischen den gebotenen Tracks zumindest graduelle Unterschiede in der Riff- und Textqualität auszumachen. Weil die oben genannten beides in erstklassiger Manier zu vereinen wissen, sich mit ihrer halsbrecherischen Geschwindigkeit, den damit verbundenen, dröhnenden Soundwänden und mitreißenden Texte ins Ohr hämmern, stehen sie auch sehr weit oben auf der Popularitätsskala. Genauso wie Sanity, dessen allerdings die erste Hälfte gänzlich untypisch im Mid-Tempo-Terrain beschließt, dort aber auch ein paar adäquate Zeilen für den Kampf gegen den Irrsinn findet:

 

"Depression
Is a fundamental state of day
It doesn't really matter how my day has turned out
I always end up living in this world of doubt

And sanity is a full time job
In a world that is always changing
And sanity will make you strong
If you believe in sanity"

 

In der Folge erweist sich der monotone Sound einmal mehr als kleines Hindernis auf dem Weg zum größten Album aller Punk-Zeiten. So kämpft auch "No Control" mit leichten Abnutzungserscheinungen, die der zweiten Hälfte ein ganz klein wenig der durchdringenden Schlagkraft nehmen, die einem in den ersten Minuten begegnet. Nichtsdestoweniger schafft es die Band, noch ein kleines Schäuferl gegenüber dem Vorgänger zuzulegen, etwas kompakter und ausdauernder zu klingen. Möglicherweise liegt das auch an der ungewöhnlichen Produktion, bei der Gurewitz zuerst die Lautstärke raufgedreht und dann, der unwillkommenen Kompression sei Dank, das Ganze wieder in Richtung Urzustand gemixt hat. Der Punch ist wohl auch deswegen ein einzigartiger, genauso wie die Verbindung aus unbändiger Energie und einer großartigen Hook nach der anderen kaum zu toppen sein wird. Daran liegt es auch, dass man etwaigen Abnutzungserscheinungen zum Trotz den schwächsten Song im ultrakurzen, etwas blassen Opener Change Of Ideas sieht, während man auch in der zweiten Albumhälfte noch auf Topmaterial wie You, Progress oder Anxiety trifft.

 

Insofern ist alles in Butter, auch wenn es das eigentlich nicht ist, wie es einen Bad Religion ziemlich überzeugend wissen lassen. Und so komme ich zu der bescheidenen Einschätzung, dass "No Control" klingt und ist, wie es der Punk sollte. Ein leidenschaftlicher, in Power Chords gegossener - nicht einmal halbstündiger - Energieüberschuss, der sich in genialen Hooks und dröhnenden Soundwänden äußert, ohne dabei den mitunter gewichtigen Lyrics die Luft zu nehmen. Damit gelingt Bad Religion das, was ihnen im Jahr davor auch schon gelungen ist, nur noch etwas besser. Und bei dem Ausgangsniveau bedeutet das einen kaum zu toppenden Auftritt, der nicht nur innerhalb seines Genres genug Argumente für so manche Bestenliste bietet. Genau das richtige, um ein unliebsames Jahrzehnt endgültig seinem verdienten Ende zuzuführen.